Die Briefe von Jens Söring Eure Feigheit kotzt mich an

Seit fast 30 Jahren sitzt der Deutsche Jens Söring in den USA im Gefängnis, verurteilt als Doppelmörder. Er beteuert seine Unschuld. Foto: Freundeskreis Jens Söring

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Deutsche Jens Söring sitzt wegen Mordes seit fast 30 Jahren im Gefängnis. Er sagt: Ich war es nicht. Aus seiner Zelle in den USA schreibt er Briefe. Er verzweifelt - auch an seiner Heimat.

Von Karin Steinberger

Wir kennen uns schon lange. Seit 2006. Da fing er an, mir zu schreiben, in einem wilden, kurios gespreizten Deutsch. Er entschuldigte sich, er sei zwar Deutscher, dürfe aber seit 1996 keine deutschen Zeitungen mehr lesen. Die Gefängnisleitung habe Angst vor allem, was sie nicht verstehen könne. Da saß er seit 20 Jahren im Gefängnis, erst in England, seit 1990 in den USA. Er schrieb über seine "elende Geschichte". Er platzte vor Wut.

Jens Söring: Im Archiv war nichts über ihn zu finden. Ein Deutscher, den die Deutschen nicht kannten. Am 8. August 2006 saß ich ihm im Besucherraum des Brunswick Correctional Center, Virginia, gegenüber, ein blasser Mann, fast zerbrechlich. Der erste Gedanke: Wie hat der hier überlebt? Er hatte drei Bücher im Arm, von ihm geschrieben. Er glühte vor Stolz.

Mehr als die Hälfte seines Lebens saß er da schon im Gefängnis, Jens Söring, geboren 1966 als ältester Sohn eines deutschen Diplomaten in Thailand, Hochbegabten-Stipendium an der University of Virginia, verurteilt zu zweimal lebenslang wegen Mordes an Nancy und Derek Haysom. Zwei Stunden Besuchszeit, es war nicht viel für dieses grandios verpfuschte Leben. Ich bin unschuldig, sagte er schon damals.

Danach fing er an, mir zu schreiben, wie ein Getriebener, seine Briefe landeten in großer Verlässlichkeit auf meinem Schreibtisch. Immer mit Gefängnis-Stempel: Dieser Brief wurde weder zensiert noch untersucht.

In diesen elf Jahren hat Jens Söring sich x-mal gehäutet, um sich selbst gedreht. Alles, was er tat und dachte, spiegelte sich in seinen Briefen. Er bettelte um Aufmerksamkeit, sprühte vor Zorn, verbot Besuche, nahm alles wieder zurück. Er fand Gott, verlor ihn, er hasste sich selbst, dann das amerikanische Justizsystem, dann die feige deutsche Regierung. Es gab Zeiten, in denen er nicht mehr Radio hörte, die Geräusche des Lebens da draußen taten ihm weh, dann fing er an, sich Filme anzusehen, selbstquälerisch, über Justizirrtümer, er hörte Musik, von damals, als er die schöne, verkorkste Elizabeth Haysom kennenlernte, seine einzige, tödliche Liebe.

Ihre Eltern wurden am 30. März 1985 brutal ermordet, für diesen Mord büßt er. Er hat sich gehäutet, um sich selbst gedreht, aber in all den Jahren hat er eines immer wieder gesagt, geschworen und geschrieben: Ich bin unschuldig. Er sagt, er habe die Tat gestanden, weil er Elizabeth vor dem elektrischen Stuhl retten wollte, er rechnete mit Jugendhaft in Deutschland. Er glaubte, er sei unfehlbar. Der Prozess in den USA war ein TV-Spektakel. Jens Söring schreibt: Ist meine Schuld erwiesen, ohne jeden Zweifel?

Fünfmal habe ich ihn in all den Jahren besucht, immer wieder habe ich über ihn geschrieben, seit drei Jahren drehe ich an einer Dokumentation über ihn. Äußerlich blieb er auf kuriose Art gleich, fast alterslos, als könnten ihm die verlorenen Jahre nichts anhaben. Es ist sein Knastgesicht: Gefühle sind gefährlich im Gefängnis, Hoffnung sowieso.

