Flughafen Berlin-Brandenburg Selbst 2016 scheint gefährdet

Ein hochrangiger BER-Mitarbeiter erhebt schwere Vorwürfe gegen Airport-Chef Hartmut Mehdorn (Archivbild).

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Keine klare Planung, ausgeschaltete Kontrollinstanzen und wieder einmal ein gefährdetes Eröffnungsdatum: Ein hochrangiger Mitarbeiter des Berliner Flughafenprojekts erhebt schwere Vorwürfe gegen Airport-Chef Mehdorn. Die Flughafengesellschaft verweigert einen Kommentar.

Von Jens Schneider, Berlin

Der Bau des Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg könnte noch deutlich länger dauern als bisher angenommen. In einem Brief an die wichtigsten Aufsichtsräte des Flughafens BER warnt jetzt ein hochrangiger Mitarbeiter des Projekts vor möglichen Fehlern beim Umbau des Unternehmens und Missmanagement.

Er erhebt Vorwürfe gegen die Geschäftsführung unter Leitung von Hartmut Mehdorn. Nach seiner Einschätzung fehlt dem Flughafen eine klare Planung. Das Handeln sei von Aktionismus ohne angemessene Abstimmung und Sachkunde geprägt. In dem Schreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, heißt es, dass die Inbetriebnahme des Hauptstadtflughafens für das Jahr 2016 "akut gefährdet" sei.

Der BER sollte ursprünglich 2012 eröffnet werden, wegen massiver Baumängel musste der Termin immer wieder verschoben werden. Mehdorn übernahm die Leitung vor einem Jahr. Er warnte unlängst den Aufsichtsrat, dass eine Eröffnung 2015 gefährdet sei. Von einer Verschiebung sogar über 2016 hinaus war bisher nicht die Rede. Aus dem Aufsichtsrat ist Mehdorn wiederholt öffentlich aufgefordert worden, einen Terminplan vorzulegen.

Mehdorns Entscheidung gefährde die rechtzeitige Inbetriebnahme

Urheber des Schreibens an die Aufsichtsräte ist der Leiter des Real Estate Managements am BER, Harald Siegle. Der Architekt und Baufachmann leitet diesen Bereich seit 2009. Er ist dabei für die Vermarktung der Immobilien des Flughafens, auch des Terminals, verantwortlich. Dem Bereich Real Estate unterliegt in der Eigentümerfunktion auch die Übernahme von Anlagen und Gebäuden "von den Bauleuten". Dazu gehören nach seiner Darstellung Qualitätskontrollen zur Funktionsfähigkeit und Sicherheit der Flughafengebäude.

Nun warnt Siegle die Aufsichtsräte, dass Mehdorn den Bereich kurzfristig auflösen und aufteilen wolle. Damit gingen "eine Reihe von Funktionen verloren, die für die Betriebssicherheit und die Fertigstellung des BER wesentlich sind", schreibt er. Die Entscheidung gefährde eine betriebssichere und rechtzeitige Inbetriebnahme.

Zugleich zieht der Architekt in einem weiteren, an Mehdorn adressierten Schreiben, das auch an die Aufsichtsräte ging, eine verheerende Zwischenbilanz des Baugeschehens. Mehdorn hat am Flughafen eine sogenannte Sprint-Organisation aufgebaut, um die Fertigstellung voranzutreiben. Ob es Erfolg brachte, lässt sich schwer einschätzen, weil bestehende Baumängel vor seiner Einführung entstanden.

Eröffnung im Oktober 2016 sei lediglich "Best Case"

Der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, sagte unlängst, Mehdorn führe seine Aufgaben mit Verve aus. Man solle ihm die Chance geben, seine Pläne umzusetzen. Dem Schreiben des Real-Estate-Leiters von diesem Donnerstag zufolge hat sich der Zustand seit der Sprint-Einführung nicht verbessert. Es fehle nach wie vor eine zentrale professionelle Terminsteuerung. Eine Inbetriebnahme im Oktober 2016 sei als "Best Case" zu betrachten. Dieser Termin sei nur bei massiven strukturellen Verbesserungen erreichbar, schreibt er. Die Flughafengesellschaft wollte dies nicht kommentieren, sie nenne keinen Termin.

Siegle spricht von "Strukturfehlern des Sprintprojektes". Nach seiner Darstellung wüssten die Baufirmen vom "Kompetenzwirrwarr beredt Zeugnis zu geben", sie würden meist ohne Pläne gleichzeitig auf- und rückbauen, wenn denn etwas gebaut werde. Tatsächlich stehe die Baustelle weitgehend still. Auf der Baustelle seien mehr als 280 Bauüberwacher und Bauleiter engagiert, dem stehe kein adäquates umgesetztes Bauvolumen gegenüber. Die Führung und Koordination der Bauleiter seien unklar geregelt.

Dabei fehlt dem Schreiben zufolge im Bereich Planung und Bauprojektmanagement weiter wichtiges Know-how, es schwinde gar. Es gebe "bis heute keine endgültige funktions- und genehmigungsfähige Ausführungsplanung", heißt es. Bauleistungen würden ohne ausreichende Planungsgrundlage durchgeführt. In der Folge müssten auch durchgeführte Bauleistungen erneut verändert werden.

Unter Mehdorn habe sich die Unternehmenskultur verschlechtert

Siegle warnt, dass "die Qualitätssicherung innerhalb des Baubereichs nach wie vor nicht funktioniert". Er spricht von einer einseitigen Orientierung auf eine wie auch immer geartete Fertigstellung ohne Rücksicht auf Planung, Dokumentation und den künftigen Betrieb. Bei der Flughafengesellschaft werde die "Beseitigung von Planungs- und Baumängeln vielfach intern und auch extern auf jene Beteiligten übertragen, die im Zweifel die Mängel verursacht haben und dafür haftbar sind".

Nach Siegles Einschätzung hat sich die Unternehmenskultur unter Mehdorn verschlechtert. Die Stimmung sei, so heißt es, durch "Beratungsresistenz, verstärkte Hierarchisierung, Resignation und Kritiklosigkeit gekennzeichnet". Der Architekt schreibt, dass in der Innenwahrnehmung die Entscheidungsfindung zuweilen auf Bauchgefühl beruhe und sprunghaft sei. Fehlentscheidungen würden demnach nicht revidiert, sondern als Beleg von Führungsstärke entschieden durchgesetzt.

Ein Sprecher Mehdorns erklärte auf Anfrage, dass die Flughafengesellschaft zu internen Organisations- und Personalangelegenheiten grundsätzlich keine Auskunft gebe. "Die zügige, sichere und verlässliche Inbetriebnahme des BER steht im Zentrum unseres Handelns", betonte er.