Einsatz in Afghanistan Bundeswehr soll zivile Opfer verschwiegen haben

Hat die Bundeswehr zivile Opferzahlen beim Einsatz in Afghanistan unter den Tisch fallen lassen? (Archivbild eines Isaf-Soldaten)

(Foto: picture alliance / dpa)

Reporter des WDR berichten über bis zu 27 getötete Zivilisten, die 2010 Opfer eines der schwersten Gefechte der Bundeswehr im Norden Afghanistans geworden sein sollen. Auch Kinder seien darunter gewesen. Wurde dies über Jahre vertuscht?

Von Christoph Hickmann, Berlin

Die Bundeswehr sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, nach einer militärischen Offensive in Afghanistan Hinweise auf zivile Opfer ignoriert und falsche Angaben gemacht zu haben. Das WDR-Magazin "Monitor" berichtete am Donnerstag über Recherchen, denen zufolge bei dem Gefecht Ende 2010 bis zu 27 Zivilisten gestorben seien. Damals sei auch auf einzelne Opfer hingewiesen worden. Die Bundeswehr hatte bislang angegeben, es habe keine Erkenntnisse über zivile Opfer gegeben. Der Beitrag sollte am Donnerstagabend ausgestrahlt werden.

Nach Angaben des WDR hat ein Reporterteam mit Zeugen, Angehörigen der Opfer sowie afghanischen Regierungsbeamten gesprochen. Angehörige hätten geschildert, wie ihre Familienmitglieder während des viertägigen Gefechts mit Aufständischen gestorben seien. Die Bundeswehr hatte das als Operation "Halmazag" bezeichnete Gefecht in der Provinz Kundus gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften geführt. Dabei gab es mehrfach Unterstützung aus der Luft. Auch die Panzerhaubitze 2000, die schwerste Waffe der deutschen Artillerie, kam zum Einsatz. Nach Angaben der Bundeswehr kämpften etwa 480 Soldaten gegen die Aufständischen. Auch die USA waren involviert.

Für den Gestorbenen soll die Bundeswehr Kompensation versprochen haben

Mehr als dreieinhalb Jahre danach berichtet "Monitor" nun unter anderem über einen Lehrer, der während des Gefechts seinen Sohn verloren habe: Ein schweres Geschoss habe das Zimmer des Sohnes getroffen, sagte der Mann dem Magazin. Nach Aussagen von Anwohnern habe es unter den Opfern mindestens zwei Kinder gegeben. In einer Unterrichtung für Bundestagsabgeordnete hingegen hieß es im Anschluss an das Gefecht: "Unmittelbar danach durchgeführte Treffen mit den lokal und regional verantwortlichen afghanischen Autoritäten (Key Leader Engagement) haben ergeben, dass dadurch die afghanische Bevölkerung nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde."

Dies zieht "Monitor" mit seinen Recherchen in Zweifel. So habe ein Ältester, der bei einem solchen Treffen gewesen sei, den Reportern erklärt, er habe die Bundeswehr auf einen toten Zivilisten hingewiesen. Der Mann sei nach Angaben seiner Witwe sowie des Distrikt-Polizeichefs während des Gefechts angeschossen und von der Bundeswehr medizinisch versorgt worden. Die Deutschen hätten ihn in ihr Feldlager transportiert, wo er gestorben sei. Die Bundeswehr habe daraufhin sogar Kompensation versprochen. "Monitor" zitiert auch einen am Gefecht beteiligten Soldaten, der es für "sehr wahrscheinlich" hält, dass "entweder Zivilisten noch in diesem Bereich waren oder auch welche getroffen worden sein könnten". Im Operationsgebiet lagen fünf Dörfer.

Das Verteidigungsministerium erklärte: "Den jetzt von den Medien behaupteten Vorfällen wird die Bundeswehr nochmals gesondert nachgehen." Damals hätten sich nach dem Gefecht trotz Untersuchungen keine "Hinweise auf diese Vorfälle" ergeben. Wie üblich, habe es ein sogenanntes Battle Damage Assessment gegeben - also ein "Verfahren, in dem die Folgen militärischen Handelns festgestellt und bewertet werden".