Und doch hofft er immer wieder: als ein Zeuge auftaucht, als der DNA-Test keinen Treffer ergibt, als Tim Kaine, der demokratische Gouverneur von Virginia, am 12. Januar 2010 der Haftüberstellung nach Deutschland zustimmt. Damals wagte Jens Söring kurz, sich die Freiheit vorzustellen, sich auf sie vorzubereiten. Wie geht das, Wohnung mieten, Steuern zahlen? Am 19. Januar war es wieder vorbei. Der neue, republikanische Gouverneur von Virginia hob den Gnadenakt des Vorgängers auf. Und Söring? Macht weiter. Briefe, Besuche, Gittertüren, die scheppernd zufallen.

Er schaut nie zurück, wenn ein Besuch geht. Und schreibt am selben Tag: "Wenn ich Briefe schreibe, bin ich nicht im Knast - ich bin bei Menschen."

9. August 2006

Vielen herzlichen Dank, dass Sie mich gestern interviewt haben und an meinem Fall so viel Interesse zeigen.

Man kann sich hier mit etwas Intelligenz vor vielem schützen. Mit fast allen Menschen kann man Konflikte mit Worten lösen, ohne als Schwächling dazustehen - das habe ich ja auch als Diplomatensohn im Blut! :) Die einzige wirklich gefährliche Zeit ist, wenn man nicht die Zeit hat, auf Menschen zuzugehen und freundlich (aber nicht ängstlich) zu sprechen . . . zum Beispiel bei völlig durchgedrehten Geisteskranken; oder dem Mann, der mich 1990/91 beinahe vergewaltigt hätte.

20. August 2006

Wenn Sie den Artikel über mich auf Deutsch schicken, bekomme ich ihn nie. Ich schreibe Ihnen, wie die Sache gemacht werden muss. Wir versuchen es mal mit einem "print-out". Also: nur vier Blatt Papier pro Umschlag. Das erste Blatt sollte immer ein ganz kurzer Brief sein. Die nächsten drei Blätter können ein Ausdruck sein, der auf beiden Seiten des Blatts gedruckt werden kann. Es ist wichtig, diese Regeln zu befolgen, Die Wächter in der Poststelle des Gefängnisses sind da nicht sehr flexibel! Es ist wichtig immer daran zu denken, dass Wächter - und besonders die in der Poststelle - keine normalen Menschen sind.

16. November 2006

Die Entscheidung des Bewährungsausschusses wurde mir am 26. September von einem Mitglied der Gefängnisleitung persönlich überreicht. Es ist immer der gleiche Formbrief. Die Wahrheit steht auf der "Website" des Parole Board, in den ersten sechs Monaten des Jahres 2006 wurden 98 Prozent aller männlichen Parole Kandidaten abgelehnt! Meine Chancen auf Entlassung auf Bewährung sind zu 98 % nein.

Die Situation ist völlig hoffnungslos. In diesem Gefängnis sind viele ältere Insassen, immer mal wieder stirbt einer. Oder wird in das "Altersheimgefängnis" Deerfield verlegt, wo andauernd Leute sterben. Wir sehen also alle unsere Zukunft in 10, 20, 30, 40 Jahren. Was an uns vollstreckt wird, ist eine Art verzögerte Todesstrafe - denn ein Leben im Knast ist kein Leben, das ist höchstens eine (qualvolle) Existenz. Eine Schattenwelt, in der nichts echt ist - keine echten Freundschaften, kein echtes Essen, keine echte Hoffnung, keine echte Arbeit. Es ist ein lebender Tod. Wir wissen das auch alle! Aber wie ich hoffen wir alle: Vielleicht schaffe ich es doch. Das ist eine zynische Manipulation des Parole Boards. Die lassen lächerliche zwei Prozent jedes Jahr frei, weil sie wissen, dass man mit diesem winzigen bisschen Hoffnung Tausende Insassen unter Kontrolle halten kann.

