Finanzkrise in Zypern Flucht in Russlands Arme

Demo in Nikosia: Demonstrant mit einem Schild und Merkels Konterfei und dem Text "Denk gar nicht dran, ich weiche nicht"

(Foto: AFP)

Was wäre, wenn Zypern EU und Euro aufgibt? Was wäre, wenn nur Russland das Land vor der Pleite retten würde? Moskau würde es zu einem Vasallen machen. Und der Sündenbock ist längst gefunden: Deutschland.

Von Christiane Schlötzer, Nikosia

Was wäre, wenn? Wenn Zypern den Euro aufgäbe und auch die EU verließe? Wenn das ganze russische Geld in Säcken von der Mittelmeerinsel abtransportiert würde? Solche Fragen werden jetzt überall gestellt, da Zypern in der Krise steckt. In den hektischen Gesprächen der Euro-Finanzminister, den endlosen Telefonaten der Zentralbanker mit ihren nervösen Kollegen in Nikosia, in den stundenlangen Polit-Talkshows im zyprischen Fernsehen - und auch auf den Gängen des Kreml.

Die Zyprer erinnern sich gern, jetzt umso mehr, an ihr einst starkes Zyprisches Pfund. Zyperns Wirtschaftskraft ist zudem für die Euro-Zone fast unbedeutend, weshalb ein Austritt aus der Gemeinschaftswährung für die Insel und vor allem für ihre Banken zwar äußerst schmerzhaft, aber für die anderen Euro-Länder wohl verkraftbar wäre. Weit dramatischer aber sind die politischen Konsequenzen, die ein solcher Schritt zur Folge hätte. Zypern, erst seit 2004 Mitglied der Europäischen Union, müsste dann wohl auch die EU verlassen - und würde so schnell nicht wieder Aufnahme finden können.

Warum? Weil es derzeit nur eine Nation gibt, die Zypern vor der Pleite zu retten bereit ist - wenn dies die EU nicht tut -, und das ist Russland. Der Preis dafür: Moskau würde die Insel zu einem Vasallen machen. Russisches Geld läge auf den Banken, Gazprom würde die reichen Gasquellen vor Zyperns Küste kontrollieren, Russlands Militär könnte einen Stützpunkt auf der Insel bekommen - als Ausgleich, sollte der Marinehafen in Syrien verloren gehen.

Ist das nur eine so schreckliche wie unwahrscheinliche Zukunftsvision? Nein. Zyperns konservativer Präsident Nikos Anastasiadis ist erst seit drei Wochen im Amt, seine Regierungsmehrheit ist dünn. Anastasiadis ist ein Pro-Europäer, was man von seinem Vorgänger Dimitris Christofias und seiner kommunistischen Akel-Partei nicht immer sagen konnte. Die Akel hatte 2004 mit dem damaligen Präsidenten Tassos Papadopoulos paktiert - gegen einen UN-Plan zur Wiedervereinigung der seit 1974 in einen griechischen und einen türkischen Teil gespaltenen Insel. Das war ein Schlag gegen Europa. Christofias ist abgewählt, er muss die Folgen der Katastrophe nicht mehr tragen. Die Akel-Partei aber lauert schon auf ihren Triumph: die Flucht in die Arme Russlands, wenn Anastasiadis stürzt oder für das EU-Hilfsprogramm keine Mehrheit bekommt.

Sündenbock Deutschland

Ist Zypern erst einmal draußen aus der EU, dann wird der Katzenjammer in Europa groß sein. Eine Wiederaufnahme dürfte dann erst mal am alten Zypern-Problem scheitern: der Teilung. Über Nikosia leuchten die türkischen Nationalfarben Weiß und Rot, auf den Fels gemalt, in der Größe mehrerer Fußballfelder. Viele Menschen auf der Insel haben das Blutvergießen von einst nicht vergessen, und ein neuer Friedensplan ist nicht in Sicht. Für die Wiederaufnahme eines weiterhin geteilten Zypern aber dürfte sich in der EU so schnell keine Mehrheit mehr finden.

Das zyprische Desaster ist längst mehr als eine Finanzkatastrophe. Es hat sich zur politischen Krise hochgeschaukelt. Der Sündenbock für die neue Lage ist schon gefunden. Er heißt Deutschland. Die Bundesregierung hat bei der Rettung auf einer Eigenbeteiligung der Zyprer beharrt, die nun in Nikosia nicht durchsetzbar ist und Anleger weit über die Insel hinaus verunsichert.

Anastasiadis hat den Fehler gemacht, den Bankenplatz Zypern retten zu wollen. Er will zwar die Geldwäsche auf der Insel bekämpfen, aber nicht gleichzeitig alle betuchten Investoren vertreiben. Deshalb wehrte er sich gegen eine höhere Belastung der reichen Kontoinhaber und nahm Kosten für Kleinsparer hin. Es ist ein Jammer, dass niemand in der EU diesen Unsinn zu verhindern wusste.