Europa Wie die Abstiegsangst Europas Jugend spaltet

Ein Nachtclub in Paris.

(Foto: AP)

Die alte, nationalistische Generation verbaut der nachfolgenden die Zukunft - so der Vorwurf nach dem Brexit. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Kommentar von Hannah Beitzer, Berlin

Das Auslandssemester in Barcelona war so toll, eine unvergessliche Erfahrung. Dieser Job in der verrückten Londoner Galerie, direkt nach dem Studium, erst recht! Und Martin, der hat neulich diese Französin geheiratet, das war ein cooles Fest in Toulouse, lauter verschiedene Nationen! Junge Europäer erzählen gerade viele solcher Geschichten. Das hat mit dem Brexit zu tun.

Denn die Zahlen aus Großbritannien zeigen: Während junge Engländer mehrheitlich für einen Verbleib ihres Landes in der EU stimmten, wählte die Generation über 50 den Brexit. Und setzte sich durch. Nun fragen viele: Steht uns in Europa ein neuer Generationenkampf bevor? Eine junge, weltoffene Generation gegen die alte, rückständige, nationalistische?

Das wäre für die junge Generation schon deswegen unangenehm, weil sie in vielen Ländern Europas längst nicht mehr die Mehrheit stellt - der demographische Wandel lässt grüßen. Sie müsste also die Alten überzeugen.

Die Alten entscheiden, die Jungen tragen die Konsequenzen

Hätten nur die jungen Wähler abstimmen dürfen, gäbe es keinen Brexit. Europas Bevölkerung vergreist, immer öfter bestimmen die Alten. Die Jungen müssen besser für ihre Interessen werben. Kommentar von Ruth Eisenreich mehr ...

Junge Menschen sind nicht automatisch europafreundlicher

Dabei den verbindenden Geist von Europa zu beschwören, an Gefühle und positive Erlebnisse zu appellieren, scheint erst einmal richtig zu sein. Denn in den europäischen Debatten dieser Tage, das zeigte auch die Zeit vor dem Referendum in Großbritannien, geht es längst nicht mehr nur um pure Fakten. Die Europagegner machen mit negativen Gefühlen mobil - also spricht einiges dafür, ihnen positive Gefühle entgegenzusetzen.

Doch die Erzählung von der jungen, weltoffenen, positiven Generation mit ihren Erasmus-Erfahrungen und der alten, misstrauischen, verschlossenen Generation von Großbritannien gleich auf ganz Europa auszudehnen, ist problematisch.

Erstens: Erfahrungen aus vielen europäischen Ländern zeigen, dass die Generationenkluft keinesfalls immer so aussieht wie in Großbritannien. Während der Bundespräsidentenwahl in Österreich zum Beispiel galten gerade junge Männer ohne höheren Bildungsabschluss - also zum Beispiel Lehrlinge - als wichtige Stütze von Norbert Hofer, dem Kandidaten der fremden- und europafeindlichen FPÖ.

"Expertenmeinungen galten auf einmal nicht mehr als legitim"

Der Politikwissenschaftler und Halbbrite Alexander Spencer versucht, seine Landsleute zu verstehen. mehr ... jetzt

Angst vor dem Abstieg

Wesentlich entscheidender als das Alter beeinflusste die wirtschaftliche Situation und gesellschaftliche Stellung der Wähler ihr Stimmverhalten. Während Arbeiter und Menschen mit geringerem Bildungs- oder Lehrabschluss mit überwältigender Mehrheit für Hofer stimmten, wählten Menschen mit Matura und Angestellte hauptsächlich seinen grünen Gegenkandidaten Alexander Van der Bellen.

Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt zeigte sich noch drastischer, dass die junge Generation nicht automatisch EU-freundlich ist oder gar immun gegen rechtspopulistische bis fremdenfeindliche Kampagnen. Die EU- und fremdenfeindliche AfD wurde dort unter Wählern zwischen 18 und 44 Jahren die stärkste Kraft. Erst ab 45 stimmten die Menschen dann mehrheitlich für die CDU.