Der Fall

Jens Söring wird 1966 als Sohn eines deutschen Diplomaten in Thailand geboren. An der University of Virginia lernt er Elizabeth Haysom kennen. Für ihn ist es die große Liebe. Als am 30. März 1985 Elizabeths Eltern brutal ermordet werden, verdächtigt die Polizei bald die angeblich von der Mutter missbrauchte Tochter und ihren Freund. Die zwei fliehen nach Europa, Asien, am 30. April 1986 werden sie in London verhaftet, beide gestehen und widerrufen ihre Geständnisse später. Jens Söring sagt, er wollte Elizabeth vor dem elektrischen Stuhl retten, er glaubte, durch den Vater diplomatische Immunität zu genießen. In ihrem Prozess 1987 wird Elizabeth Haysom als Anstifterin zum Mord zu 90 Jahren verurteilt. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kann Söring vor seiner Auslieferung in die USA das Todesurteil verhindern. Sein Prozess in Virginia ist ein Medienspektakel, täglich live im Fernsehen. Es gibt Ungereimtheiten, Verfahrensfehler, befangene Richter, falsche Experten. Am 4. September 1990 wird er zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Haysom und Söring sitzen beide in Virginia ein, nur 56 Kilometer voneinander entfernt. Sie haben seit Jahrzehnten keinen Kontakt zueinander.

12. Dezember 2006

Mein viertes Buch kommt im Frühling auf den Markt. Was die Freiheit betrifft, so scheint sie weiter und weiter in die unabsehbare Zukunft abzudriften. Ich bin bitter enttäuscht, aber was kann man tun? (Antwort: noch ein paar Jahrzehnte absitzen!)

16. Dezember 2006

Vielleicht interessiert Sie das: Eben las ich einen Artikel, dass Gouverneur Tim Kaine 100 Million $ ausgeben will, um ein drittes (!) Gefängnis für 1000 Mann zu bauen. (Zwei weitere 1000-Mann Gefängnisse sind zur Zeit im Bau; zwei weitere werden um je 600 Zellen erweitert, eines ist Deerfield, das Altersheimgefängnis.) Der sog. linke ("liberal") Kaine baut das Gefängnissystem um mehr als 10 Prozent aus! Der will mich nicht repatriieren, der baut mir gerade ein neues Zuhause.

23. Dezember 2006

There's no place like home . . . Hoffentlich kann ich auch mal wieder Weihnachten "home" in Deutschland feiern, was?

28. Dezember 2006

Stärke - besonders für Männer (die ja bekannterweise alle ein bisschen doof sind) - ist immer so 'ne Sache, denn Stärke wird leicht mit Härte verwechselt. Und Härte bringt einen im Gefängnis um - sehr leicht auch körperlich, aber noch leichter seelisch (indem man sich abschirmt, um nicht gefühlsmäßig verletzt zu werden). Das Allererste was ich im Gefängnis gelernt habe, ist, das ich "the system" nicht dadurch gewinnen lassen durfte, indem ich zu dem wurde, was mir vorgeworfen wurde: ein kalter, harter Killer. Die Gerichte und die Gefängnisse behandeln einen als Monster, und deshalb wird man sehr, sehr leicht zum Monster. Ich kapierte sehr schnell, dass ich alles verlieren werde, bloß das Menschsein, das wollte ich nicht verlieren. Das ist der "Trick" im Gefängnis, im Leben, und überall - man muss wissen, wie man schwach sein muss (ja, muss), um stark zu sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass man Idiot wird. Ich weiß sehr wohl, wie ich mich in dieser sehr, sehr gefährlichen Welt des Gefängnisses schützen muss! Ich bin ekelhaft stolz, wie gut ich die letzten zwei Jahrzehnte überstanden habe, ohne eine einzige Schlägerei, ohne vergewaltigt zu werden, ohne zu petzen. Das soll mir erst einmal einer nachmachen!

29. Dezember 2006

Im Knast ist es viel zu gefährlich, sein Herz einem anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Alle wissen das! Also ist jeder von uns völlig allein. Wir leben hier Jahre, Jahrzehnte, ohne dass wir auch nur einen einzigen Menschen sehen, dem wir wichtig sind oder der/die uns liebt! Stellen Sie sich das einmal vor! Der erste Mensch den ich morgens sehe - und der letzte Mensch den ich abends sehe - ist der Mann in der Doppelzelle mit mir. Wir hassen uns, wir wechseln kein einziges Wort! Aber wir wohnen seit drei Jahren in der Zelle zusammen, und ziehen beide nicht aus, denn wir wissen, dass alle Alternativen schlimmer sind. Deswegen schreibe ich so viele Briefe. Wenn ich Briefe schreibe, bin ich nicht im Knast - ich bin bei Menschen.

