EXKLUSIV Wie Vietnams Botschaft einen Ex-Politiker in Berlin entführen ließ

Trinh Xuan Thanh, in Berlin auf einem Foto aus dem Jahr 2016.

(Foto: REUTERS)
  • Am 23. Juli wurde der vietnamesische Ex-Politiker Trinh in Berlin in ein Auto gezerrt - wenig später tauchten Fernsehbilder aus Vietnam auf.
  • Das Land spricht bis heute von einer "freiwilligen Rückkehr" des Regimekritikers, der wegen Veruntreuung von Volksvermögen angeklagt ist.
  • Gegenüber der Bundesrepublik weist Vietnam jede Verantwortung für die Entführung von sich. SZ-Recherchen zeigen aber, dass Mitarbeiter der Botschaft daran mitwirkten.
Von Georg Mascolo, Nicolas Richter, Ronen Steinke

Es war eine regelrechte Kommandoaktion, mit der am 23. Juli ein Vietnamese auf offener Straße in Berlin gekidnappt wurde. Geheimdienstler aus Vietnam zerrten ihn und eine Begleiterin in einen VW-Minibus. Nun deuten neue Beweise auf Hintermänner in der vietnamesischen Botschaft hin. Nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR fuhr das Auto mit dem Entführten sogar direkt dorthin.

Der Entführungsfall hatte im Sommer eine diplomatische Krise ausgelöst. Der Entführte ist ein ehemaliger hochrangiger Politiker aus Vietnam, der 51-jährige Trinh Xuan Thanh. Er war 2016 nach Berlin geflohen. Mit dem Regime der Sozialistischen Republik Vietnam hatte er sich überworfen. In Deutschland hatte er Asyl beantragt.

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Vietnams Regime hatte um seine Auslieferung gebeten. Beim G-20-Gipfel in Hamburg hatte der vietnamesische Ministerpräsident sogar Angela Merkel auf den Fall angesprochen. Als sich die deutsche Seite weigerte, setzte sich Vietnam aber offenbar über dieses Nein hinweg. Als die Entführung bekannt wurde, protestierte Berlin. Einen "unakzeptablen Rechtsbruch" nannte das ein Sprecher der Bundesregierung.

Trinh gelangte in einem vermeintlichen Krankentransport nach Vietnam

Vietnam weist bis heute jede Verantwortung für die Tat von sich. Trinh Xuan Thanh sei nicht entführt worden, sondern freiwillig in sein Heimatland zurückgekehrt, um sich dort der Justiz zu stellen. Jetzt zeigen die Ermittlungen des Berliner Landeskriminalamts jedoch, dass die Entführung vom vietnamesischen Geheimdienst und von zahlreichen Mitarbeitern der Botschaft Vietnams in Berlin organisiert war.

Schon kurz nach der Entführung half ein hochrangiger Diplomat im Rang eines Ersten Botschaftssekretärs, das Hotelzimmer auszuräumen, in dem Trinh Xuan Thanh mit seiner Geliebten übernachtet hatte.

Eine Mitarbeiterin der Botschaft rief in einem Berliner Reisebüro an und buchte noch für den selben Abend drei Flüge nach Vietnam. Im Flugzeug wurde Trinhs Geliebte von zwei Aufpassern begleitet. Einer war als Mitarbeiter der vietnamesischen Botschaft in Berlin offiziell für "Verwaltungsangelegenheiten" akkreditiert. Er kehrte nach erfüllter Mission zurück auf seinen Posten in Deutschland. Trinh selbst gelangte angeblich über Moskau nach Vietnam, zugedeckt auf einer Trage als Krankentransport.

In Vietnam droht ihm die Todesstrafe durch die Giftspritze

Den Recherchen zufolge reiste schon einige Tage vor der Entführung auch der Vize-Chef der vietnamesischen Staatssicherheit, Duong Minh Hung, nach Deutschland. Er quartierte sich demnach im Hotel "Berlin, Berlin" nahe des Kurfürstendamms ein. Kurz darauf mieteten vietnamesische Geheimdienstmitarbeiter in Prag zwei Fahrzeuge, um nach Berlin zu fahren. Die Truppe aus Tschechien quartierte sich ebenfalls im "Berlin, Berlin" und im nahe gelegenen "Sylter Hof" ein.

Wie Überwachungsbilder zeigen, trafen sie dort den Vertreter des vietnamesischen Geheimdienstes in Berlin, einen Mann, der offiziell als Diplomat an der vietnamesischen Botschaft akkreditiert war, ebenfalls im Rang eines Ersten Sekretärs.

Am 3. August, zehn Tage nach der Entführung in Berlin, präsentierte die vietnamesische Regierung Trinh im Staatsfernsehen. Im Januar, so heißt es nun, soll sein Prozess wegen Veruntreuung von Volksvermögen beginnen. Dort droht ihm die Todesstrafe durch die Giftspritze.

Trinhs deutsche Anwältin Petra Schlagenhauf hofft, dass das Auswärtige Amt weiter Druck auf die Regierung in Hanoi ausübt. Dort teilte man auf Anfrage mit, die vietnamesische Seite wisse, was zu tun sei, um den Schaden, den die bilateralen Beziehungen genommen haben, zu reparieren. Die ausgesetzte strategische Partnerschaft mit Vietnam werde die Bundesrepublik erst wieder aufnehmen, wenn die kommunistische Regierung sich in dem Fall bewege. Deutschland habe die vietnamesische Seite "nachdrücklich aufgefordert", dass der Entführte Trinh ein rechtsstaatliches Verfahren erhält.

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