Ermittlungen Entweder hochgejazzt oder ein riesiges Missverständnis

Zwei Festnahmen: eine in Gießen, eine in Düsseldorf. Beide machen Schlagzeilen. Dabei haben sie nichts mit dem Terror in Brüssel zu tun.

Analyse von Hans Leyendecker

Es ist immer dasselbe: Nach Terroranschläge in Europa kursieren fix Meldungen, dass im Zusammenhang mit diesen Anschlägen Festnahmen oder zumindest Ermittlungen in Deutschland stehen könnten. Die Meldungen erregen in der Regel Aufsehen. Das war so nach dem ersten Anschlag in Paris Anfang 2015, das war so nach dem zweiten Anschlag in Paris im November 2015 und das war auch jetzt so, nach den Terroranschlägen in Brüssel.

In keinem der Fälle hatten die Meldungen Substanz. Gibt es eine Lust an der Apokalypse oder geht es um größtmögliche Aufmerksamkeit?

Beide Fälle schafften es in die Schlagzeilen

Angeblich, so die Meldungen zum neuesten Fall, den Anschlägen in Brüssel, seien zwei Verdächtige in Deutschland im Zusammenhang mit diesen Attentaten festgenommen worden: der eine in Düsseldorf, der andere in Gießen. Beide Fälle schafften es in die Schlagzeilen. Auch auf SZ.de wurden sie thematisiert.

Der Düsseldorfer Fall hatte überhaupt nichts mit Brüssel zu tun - das war eigentlich von Anfang an erkennbar. Am Donnerstagabend hatten Beamte des Düsseldorfer Landeskriminalamts einen Mann festgenommen, der zur Salafistenszene im Rheinland gehören soll. Er war Anfang März wegen gewerbsmäßigen Diebstahls zu einer Haftstrafe von 30 Monaten verurteilt worden. Das Urteil war nicht rechtskräftig, doch der Dezernent des Verfahrens hatte offenbar ein ungutes Gefühl. Weil der mutmaßliche Salafist sich vergangenen Sommer im türkisch-syrischen Grenzgebiet aufgehalten hat, nahm er an, dass sich der 28-Jährige wieder in die Türkei absetzen könnte. Der Strafverfolger beantragte einen Haftbefehl - und bekam ihn auch, was vermutlich nicht ganz einfach war.

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Im Zusammenhang mit der Festnahme des Düsseldorfers wurde öffentlich, dass zum Zeitpunkt seiner Sistierung in der Türkei im Jahr 2015 auch einer der Brüsseler Attentäter aufgefallen und abgeschoben worden war. Daraus enstand in Medien der Verdacht, dass die beiden möglicherweise irgendetwas miteinander zu tun haben könnten. Die umlaufenden Meldungen, dass der Terrorist und der Düsseldorfer Salafist damals gemeinsam abgeschoben worden seien, wurden nicht bestätigt.

Bei einer Durchsuchung der Wohnung des Düsseldorfers wurde am Freitag nichts Verdächtiges gefunden. Sogar Sprengstoffhunde waren im Einsatz. Auffällig war eigentlich nur, dass er nicht einmal auf seinem Handy Salafisten-Websites geklickt hatte.

Der zweite Fall, der in Gießen spielte, ist entweder ganz groß hochgejazzt worden, oder er war ein einziges riesiges Missverständnis. Am Gießener Bahnhof war am Mittwochabend ein 28-jähriger Marokkaner von der Bundespolizei festgenommen worden. Er fiel auf, weil er sich wegen einiger Diebstähle in der Vergangenheit nicht im Schengen-Raum hätte aufhalten dürfen.

Vermeintlich auffällige SMS

Für viel Aufsehen sorgte die Meldung, dass er zwei SMS bekommen habe, die angeblich sehr verdächtig seien. Die eine Meldung hatte den Kern, dass er eine SMS bekommen habe, in der der Name des Brüssel-Attentäters Khalid El Bakraoui gestanden habe. Bei Nachprüfungen durch das Bundeskriminalamt stellte sich heraus, dass der Name nur so ähnlich klang und darüber hinaus gab es ein Foto des Mannes, der den ähnlichen Namen trägt. Der sieht ganz anders aus als die Brüder Bakraoui, die in Brüssel gemordet haben. Der mutmaßliche "El Bakraoui" wollte offenbar einfach nur dem marokkanischen Handybesitzer bei einer Bewerbung helfen.

Auch um die zweite SMS, die der Marokkaner kurz vor dem Anschlag auf die U-Bahn in Brüssel bekam, gab es viel Hype. Angeblich stand da "Fin", was Ende bedeutet hätte. Diese Notiz war als mögliche Abschiedsmail eines Attentäters gedeutet worden. Untersuchungen des BKA ergaben, dass auf dem Handy des Festgenommenen viele Mitteilungen in kryptischer Form standen. Am Ende kam heraus, dass mit dem verdächtigen "Fin", das für das arabische "Wo" stand, eigentlich nur eine Straßenbahnhaltestelle gemeint war.

Die Spuren führen ins Nirgendwo

Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe hat sich mit den beiden Fällen beschäftigt. Ihr Fazit der mit Gerüchten, Vermutungen, Spekulationen gestreckten Geschichte um die beiden Festnahmen dieser Woche ist: Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass die Festgenommenen etwas mit den Anschlägen in Brüssel zu tun hatten.

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