27. April 2007

Die wirklich große Nachricht ist, ich habe mein fünftes Buch fertig geschrieben. Es nimmt den Leser mit durch einen Tag in meinem Leben. Der Prozess des Schreibens war schmerzhaft - weil ich mich damit konfrontieren musste, wie schrecklich meine Existenz wirklich ist. Zum Beispiel der geistig kranke Insasse in der Strafzelle direkt unter mir, der durchgehend heulte, während ich das Buch geschrieben habe.

3. Juli 2007

Letztes Jahr schlief ein Mitglied des Parole Board während meiner Anhörung ein. Dieses Jahr schreibt Assistant Secretary for Public Safety, Dawn B. Smith, einen Brief, aus dem hervorgeht, dass die Entscheidung bereits gefällt worden ist: Wenn die Entscheidung schon gefällt worden ist, warum gibt es überhaupt eine Anhörung?

21. August 2007

Zuerst - können wir uns bitte duzen? Fast alle meine deutschen Bekannten (etwa 48 nach Ihrem Artikel) sind per Du mit mir.

Mein Leben hat sich erst verändert, als ich anfing, regelmäßig zu meditieren - Centering Prayer. Es dreht sich dabei um das Öffnen zu etwas Höherem + Größerem als man selber, dass man aufhört, sich auf die eigene Kraft zu verlassen. Fast alle Fehler, nein, alle Fehler, die wir machen (auch ich, 1985/86) rühren daher, dass wir versuchen, das Ding selber zu stemmen. Wir sind alle im Gefängnis des Ichs.

6. November 2007

Im Knast darf man sich nicht herumschubsen lassen, sonst wird man zum "Punk", zum Sex-Sklaven. Ich bin stolz darauf, dass mich niemand ausgenutzt hat. Ich bin noch "Jungfrau" (oder Jungmann?). Man darf sich nicht schwächlich geben. Diese Charaktereigenschaft, die im Knast lebenswichtig ist, ist in der Außenwelt vielleicht nicht gut; das weiß ich! Aber wenn man unter großem Stress steht, greift man auf jene Verhaltensweisen zurück, die in der Vergangenheit erfolgreich waren. Ich reagiere eben wie ein Knacki, der seit 21 Jahren die Haie erfolgreich ferngehalten hat!

20. Dezember 2007

Neueste Entwicklungen: Am 10. Okt wurde Parole abgelehnt. Auch das Innocence Project hat meinen Antrag abgelehnt. Wegen Haushaltskürzung bekommen wir nur noch zweimal wöchentlich Eier (statt viermal). Keiner protestiert, weil uns erlaubt wird, Fernseher mit 2,5-mal größerem Bildschirm zu kaufen. Sie kosten $ 185; im Katalog der Firma, die unseren Knastladen führt, kostet das gleiche Modell $ 99. Selbst das führt zu keinen Protesten. Im Sep schrieb ich 162 Briefe; im Okt 166; im Nov 158. Weihnachtskarten (bisher): 104.

19. Januar 2008

Ich hoffe es geht Dir gut! Vielen herzlichen Dank, dass Du Dich so sehr für meine Artikel einsetzt; das bedeutet mir eine ganze Menge. Nach 21,5 Jahren Knast durstet man ja nach den allerkleinsten Zeichen menschlicher Zuwendung + Wärme. Und ich denke dann in Deinem Fall auch noch, dass Dir meine Arbeit tatsächlich gefällt - dass es also nicht nur Mitleid ist . . . :) Na ja!

24. Februar 2008

Roland Koch hat mich zum flaggenwedelnden Patrioten gemacht. Ich beobachtete den vom Thema Jugendkriminalität dominierten Wahlkampf in Hessen mit höchst unguten Gefühlen. Amerikanische Wähler fallen auf diese zynische politische Strategie immer wieder rein: Deshalb gibt es in den Vereinigten Staaten mehr Häftlinge als in jedem anderen Land der Welt. Als ich dann die Nachricht erhielt, Koch habe verloren, brach ich tatsächlich in Jubelrufe aus. So einfältig wie die Amis sind deutsche Wähler eben doch nicht!

