Einigung bei Frauenquote Schluss mit der Männerquote

Typische Geschlechterzusammensetzung: Banker in Frankfurt

(Foto: REUTERS)

Schwarz-rot einigt sich auf die Frauenquote. Das ist gut so. Denn ohne einen gesetzlichen Befehl ändert sich - nichts. Die Frauenquote schafft Männerquoten von fast 100 Prozent in Spitzenpositionen der Wirtschaft ab.

Von Heribert Prantl

Die Gleichberechtigung ist kein Gedöns, sondern ein Gebot. Sie ist erstens ein Gebot der Verfassung, zweitens ein Gebot der Vernunft und drittens ein Gebot der Moral. Aber dieses Gebot braucht gesetzliche Konkretisierung, weil es sonst von seinen Verächtern als Gedöns abgetan wird. Zur gebotenen gesetzlichen Konkretisierung gehört die Quote. Gerade der Widerstand gegen die Quote zeigt, wie wichtig sie ist. Denn ohne ein Quotengesetz ändert sich - nichts.

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Das ist nicht nur die Erfahrung des vergangenen Jahrzehnts, in der die freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft, mehr Frauen in Spitzenpositionen von großen Unternehmen zu bringen, fast nichts gebracht hat. Das ist auch die Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts. Seit 1919 steht die Gleichberechtigung in einer deutschen Verfassung. Und seitdem zeigt sich: verfassungsrechtliche Postulate setzen sich nicht von allein durch. Ohne einen konkreten gesetzlichen Befehl passiert im Alltag nicht viel. Das war bei der Gleichberechtigung der Frauen in Ehe und Familie so. Das ist bei Gleichberechtigung der Frauen in der Politik so. Und das wird bei der Gleichberechtigung der Frauen in der Wirtschaft nicht anders sein.

Schwimmflügel der Gesellschaft

Gewiss: Die Frauenquote ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Sie macht aber Schluss damit, dass es seit ewigen Zeiten in Spitzenpositionen der Wirtschaft Männerquoten gibt, die bei fast hundert Prozent liegen. Die Frauenquote führt also nicht die Quote ein; sie durchbricht eine bestehende Quote. Frauenquoten sind nur ein Hilfsmittel zu diesem Zweck, ein Hilfsmittel zur Herstellung vernünftiger Zustände; irgendwann, hoffentlich bald, wird man wieder darauf verzichten können. Aber bis dahin sind Quoten halt Hilfsmittel. Kinder lernen das Schwimmen mit Schwimmflügeln. Die Frauenquoten sind die Schwimmflügel der Gesellschaft.

Erstaunlich ist, dass konservative Politiker immer noch den Abwehrkampf führen, den sie nun schon so lange, wenn auch langsam, verlieren. Es ist erstaunlich, dass sich ein lebenskluger Mensch wie der Unions-Fraktionschef Kauder eine Zeitlang vor den alten konservativen Gefechtskarren spannen ließ. Vielleicht lag und liegt das daran, dass der Kampf um die Gleichberechtigung seine Wurzeln in der Sozialdemokratie hat. August Bebel hat vor 135 Jahren das erfolgreichste Buch zur Gleichberechtigung geschrieben, das es je gab; allein zu seinen Lebzeiten erschienen 50 Auflagen, es wurde es in 13 Sprachen übersetzt. Es heißt, und womöglich ist das auch eine Erklärung für den bis heute anhaltenden konservativen Unwillen: "Die Frau und der Sozialismus".

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Luther würde die Defizite erkennen

Konservative berufen sich nicht auf Bebel, sondern auf die Bibel. Martin Luther, der Reformator und Bibelübersetzer, hat keinen Zweifel daran gelassen, wo er die Frau sieht: in der Familie, und nur dort. Die Familie war für ihn "das entscheidende Glied zwischen Gott und Staat", sie hatte dienende Funktion, die im Inneren noch verstärkt werden sollte durch das Dienen der Ehefrau und Mutter. Luther würde womöglich heute ein Traktat verfassen, das nicht "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" hieße, sondern sich wider "Modernisierungsschübe und Quotenregelungen" richten würde. Würde er? Würde er nicht. Lebte er heute, wäre er nicht von vorgestern.

Als einer, der der Wirklichkeit ins Auge sah, würde Luther die Defizite der Gegenwart erkennen. Lebte Luther heute, er wäre vielleicht Bundesverfassungsrichter; der junge Luther hatte ja Jura studiert und seine Pläne erst geändert, als er bei Stotternheim in ein schweres Gewitter geriet und der heiligen Anna das Gelübde tat, Mönch zu werden, sollte sie ihn überleben lassen. Als höchster Richter würde Luther, wie das Verfassungsgericht es schon sechzig Jahre lang tut, dem Gesetzgeber bei der Gleichberechtigung Beine machen.

Kein Sargnagel für die Familie

Auch das wird das Gute an dem nun von der Koalition beschlossenen Quotengesetz sein: Irgendjemand wird dagegen klagen. Und dann kann Karlsruhe klar und deutlich sagen, dass gegen Quoten nichts zu sagen ist. Karlsruhe wird die Gleichberechtigung auch in der Wirtschaft anschieben - so wie es dies in Ehe und Familie seit sechzig Jahren tut. Und das "Eigentumsrecht" an einem Unternehmen wird kein stichhaltiges Argument gegen die Quote sein können, weil das Eigentum nämlich sozialpflichtig ist.

Die Aufhebung tradierter Rollenzuweisungen ist nicht der letzte Sargnagel für die Familie, wie es konservative Politiker behaupten. Zerstörerisch für die Familie ist nämlich nicht die Frauenarbeit, sondern die verkehrte Welt, in der sich die Familie den Bedürfnissen der Wirtschaft unterordnen soll. Solange es so ist, dass Wirtschaft diktieren will und Familie parieren soll, leidet die Familie. Das zu ändern, ist aber noch viel, viel schwieriger als Frauenquoten einzuführen.