Europa Was AfD und Front National gemeinsam haben

Wie in Österreich: Arbeiter und Arbeitslose wählten in Sachsen-Anhalt mehrheitlich die AfD. Menschen mit hohem Bildungsabschluss am seltensten. Einen ähnlichen Trend zeigen auch Umfragen aus Großbritannien. Danach sind Arbeiter und Menschen mit geringem Bildungsabschluss deutlich EU-skeptischer als Menschen mit guter Bildung und gutem Einkommen. Eine Erklärung dafür: Sie fürchten die Konkurrenz von Arbeitern aus Osteuropa, von denen in Großbritannien viele leben.

In Frankreich ist der Front National inzwischen nicht nur bei Arbeitern, sondern auch unter Jungwählern die stärkste Kraft. Die Partei von Marine Le Pen inszeniert sich als soziale Kraft und spricht damit viele an, die den Abstieg fürchten. Dazu gehört leider auch eine desillusionierte und überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffene Jugend.

Gegen die Elite

Das führt zum zweiten Grund, warum die Erzählungen vom tollen Austausch-Jahr, von Europa-Reisen vielleicht gar nicht hilft, Europaskeptiker zu überzeugen. Diese Zahlen legen nämlich nahe, dass es unter Umständen um etwas ganz anderes gehen könnte als das Alter. Nämlich um Perspektive - oder negativ ausgedrückt: die Angst vor dem eigenen Abstieg.

Und wie kommt das denn an, jemandem von den Erasmus-Erfahrungen vorzuschwärmen, der das selber nie erleben konnte? Was bringen offene Grenzen jemandem, der befürchtet, sich bald ohnehin keinen Urlaub mehr leisten zu können?

Bei Abstimmungen wie dem Brexit, den Wahlen in Frankreich, den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt ging es immer auch um eine Ablehnung der Elite, das Gefühl, von "denen da oben" nicht verstanden zu werden. Zu genau dieser Elite gehören aus Sicht vieler aber auch jene, die fröhlich durch die Welt jetten, während zuhause die alten Sicherheiten ins Wanken geraten. Dabei ist es weniger entscheidend, dass tatsächlich ein Abstieg bevorsteht - das Gefühl, er könnte bevorstehen, reicht schon.

Der eingebildete Abstieg

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Europa hat viele Defizite

Das traurige ist ja, dass die EU selbst aus der Sicht der jungen Europaeuphoriker in den vergangenen Jahren so viele Defizite offenbart hat, dass es manchmal schwer fällt, sie zu verteidigen. In der Flüchtlingskrise zum Beispiel wurde deutlich, dass es mit der Solidarität unter Nachbarländern nicht besonders weit her ist - und dass offenbar auch Vorstellungen von Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft weit auseinandergehen.

Oder die Eurokrise: Da hieß es Nord gegen Süd. Die EU, allen voran Deutschland, hat damals in vielen südeuropäischen Ländern den Eindruck hinterlassen, kaltherzig und bürokratisch zu sein. Besonders zu leiden hatte darunter übrigens die junge Generation, die besonders häufig von Arbeitslosigkeit betroffen war; die es sich kaum leisten konnte, von zuhause auszuziehen, um ein eigenes Leben aufzubauen.

Wichtiger als die Erasmus-Geschichten wäre daher an dieser Stelle vielleicht ein Eingeständnis: Die EU der vergangenen Jahre war in vielerlei Hinsicht nicht schön. Das große und schwierige Projekt der alten Generation war es, Frieden in Europa zu schaffen - nie wieder Krieg. Und das haben die Alten wirklich gut hinbekommen. Es ist nun die Aufgabe der Jungen zu überlegen, wie in Europa in Zukunft mehr sozialer Frieden herrschen kann. Auch das ist eine Aufgabe für Jahrzehnte.

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