Gerüchte Gerüchte über Flüchtlinge: Wut sucht Wahrheit

Demonstranten bei einer 'Bärgida'-Demonstration in Berlin. Anlass ist der Fall eines angeblich vergewaltigten 13-jährigen Mädchens.

(Foto: dpa)

Ermordete Putzfrauen und ein aufgegessenes Kind: Im Internet kursieren die wildesten Geschichten. Welche Macht sie entfalten - und wie schwer sie zu bekämpfen sind.

Von Verena Mayer und Jens Schneider

Diese Geschichte spielt in zwei Welten, in der virtuellen und in der realen, und es scheint dieser Tage vielen schwerzufallen, diese Welten auseinanderzuhalten. Einem 13-jährigen Mädchen soll Schlimmes widerfahren sein, in Berlin-Marzahn, Anfang Januar. Das Mädchen aus einer russlanddeutschen Familie wurde im Internet schnell unter seinem Namen bekannt, ein Symbol gar. Am 11. Januar wurde es als vermisst gemeldet. Nach 30 Stunden tauchte es wieder auf.

So weit folgen beide Geschichten demselben Strang. Doch seit zwei Wochen entwickeln sie sich immer weiter auseinander. Im Internet und in russischen Medien wird berichtet, dass es entführt und von mehreren Flüchtlingen 30 Stunden lang vergewaltigt worden sei. So, als handele es sich um eine Tatsache.

"Ob Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte"

Die Berliner Polizei erklärte bereits kurz nach den ersten Gerüchten ganz klar, dass es keine Vergewaltigung gab, auch keine Entführung. Auch diesen Mittwoch wiederholt Martin Steltner von der Staatsanwaltschaft Berlin wie schon seit Tagen gebetsmühlenartig, was Sache ist. Das Mädchen sei medizinisch untersucht worden, es gebe keinen Hinweis auf eine Vergewaltigung. Es sei "in die falschen Kreise" geraten und habe Sexualkontakte gehabt. Allerdings einvernehmlich und vor seinem Verschwinden. Deswegen werde gegen zwei Verdächtige ermittelt, die aber keine Asylbewerber seien. Wegen Kindesmissbrauchs.

Doch die andere Geschichte bleibt davon unberührt, sie wird immer mächtiger. Dass die Polizei dem Gerücht widerspricht, wird als Zeichen gesehen, dass die Wahrheit nicht ans Licht solle. Der russische Außenminister Sergej Lawrow wirft den Behörden Vertuschung vor. In Berlin, aber auch in Baden-Württemberg oder Bayern, sind Hunderte losgezogen, um auf das Schicksal des Mädchens aufmerksam zu machen. Die NPD rief dazu auf, auch ein "Internationaler Konvent Russlanddeutscher". Man sah junge Männer auf der Straße und ältere Damen, hörte Eltern, die ihre Kinder nicht mehr unbegleitet aus dem Haus lassen. Alle waren sich einig, dass sie den Behörden nicht trauen. Eine Frau sagte einem NDR-Reporter: "Ob Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte."

Überall kursieren momentan Gerüchte über kriminelle Flüchtlinge

Die Bereitschaft ist derzeit groß, Geschichten über vermeintlich kriminelle Ausländer zu glauben und weiterzutragen, zumal in der Nachbarschaft von Flüchtlingsunterkünften. Sie werden im Internet kolportiert, als handele es sich um unterdrückte Wahrheiten.

Verbunden damit ist das Misstrauen, dass die Polizei die Wahrheit ohnehin nicht zulasse, weil sie das politisch nicht dürfe. Seit der Silvesternacht von Köln verpuffen ihre Richtigstellungen oft gegen die Macht der Gerüchte. So überleben mit großer Vitalität düstere Geschichten wie jene von einem Supermarkt aus dem baden-württembergischen Meßstetten, der angeblich von Flüchtlingen geplündert wurde und seither geschlossen sei. Tatsächlich blieb er unbehelligt und ist weiterhin geöffnet.

Oft entstehen solche Geschichten rund um Flüchtlingsheime. In Meßstetten, wo 3000 Menschen in einem Erstaufnahmelager untergebracht sind, wurden angeblich Schafe gestohlen und geschächtet. Auf einem Bauernhof fand sich angeblich ein abgeschlagener menschlicher Kopf, der in anderen Geschichten in einer Mülltonne oder auf dem Parkplatz des - angeblich wegen Flüchtlingen geschlossenen - Supermarkts auftaucht. Nichts davon stimmt.

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