Eskalation in der Ukraine Kriegsgefangene oder Gäste?

Vieles bleibt unklar bei diesem Auftritt, an erster Stelle natürlich, wie offen sich Schneider überhaupt äußern darf. So soll Ponomarjow selbst zuvor die Offiziere als Kriegsgefangene bezeichnet haben, die nur im Austausch gegen pro-russische Aktivisten freikommen würden. Als der Oberst danach gefragt wird, wiederholt er seine Aussage: "Wir sind keine Kriegsgefangenen, wir sind Gäste des Bürgermeisters und werden als solche behandelt." Unklar bleibt auch der Verbleib und das Befinden der ukrainischen Offiziere. Der Oberst sagt lediglich, sie seien genau so behandelt worden wie die anderen Offiziere.

Noch für den Sonntagnachmittag wurde eine Delegation der OSZE in Slawjansk erwartet, die über die Freilassung der Geiseln verhandeln sollte. Die Verschleppten sind keine Mitarbeiter der OSZE. Das hatte die Organisation selbst bereits am Freitag mitgeteilt. Und es hat die Situation der Geiseln nicht einfacher gemacht, weil es den prorussischen Separatisten den Vorwand lieferte, die Geiseln seien Spione. Der Oberst und seine Kollegen, ausgestattet mit Diplomatenpässen, sind formal Militärbeobachter, die auf der Grundlage des "Wiener Dokuments" in der Ukraine unterwegs sind. Das Dokument, erstmals abgeschlossen 1990 und zuletzt 2011 aktualisiert, ist ein Vertrag der OSZE-Staaten, der Informationsaustausch über militärische Fragen und vertrauensbildende Maßnahmen zwischen den Mitgliedsstaaten regelt. An diese Vorgaben habe sich die Gruppe gehalten, betont Oberst Schneider.

Verantwortlich für die Sicherheit ist das Gastland - also die Ukraine

Anders als bei den offiziellen und zivilen OSZE-Beobachtern in der Ukraine, deren Entsendung der Zustimmung aller Mitgliedsstaaten, also auch Russlands, bedurfte, besuchen die militärischen Inspektionsteams einzelne Mitgliedsstaaten auf deren Einladung hin, um die Angaben zu Waffensystemen oder Manövern zu überprüfen. Genau genommen befasst sich das Inspektionsteam also nur mit dem ukrainischen Militär, seinen Stellungen und Waffen. Allerdings war es kein Zufall, dass das Inspektorenteam mit Beginn der Krise in die Ukraine eingeladen wurde und seinen Arbeitsschwerpunkt nun in den Osten verlegt hat.

Verantwortlich für die Sicherheit der Gäste ist das Gastland. Die Militärbeobachter sind unbewaffnet. Auch die fünf ukrainischen Offiziere, die mit dem Inspektorenteam verschleppt wurden, dürften eigentlich nicht bewaffnet gewesen sein. Warum zumindest nach Angaben der Entführer in dem Bus des Inspektorenteams dennoch Munition und Sprengsätze gefunden wurden, ist bislang noch ungeklärt. Möglicherweise gehörte das Material aber den beiden ukrainischen Polizisten, die das Team ebenfalls begleiteten und die noch am Freitag wieder freigelassen worden waren.

Wann und unter welchen Bedingungen er und seine Kollegen freikommen könnten, darüber will der Oberst in der Pressekonferenz von Slawjansk zunächst nicht spekulieren. Er habe dazu keine Hinweise. "Wir verlassen uns auf unsere Regierungen, die eng mit dem Bürgermeister kooperieren sollten." Später fügt er hinzu, dass die Festnahme der Offiziere den prorussischen Milizen als "politisches Instrument" bei den Verhandlungen dienen werde. "Das ist keine Überraschung", sagt der Oberst. Und es klingt geradezu lakonisch, als er hinzufügt: "Ich kann nicht einfach nach Hause gehen."