Jahrestage in Moskau: Herangekarrte Fans feiern Putins Geburtstag, dessen Gegner gedenken der vor einem Jahr ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja.
Von oben prasselt der Regen, von vorne aus den riesigen Lautsprechern der Technobeat. "Wir frieren nie", brüllt der Einpeitscher und verlangt von der Menge: "Schwenkt die Fahnen."
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Mehrere tausend junge Leute sind es, die am Sonntag zum Moskwa-Ufer unterhalb des Hotels Ukraina gekommen sind. Viele von ihnen tragen rote Fußball-Trikots mit dem Namen Putin und einer großen Eins darauf. "Wir gratulieren", schreit der Einpeitscher.
Russlands Präsident Wladimir Putin wird heute 55 Jahre alt, und das ist für die antiwestliche Jugendorganisation "Naschi" (Die Unsrigen) ein selbstverständlicher Grund zum Feiern. Sie verehrt Putin als Retter Russlands, und Kritiker des Präsidenten sind in ihren Augen schlicht Feinde der Heimat.
Sie müssen deshalb bekämpft werden, am besten mit dem Mittel der Einschüchterung. Die Aktivisten der Putin-Jugend bedrängen dabei nicht nur Oppositionelle, sondern auch schon mal westliche Diplomaten.
"Danke für unsere stabile Zukunft"
In vielen Bussen sind sie zum Moskwa-Ufer gebracht worden, um am Geburtstag des Präsidenten Flagge zu zeigen. "Danke für unsere stabile Zukunft", ist auf Transparenten zu lesen. Und: "Am 2. Dezember wählen wir Putin". An diesem Tag will Putin seine Partei "Einiges Russland" zum Sieg in der Parlamentswahl führen.
"Putin für immer", skandiert der Einpeitscher. Die Technorhythmen sind unterlegt mit den Siegesgesängen aus der Stalinzeit.
Nicht einen Kilometer Luftlinie entfernt versammeln sich derweil einige hundert Menschen auf dem Puschkin-Platz - ohne wummernde Bässe. Sie feiern nicht Geburtstag, sie begehen den Todestag von Anna Politkowskaja mit einer Schweigeminute.
Die Journalistin, die sich vor allem durch ihre Berichterstattung über Mord, Entführungen und Folter in der Teilrepublik Tschetschenien einen Namen gemacht hatte, ist vor genau einem Jahr in Moskau erschossen worden.
Bis heute ist der Mord nicht aufgeklärt. "Anderswo werden Straßen nach ihr benannt. Unsere Staatsmacht aber sagt, dass sie dem Land mehr geschadet hat als genutzt", ruft Dmitrij Muratow, der Chefredakteur der Zeitung Nowaja Gaseta, den Menschen zu.
In der Nowaja Gaseta hatte Politkowskaja die Zustände in Russland angeprangert. Russland sei die Beute korrupter Geheimdienstler, beklagt Muratow. In der Menge nickt die 51-jährige Tatjana Nekrassowa. In der einen Hand hält sie einen Regenschirm, in der anderen einen Strauß roter Nelken, umwickelt mit einem Trauerflor.
"Sie hat die Benachteiligten verteidigt", sagt sie über Politkowskaja, "dabei müsste das eigentlich der Staat tun. Doch der hat sich vom Volk abgewandt."
Leben für die Freiheit geopfert
Auf dem Podium ergreift Michail Kassjanow das Wort. Einst Ministerpräsident unter Putin, zählt er nun zu dessen schärfsten Kritikern. Anna Politkowskaja sei, sagt er, für Russland eine "moralische Autorität" vergleichbar mit Andrej Sacharow. Ihr Leben habe sie für die Freiheit geopfert.
Wladimir Putin wirft er vor, die Verfassung ausgehöhlt zu haben. "Der Präsident, der verpflichtet wäre, die Vielfalt der Überzeugungen zu garantieren, stellt sich an die Spitze einer Partei", beklagt er. Wegen zahlreicher Wahlrechtsänderungen gleiche die Wahl am 2. Dezember einer Farce.
"Können wir die Wahlen unter solchen Umständen frei nennen?", fragt er und gibt gleich die Antwort: "Natürlich nicht." Seine "persönliche Entscheidung als Bürger" sei es daher, die Wahl zu boykottieren.
"Russland ohne Putin", ruft die Menge. Der Regen wird stärker.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 8.10.2007)
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@Reburg: Ich möchte nicht behaupten das unsere Presse immer ohne interessen berichtet, aber es gibt eine vielfaltige freie Presse. In Russland gibt es nur noch die Presse des Staates. Im westen also von Propaganda zu sprechen ist nicht wirklich ernst zu nehmen, da es tausende Journalisten gibt die frei berichten. In Russland gibt es allerdings Propaganda, da es kaum noch freihe Presse gibt.
Auch wenn mann Putin und Russland mag, solte man dazu stehen das man ein totalitäres Regime unterstützt welches über Leichen geht.
Z.B. als tschetschenische Terroristen in einer kinderreichen Schulanlage mit dem Fuß auf den Auslösern für Bomben standen, die die Dächer weggeblasen hätten und die Schulkinder gleich als Engerl hinterher. Oder hat sie Berichte über Anschläge der tschetschenischen Terroristen auf Krankenhäuser, Wohnhäuser gemacht? Hat sie da auch Großaufnahmen von den Opfern gemacht? Oder fotografiert, welche entsetzten Gesichter die Besucher des Theaters gemacht haben, als tschetschenische Terroristen drohten, das Theater in die Luft zu sprengen. Hat sie tschetschenische Terroristen begleitet und berichtet und fotografiert, wie "edel und gesetzeskonform" die Tag für Tag vorgegangen sind. Oder wäre das für sie schon wieder zu objektiv gewesen, auch darüber zu berichten?
Das rechtfertigt selbstverständlich in keinster Weise ihre Ermordung!
Die Täter gehören strengstens bestraft. Aber muß man eine völlig parteiische, einseitige Berichterstatterin, nur weil sie ermordet wurde, zu einer objektiven Reporterin umlügen?
Politkowskaja hat als Tote Putin mit Sicherheit viel mehr geschadet denn als lebende Reporterin. Bei der erschütternd niedrigen Auflage ihrer Zeitung und ihrer unbedeutenden Medienpräsenz hatte sie in Rußland zwischen Nichts und Garnichts bewirkt. Wie auch die mikroskopisch kleinen Demonstrationen für sie beweisen.
Meiner Meinung nach kann jedenfalls nicht ausgeschlossen werden, dass sie von jemandem umgebracht wurde, dem ihre Ermordnung mehr Vorteile bringt als Putin.