FDP Brennen für eine Idee

Die Bundestagswahl war im Mai 2013 noch nicht gelaufen, die FDP noch im Parlament und Hermann Otto Solms noch dessen Vizepräsident.

(Foto: David Ebener/dpa)

Mit 76 Jahren kandidiert der Liberale Hermann Otto Solms noch mal für den Bundestag - und überlegt schon, welche Rede er als Alterspräsident halten würde.

Von Stefan Braun, Berlin

Die Augen sind ein bisschen müde geworden; die Stimme ist noch leiser als sie es früher schon war. Aber schimpfen kann Hermann Otto Solms noch immer. Und auf Angela Merkel schimpft er derzeit besonders. Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt hat auch ihn erschreckt, aufgewühlt, beschäftigt. Und er hat ihn bestätigt in der Überzeugung, dass an der Politik der vergangenen zwei Jahre ziemlich viel falsch war. Also sitzt der sonst so besonnene Solms an einem kalten Dezembermorgen in seinem Büro und erklärt, dass er die Kanzlerin in den vergangenen beiden Jahren nicht mehr verstanden habe. Man dürfe nicht sagen, dass die Grenzen nicht mehr zu kontrollieren seien. "Das war eine Bankrotterklärung!"

Solms residiert ein bisschen ab vom Schuss und ist doch - wenn er will - mittendrin in der Hauptstadt. Der ehemalige FDP-Finanzexperte, frühere Bundestagsabgeordnete und einstige Fraktionschef der Liberalen hat seit drei Jahren sein Büro dort, wo der Bundestag vor allem seine Kunst lagert. In einem historischen Gebäude mit modernem Glas-Vorbau; zwei Gassen vom Parlament entfernt. Zeitgenössische Gemälde und Skulpturen werden hier untergebracht. Und die früheren Vizepräsidenten. Solms ist 15 Jahre lang einer gewesen.

Ruhig geht es zu in seinem Büro in der Schadowstraße. Komfortabler Schreib-tisch, ausladende Ölbilder, bequeme Le-dergarnitur, dazu hat er ein Sekretariat und genießt überhaupt eine gute Ausstattung. So gesehen ist es ihm sehr viel besser ergangen als den anderen 92 FDP-Abgeordneten, die bis 2013 im Parlament saßen. Die meisten sind einfach rausgespült worden nach der Niederlage, sind oft gänzlich in der Versenkung verschwunden. Der 76-Jährige dagegen konnte nach mehr als 40 Jahren Politik sanfter abbremsen - und könnte heute aus einem großen Luxus heraus seine Zeit genießen. Er könnte ein bisschen die Weltläufte kommentieren, hie und da seiner FDP ein paar Tipps geben und ansonsten den Kampf um die Zukunft Jüngeren überlassen. Doch das ist nichts für einen, der die größte Schmach der FDP miterlebt hat - und deshalb kandidiert er wieder für den Bundestag. Es ist geplant, dass ihn die Partei im März auf Platz 3 der hessischen Landesliste setzt, sein Wahlkreis ist 137 - Gießen. "Ich kann doch meine Tage nicht daheim am Fernseher verbringen", sagt Solms an diesem dunklen Morgen im Dezember. "In den Urlaub kann ich auch nicht dauernd fahren. Wer für eine Idee brennt, kann jetzt nicht einfach aufhören."

Dabei wäre es vor gut drei Jahren fast so weit gewesen. Schluss. Aus. Das war das Gefühl in jener Nacht vom 22. auf den 23. September 2013, als die FDP aus dem Parlament flog. Noch in der Nacht hatte Christian Lindner, der designierte neue Parteichef, bei Solms angerufen, hatte gebeten, ob er nicht Mitglied im neuen Team werden wolle. Doch Solms lehnte ab. Seine Zeit sei vorbei. "Ich wollte nicht mehr die Kärrnerarbeit für die Jüngeren machen."

"Verheerend" empfand Solms das erste Jahr nach dem Wahldebakel. Jetzt will er Wiedergutmachung

Am nächsten Morgen aber, als sich das Debakel noch einmal vor ihm ausbreitete, signalisierte er Lindner, dass er bereit sein könnte - wenn es "einen wirklichen Neuanfang" mit "neuen Gesichtern" geben sollte. Als Lindner das versprach, schlug Solms ein. Zu intensiv hatte Solms nach dem Triumph 2009 mit Guido Westerwelle über Kreuz gelegen, zu entsetzt war er in den Jahren danach über die Schwankungen und Schwächen der Brüderles und Röslers gewesen als dass er ohne einen klaren Bruch noch mal hätte weitermachen wollen. Lindners Zusage aber machte den Weg frei; seither managt Solms die Partei-Finanzen - wie er es schon mal viele Jahre getan hat.

Und so hat er miterlebt, wie das erste Jahr nach der großen Schmach gewesen ist; es war "verheerend". "Da mussten wir durch, das war klar", erzählt er, der fast als einziger aus der "alten Truppe" überlebt hat. Ganz allmählich hätten "die hämischen, herabwürdigenden Kommentare in den Medien" aufgehört. "Irgendwann ist das für alle langweilig geworden." Die Partei arbeitete an sich selber; und langsam kamen kleine Erfolge, in Hamburg, in Bremen, in Berlin. Nun hoffen alle in der Führung, dass die Partei schafft, was die meisten Beobachter für unmöglich hielten: dass sie noch einmal zurückkehren könnte. Die Umfragen sehen sie derzeit bei fünf bis sechs Prozent. Das ist nicht schlecht, aber noch keine Garantie für die Rückkehr.

Nicht nur für Parteichef Lindner, auch für Solms wäre das eine riesige Genugtuung. Er stand 2013 nicht ganz vorne, trotzdem ist die große Schmach auch seine gewesen. Wiedergutmachung - das ist es, wo-nach sich auch Solms sehnt.

Inzwischen hat sich bei ihm ein zweiter Gedanke eingeschlichen: Dass er als möglicherweise ältestes Mitglied des Bundestags einen Alterspräsidenten Alexander Gauland von der AfD verhindern könnte. "Ja, daran denke ich in letzter Zeit häufiger", erzählt Solms und lächelt verschmitzt. Außerdem arbeitet er schon an seinen Worten; seit vielen Jahren hat sich eingebürgert, dass der Alterspräsident die neue Legislaturperiode mit einer Rede eröffnet. "Es ist nicht einfach, man darf auf keinen Fall zu lange sein; mehr als 15 Minuten sollten es nicht werden.'' Sorgen sind das, von denen ein Freier Demokrat lange nur träumen konnte.