2. Oktober 2008: "Mir geht's recht mittelmäßig - danke für die Frage. Ich stecke seit dem 23. Juli in einer ziemlich tiefen emotionalen und spirituellen Krise. Ich habe die Hoffnung verloren, hier jemals lebend herauszukommen. Ich hoffe es geht Dir gut." Illustrationen: Stefan Dimitrov

26. Mai 2008

Am vergangenen Wochenende habe ich mit einem Besuch darüber gesprochen, was ich in Deutschland beruflich machen könnte, wenn ich nun (bald?) nach Hause komme. Ich stellte es mir so vor: Soziologie studieren, Professor für Knastologie :) werden, schließlich habe ich auf diesem Gebiet viel geleistet. Oder Jura studieren. Oder Psychologie studieren, wie diese RAF-Terroristin, die jetzt im früheren Jugoslawien kriegsgeschädigte Kinder behandelt im Auftrag der Bundesregierung.

Die Freundin meinte: Vergiss es. Ich stünde dann im Wettkampf mit 25-jährigen Menschen ohne meine "Vergangenheit". Sie meinte: Konzentriere Dich aufs Schreiben. Meinst Du das ginge für mich in Deutschland? So eine Art "roving reporter" für Trends in der Kriminologie, mit gelegentlichen Gerichtsreportagen? Ist das realistisch? Zweite Möglichkeit: Eher Spirituelles schreiben? Ich habe mir Info von Pater Anselm Grün senden lassen. Du, was der macht, mache ich mit links! Bloß eben nicht als Mönch, sondern als früherer Gefangener. So viele Menschen schreiben mir, sie fühlen sich in ihrem Leben gefangen. Und ich gebe ihnen Hoffnung, dass es zu schaffen ist. Tja, was ich den Menschen bieten kann ist Freiheit und Hoffnung!

Bei Sörings zweitem Parole Board 2006 war ein Board-Mitglied bei der Anhörung wiederholt eingeschlafen. 2007 wird seine Entlassung auf Bewährung zum dritten Mal abgelehnt, 2008 zum vierten Mal.

12. Dezember 2008

Letztes Jahr habe ich 110 Weihnachtskarten verschickt; dieses Jahr keine einzige! Ich kann nicht mehr. Aber ich wollte zumindest einen Weihnachtsbrief an Dich schicken, denn Deine Freundschaft bedeutet mir sehr viel. Also: "Merry Christmas!"

19. Januar 2009

Was die Schriftstellerei im Allgemeinen betrifft, habe ich beschlossen, damit aufzuhören. Im letzten Jahr verkauften sich in Amerika 16 Exemplare von "The Convict Christ" im Monat. Also, ich hab's satt. Meine deutschen Bücher verkaufen sich nicht besser. Du schreibst, "sei stark". Karin, ich kämpfe seit 22 Jahren, 8 Monaten, 19 Tagen. Alles ist versucht worden! Sollte die Haftüberstellung nicht funktionieren, gibt es nichts mehr, worauf ich hoffen kann. Jemand, der für Doppel(!)mord einsitzt, kommt in Virginia nie frei. Soll ich die nächsten 30 Jahre damit verbringen, Bücher zu schreiben, die niemand liest, und dann alleine im Seniorenknast krepieren?

4. April 2009

Ich habe Dir eine Menge zu erzählen, das werde ich jetzt einfach mal alles bei Dir abladen. Also, mir wurde mitgeteilt, dass es eine sehr positive Entwicklung hier in Virginia gegeben hat. Nichts Konkretes! Aber das Atmosphärische ist sehr gut, so gut, dass ich mir sogar erlaube, zu hoffen.

Persönliches: Ich habe meinen Glauben verloren, und ich habe auch aufgehört zu meditieren. Also sind nun alle drei der großen Stützpfeiler des letzten Jahrzehnts futsch. Schreiben, Glaube, Meditation, alles weg! Seltsamerweise fühle ich mich aber besser: entspannter, freier.

Ich lese zurzeit viele Bücher, mit denen ich versuche, mich auf ein Leben in Deutschland vorzubereiten. Es wird ja sehr schwer für mich werden. Sollte ich 2010 dort ankommen, werde ich 43 Jahre alt sein - ohne Familie, ohne Geld, ohne Ausbildung, ohne jedes Wissen über Eure Welt! Ich verstehe Wächter und Insassen bestens, aber mir fehlen 23 Jahre Erfahrung mit Frauen, oder mit Männern, die nicht Wächter oder Insassen sind. Viele der Bücher, die ich zurzeit lese, laufen in diese Richtung: Wie "funktionieren" Menschen in Eurer Welt? Und ich habe mir ein Buch über praktische Selbstverständlichkeiten des normalen Lebens gekauft - denn ich habe nie eine Wohnung gemietet, nie eine Wohnung geputzt (!), nie selber Essen eingekauft, nie Steuern gezahlt. Auch ein Computerbuch habe ich bestellt, denn ich habe noch nie das Internet gesehen.

