Zahl der Geburten in Deutschland sinkt Kinder sind unbezahlbar

In Deutschland ist die Geburtenrate niedriger als im Rest Europas, dabei werden nirgendwo sonst Familien so großzügig subventioniert. Am fehlenden Kinderwunsch liegt das oft nicht. Um Mut zu machen, diesen auch zu verwirklichen, muss sich vor allem die Arbeitswelt ändern.

Ein Kommentar von Alexandra Borchardt

Es ist an der Zeit, über anderes zu reden als über Geld. Es geht um Leben. Und es geht darum, wie Kinder das Leben von Frauen und Männern prägen, und warum manch einer sich auf dieses Abenteuer nicht einlassen mag oder kann.

Aber zuerst die Fakten: In Deutschland, dem Land mit der niedrigsten Geburtenrate Europas, kamen im vergangenen Jahr 15.000 Babys weniger auf die Welt als 2010. Die Zahl der Geburten sank damit um mehr als zwei Prozent.

Familienpolitiker und alle, die sich aufgrund eigener Erfahrungen dafür halten, nutzen diese Zahlen für sehr unterschiedliche Debatten. Kinder sind unbezahlbar, sagen die einen: zu wenige Kita-Plätze, zu viel Hartz IV, zu langes Studium, zu unsichere Jobs, zu hohe Mieten, zu teure Kinderwunschbehandlung - so argumentieren diejenigen, die meinen, Paare würden schon Kinder bekommen, wenn denn nur die (bitte vom Staat zu schaffenden) Bedingungen besser wären.

Die anderen, die sich mit der sinkenden Geburtenrate bereits abgefunden haben, nehmen die Statistik zum Anlass für ein "Siehste!". Habe man doch gewusst, dass Elterngeld, Kindergeld und all die anderen Leistungen für Familien nichts dazu beitragen, die Fortpflanzungsfreude deutscher Paare zu erhöhen. Kinder seien eben unbezahlbar.

Natürlich ist an beidem etwas dran. Nirgendwo sonst werden Familien nach dem Prinzip Gießkanne so großzügig bedient wie in Deutschland, und nirgendwo bewirken solche Milliarden so wenig. Auch das Elterngeld hat bei allen positiven Effekten - wie dem wirksamen Babypause-Anreiz für Väter - auf die Geburtenrate bislang keinen messbaren Einfluss gehabt. Familienpolitiker hören es ungern, denn es nimmt ihren Argumenten die Wucht, aber das Ja zum Kind wird weit stärker von gesellschaftlichen, religiösen und individuellen Faktoren beeinflusst als von finanziellen.

Die Geburtenrate in Amerika zum Beispiel liegt deutlich über der in vielen westlichen Industriestaaten, obwohl die Gebühren für Kitas und Colleges pro Kinderleben dort häufig dem Wert einer Eigentumswohnung entsprechen. Dieser statistische Erfolg erklärt sich nicht nur mit der hohen Zuwanderung, sondern auch damit, dass Religiosität und Statusdenken (mein Haus, meine Kinder, meine Autos) die Mehrkinder-Familie zur gesellschaftlichen Norm machen, die es mit Mut und Tatkraft zu erfüllen gilt.

In Deutschland fehlt es Frauen und Männern oft gar nicht am Wunsch nach Kindern, sondern sie schaffen es nicht, ihn zu verwirklichen. Denn damit Kinder entstehen, braucht es Bindungen. In einer Welt der scheinbar vielen Wahlmöglichkeiten wird aber die Unverbindlichkeit geschätzt.