Geheimdienstbasis Zypern Insel der Spione

Die Innenstadt der zyprischen Hauptstadt Nikosia. Nicht weit von hier befindet sich eine Basis des britischen Geheimdienstes.

(Foto: AFP)

Wer von Beirut aus nach Berlin telefoniert oder in Tel Aviv eine E-Mail schreibt, der schickt seine Daten durch ein Glasfaserkabel nach Zypern. Dort befindet sich einer der wichtigsten Horchposten des britischen Geheimdienstes GCHQ. Auch die Spione der NSA greifen dort in großem Stil zu - als Touristen getarnt.

Von John Goetz, Nicky Hager und Frederik Obermaier

Einige Spione kommen in gelben Shorts, andere mit Käppis, so wollen es die Vorschriften. Niemand soll Verdacht schöpfen, niemand soll erfahren, dass Amerikaner auf Zypern spionieren, noch dazu von einem britischen Stützpunkt aus. Also müssen sich die amerikanischen Späher als Touristen verkleiden, bevor sie sich auf den Weg machen nach Ayios Nikolaos - zu einem der wichtigsten Horchposten des britischen Geheimdienstes Government Communications Headquarters (GCHQ). Der Stützpunkt verbirgt sich hinter jener "ausländischen Station", die in den Dokumenten des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden unter dem Codenamen "Sounder" geführt wird. Das ergeben Recherchen der griechischen Zeitung Ta Nea, des Fernsehsenders Alpha TV, des italienischen Magazins L'Espresso und der Süddeutschen Zeitung.

Der Horchposten liegt im kargen Osten Zyperns, direkt an der Grünen Linie zwischen der Republik Zypern und dem türkischen Inselteil. Auf Luftbildern sind einige Gebäude zu sehen, Satellitenschüsseln, Antennen, außen herum ist die Landschaft steinig und öd. Bis zum Strand sind es fünf Kilometer, ebenso weit ist es bis zum nächsten Ort, wo die Leute neugierig werden könnten ob der kostümierten Ausländer. Man ist hier ungestört, das ist ein Standortvorteil: Neben den bekannten Spionagezentren in Großbritannien und den USA führen GCHQ und NSA ihren globalen Lauschangriff auch von Zypern aus.

Das Eiland wurde bereits Ende der Vierzigerjahre zur zentralen Basis für die britische Spionage im Nahen Osten. Ob man nun auf dem Sinai, im Irak oder in Syrien herrschte - die Lauscher auf Zypern waren dabei. Die strategische Lage der Insel ist ideal: Bis nach Syrien sind es gerade mal 100 Kilometer, zu den Krisenherden in Libanon und Israel nicht viel mehr. Inzwischen ist die Insel zudem ein wichtiger Knotenpunkt für Internet- und Telefonkommunikation aus dem Nahen Osten und Nordafrika: 14 Unterseekabel treffen in Zypern auf Land. Wer von Beirut aus nach Berlin telefoniert oder in Tel Aviv eine E-Mail schreibt, schickt seine Daten mit großer Wahrscheinlichkeit zunächst durch ein Glasfaserkabel nach Zypern. Und diese Leitungen anzuzapfen, so viel ist spätestens seit Snowdens Enthüllungen bekannt, gehört zum Standardrepertoire des britischen Geheimdienstes.

Der Geheimdienst GCHQ kann von Londons kolonialem Erbe zehren: Selbst nach der Unabhängigkeit Zyperns im Jahr 1960 hat sich die britische Krone zwei Militärstützpunkte auf der Insel erhalten. Diese sind sogenannte Sovereign Base Areas, im Unterschied zu herkömmlichen Militärstützpunkten gelten sie als echte Überseeterritorien. Auf einem solchen Gelände liegt auch der Horchposten Ayios Nikolaos.

Die britischen Späher haben einen wichtigen Helfer: das zyprische Staatsunternehmen Cyprus Telecommunications Authority (CYTA), das an vielen Unterseekabeln beteiligt ist. Das Telekom-Unternehmen ist vertraglich verpflichtet, mit den Briten zu kooperieren. Das bedeutet, dass das Staatsunternehmen - so wie viele Firmen in Großbritannien und den USA auch - verpflichtet ist, beim Spionieren zu helfen und den Datenhunger des britischen Geheimdienstes zu stillen.

"Mastering the internet", also das Beherrschen des Internets, ist das erklärte Ziel der Spione Ihrer Majestät. Jede Sekunde fangen die Späher Hunderte Gigabytes ab; Mails, Anrufe, Bankdaten. Auf Zypern sitzen dabei offenbar die Männer und Frauen für die schwierigen Fälle: jene nämlich, die auch Israel ausspionieren, ein Land, das gleichzeitig unter dem Codenamen "Ruffle" mit Amerikanern wie Briten kooperiert und mit ihnen Informationen austauscht. Jene Mitarbeiter, denen es angeblich gelungen ist, das als abhörsicher geltende Tor-Netzwerk zu infiltrieren, sitzen ebenfalls auf Zypern. In einem Dokument aus dem Jahr 2012 werden sie als "engagierte Personen" gelobt, "die eine Menge harter Arbeit" hinter sich hätten.

Offiziell ist Ayios Nikolaos ein britischer Stützpunkt. In Wahrheit handelt es sich jedoch um ein angloamerikanisches Gemeinschaftsprojekt. Schon mehrmals waren die Briten kurz davor, den Posten zu schließen; man wollte sparen. Am Ende sprangen stets die Amerikaner ein, sie wollten auf keinen Fall den strategisch wichtigen Stützpunkt verlieren, und das ließen sie sich auch etwas kosten. Mittlerweile zahlt die National Security Agency (NSA) gar die Hälfte des Betriebs. GCHQ-intern gilt die Devise, dass der Stützpunkt auf jeden Fall weiterbetrieben werden müsse, um "ein gesundes Verhältnis mit den amerikanischen Kunden" aufrechtzuerhalten.

Der amerikanische Hauptkunde, nämlich die NSA, schickt längst auch eigenes Personal nach Zypern. Weil das jedoch gegen die offiziellen Vereinbarung zwischen der britischen und zyprischen Regierung verstößt, sollen sich die US-Spione bei der Anreise tarnen. Sie sollen sich, so steht es in einem internen NSA-Regelbuch, als Touristen verkleiden, etwa als Reisende aus Europa - nur auf keinen Fall wie "typische Amerikaner".