Nach Schätzungen der Polizei nahmen an diesen Blockade-Kundgebungen noch einmal etwa 15.000 Menschen teil. Offenbar gelang es ihnen dabei, auch Straßenabschnitte zu besetzen, welche die Polizei eigentlich für den Demonstrationszug der Rechtsextremen vorgesehen hatte - jedenfalls mussten die Nazis und ihre Sympathisanten stundenlang auf dem Bahnhofsvorplatz ausharren, da die Polizei ihnen zunächst nicht erlaubten, sich in einem Demonstrationszug durch Teile der Dresdner Neustadt zu bewegen.

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Die Menschenkette war zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelöst, und so strömten Dresdner Bürgerinnen und Bürger über die Brücken der Stadt und gesellten sich teilweise zu den Demonstranten gegen den Nazi-Aufmarsch. Bis zum Nachmittag gab es außer kleineren Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken keine Zusammenstöße, "bislang ist alles friedlich", meinte ein Polizeisprecher gegen 16 Uhr.

Elbe als natürliche Grenze

Minuten später aber schien die Stimmung immer gespannter zu werden: Immer lauter grölten die Teilnehmer der Rechtsextremen-Kundgebung, während linker Blockierer auf ihren Posten beharrten - so schaukelten sich langsam die Aggressionen hoch. Taktik der Polizei war es gewesen, rechte und linke Demonstranten strikt voneinander zu trennen und die Elbe dabei als natürliche Grenze zu benutzen. Angesichts der Massen von Gegendemonstranten auf der Neustädter Seite aber wurde es offenbar immer schwieriger, die Lager auseinander zu halten.

Oberbürgermeisterin Orosz wertete die Menschenkette als beeindruckende Demonstration von demokratischem Bürgersinn: "Ich bin stolz, wie deutlich die Dresdnerinnen, Dresdner und ihre Gäste hier ein Zeichen gegen rechts gesetzt haben". Neben Tausenden von Bürgern hatten auch zahlreiche Prominente an der Menschenkette teilgenommen, etwa der evangelische Landesbischof Jochen Bohl, Sachsen Innenminister Markus Ulbig und der tschechische Minister für Menschenrechte Michael Kocab.

Mahnmal für den 13. Februar

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, am 13. Februar 1945, war Dresden durch einen Bomberangriff der Alliierten in Schutt und Asche versunken.Vollgestopft mit Flüchtlingen brannte bald die ganze Stadt, dabei kamen Tausende ums Leben. Erst vor einiger Zeit waren bei Ausgrabungen am Dresdner Altmarkt noch Leichenteile von Opfern der Bombennacht gefunden worden.

Doch während die Rechtsradikalen stets von rund 250.000 Toten sprechen, war eine Historikerkommission vor einigen Jahren nach umfangreichen Recherchen auf eine vermutliche Opferzahl von 25.000 gekommen.

Auch die Dresdner Frauenkirche war nach dem Bombenangriff zusammengestürzt, stundenlang hatte das gewaltige Bauwerk aus Sandsteinen zunächst gebrannt, dann war es wie ein Mehlsack zusammengefallen. Später geriet der Steinhaufen des Gotteshauses zum Mahnmal und Symbol, an dem viele Dresdner auch schon zu DDR-Zeiten am 13. Februar Kerzen aufstellten.

Rechtsextreme mit Eisbrocken

Rechtsextreme Gruppierungen missbrauchten die Trauer der Bürger nach dem Ende der DDR, um mit sogenannten "Trauermärschen" Stimmung für ihre rechten Parolen zu machen. Dabei war es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Auseinandersetzungen gekommen. Indes schienen die Dresdner seltsam unbeteiligt. Nun haben die Bürger ihre Haltung gezeigt.

"Wir sind viel, viel mehr, als ich je erwartet hätte", meinte hernach eine ältere Dame, und sie hatte Tränen in den Augen. Zur gleichen Zeit begann die Stimmung am Neustädter Bahnhof langsam umzuschlagen: Da warfen Rechtsextreme bereits mit Eisbrocken in Richtung und Polizisten, unterdessen hatten linke Demonstranten Straßensperren errichtet und Barrikaden angezündet und die Polizei setzte Wasserwerfer ein. In der Dämmerung begann die Polizei die Kundgebung der Nazis aufzulösen, während rundherum immer noch linke Demonstranten die Straßen blockierten.

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(sueddeutsche.de/berr/hai)