Europa In Europa ist Anti-Pfingsten angebrochen

Österreicher besinnen sich aufs Österreichsein: Polizisten am Brenner-Grenzübergang.

(Foto: Sonja Marzoner)

Die Pfingstgeschichte erzählt auch von einer "guten" Globalisierung, in der man sich versteht, ohne gleichförmig zu werden. Europa erlebt gerade das Gegenteil - es zerbricht in viele kleine Wirs.

Kommentar von Heribert Prantl

Das Fest gehört fest zur christlich-abendländischen Kultur, aber viele Menschen können mit Pfingsten nicht mehr viel anfangen. In der Bibel werden die pfingstlichen Erscheinungen als "Feuerzungen" und "gewaltiges Brausen" beschrieben; wie sich solche Effekte heute darstellen, bewunderten am Samstagabend 200 Millionen Fernsehzuschauer in Europa und den USA - beim Eurovision Song Contest. Beide Events verbindet nicht viel, aber immerhin: Pfingsten war und der Song Contest ist ein Massenereignis mit spektakulärer Inszenierung. Das biblische Pfingsten soll ein internationales heiliges Großspektakel gewesen sein, das ohne jede Sprachschwierigkeiten funktionierte. Letzteres ist beim Song Contest auch so, wie die gewaltige Zuschauerzahl lehrt.

Globalisierung im Kleinen beim ESC

In der Bibel sind es zwölf Apostel, die aus dem Haus, in dem sie sich versteckt hatten, hinaus auf Straßen und Plätze eilen, dort ihre großen Auftritte haben, Tausende Menschen taufen und erstaunlicherweise von Inländern und Ausländern gleichermaßen verstanden werden. Beim Song Contest sind es Sängerinnen und Sänger aus 42 Ländern, die auf die Bühne steigen, weltweit verstanden und mit Staunen betrachtet werden. Fast alle singen in derselben Sprache und im selben Gestus. Im Fall der Apostel wird das Sprachwunder dem Wirken des Heiligen Geistes zugeschrieben, der auf alten Gemälden als Taube gezeigt wird. Ihn auch beim Song Contest ins Spiel zu bringen, wäre ein Irrflug. Die Popularität des Song Contest beruht weniger auf Geist denn auf einer retortenhaften Paradiesvogelartigkeit der dortigen Auftritte.

Der große Song Contest zeigt im Kleinen, wie heute Globalisierung funktioniert. Und auch das biblische Pfingsten ist eine Globalisierungsgeschichte, eine sehr alte, vielleicht die erste. Man muss diese Geschichte, die nicht mehr so präsent ist, etwas genauer erzählen: Die Jünger des hingerichteten Jesus hatten sich fünfzig Tage lang ängstlich versteckt; aber auf einmal werden sie wie aus dem Nichts von einer Inspiration, einer Geistkraft ergriffen, die sie wie ein Sturm überkommt. Die Männer sind nicht gebildet, sie sind keine Künstler, keine Politiker, keine Diplomaten; sie sind auch nicht sprachenkundig. Aber nun sprechen sie zu einer Menschenmenge aus aller Herren Länder; und es geschieht etwas, was diese Geschichte so wundervoll macht: Jeder hört diese Männer in seiner Sprache reden. Sie sprechen in anderen Zungen, heißt es. Es ist nicht so, dass der Geist ihnen schnell Fremdsprachen eingetrichtert hätte; sie haben vielmehr die Gabe, über alle Sprachbarrieren hinweg Menschen aller Nationen und Kulturen zu erreichen.

Unter feurigem Geglitzer weht ein trostloser Geist, der die Welt eintöniger macht

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Es ist dies ein Idealbild von Globalisierung: Alle behalten ihre Eigenheiten, alle bleiben verschieden; es gibt aber ein gemeinsames Verständnis, einen gemeinsamen Geist, aus dem ein Wir-Gefühl entsteht. Man nennt dieses Urereignis die Geburtsstunde der Kirche. Die Gemeinschaft, die da geboren wird, entsteht auf der Basis eines gemeinsamen Glaubens, jenseits von Nation, Familie, Ethnie, Klasse; wie gesagt - ein Ideal. In der Pfingstgeschichte wird eine Globalisierung propagiert, die nicht die Uniformierung der Welt ist, sondern Verständigung in der Verschiedenheit. Die neuere Globalisierungsgeschichte zeigt aber etwas ganz anderes: Unter feurigem Geglitzer weht ein trostloser Geist, der die Welt eintöniger macht. Das Spektakel ist nur Hülle der Allerweltsprodukte. Das vermeintlich Individuelle ist nur eine Spielart des Ewigselben.