Am 22. September 2009 wird Jens Söring vom Brunswick Correctional Center ins Buckingham Correctional Center verlegt. Sörings Häftlings-Nummer ist jetzt: 1161655. In Brunswick war er Nr. 179212.

29. September 2009

Hier geht es ruppiger zu als in Brunswick. Zwei Tage vor meiner Ankunft wurden auf dem Sportplatz mit einer AR-15 Warnschüsse auf kämpfende Gangmitglieder abgefeuert. Fünf Tage nach meiner Ankunft gab es direkt vor meiner Zellentür eine brutale Schlägerei. Es gab regelrechte Pfützen mit Blut und Blutspritzer auf meinem Fußboden. So eine brutale Schlägerei gab es in den neun Jahren, die ich in Brunswick verbrachte, nicht; in den Jahren davor sah ich so etwas allerdings schon, zumindest gelegentlich. Die Armut unter den Insassen hier ist extrem; die Schlägerei drehte sich um den versuchten Diebstahl einiger selbst gedrehter Zigaretten.

Am 24. September 2009 veröffentlicht das Gerichtsmedizinische Institut Virginias das "Certificate of Analysis". 42 Blutspuren vom Tatort wurden getestet, keine konnte Jens Söring zugeordnet werden.

5. Oktober 2009

Dieses letzte Jahr hatte es in sich! Ich verlor meinen Glauben; ich entschloss mich, mit der Schriftstellerei aufzuhören; ich hörte mit der Meditation auf; der Gouverneur lehnte mein Gnadenersuchen UND den Haftüberstellungsantrag ab; und ich verlor meine Einzelzelle wegen der Schließung Brunswicks. All dies in 14 Monaten!

Dezember 2009

In der Zwischenzeit hättest Du längst eine E-Mail erhalten sollen, die Dich informiert, dass ich in Deutschland bin. Dieser Brief ist nur eine Sicherheitsmaßnahme, falls irgend etwas mit der E-Mail nicht funktioniert. Ich hoffe, bald von Dir zu hören und freue mich schon darauf.

PS: Ich schreibe diesen Brief vor Abreise aus Amerika und schicke ihn vor mir her nach Deutschland. Du, ich kann es gar nicht abwarten, Dich da zu sehen! :)

16. Dezember 2009

Ich habe 23 Jahre, 7 Monate, 16 Tage abgesessen für eine Tat, an der ich unschuldig bin. Es wäre eine riesengroße moralische Sauerei, wenn jemand mich auch nur bitten sollte, nicht über meine Unschuld zu sprechen. Ich war's nicht! Und nun kommen plötzlich die DNA-Tests daher, und schwupps, darf ich zurück nach Deutschland! Keiner hat sich bei mir entschuldigt, keiner hat mir Entschädigung gezahlt. Still und leise bin ich rausgeschmissen worden, das ist eigentlich eine Sauerei. Ich musste diese letzte Seite des Briefes noch einmal schreiben, weil ich angefangen habe zu weinen und immer wieder geschrieben habe: es tut weh, es tut weh, es tut weh!

14. Dezember 2009

Aus dem fernen Amerika sende ich Dir ein "Merry Christmas" und ein "Happy New Year"! Vielleicht sehen wir uns ja doch irgendwann noch einmal . . . schön wär's!

Am 12. Januar 2010, vier Tage vor Ende seiner Amtszeit, bewilligt Tim Kaine, der demokratische Gouverneur von Virginia, Jens Sörings Haftüberstellung nach Deutschland. Am 19. Januar, an seinem ersten Arbeitstag, widerruft der neue, republikanische Gouverneur, Bob McDonnell, den Gnadenakt seines Amtsvorgängers.

28. Januar 2010

Vielen Dank an Euch für Eure lieben Mails und Briefe und Gebete und die Sorgen, die Ihr Euch um mich macht. Ich möchte Euch wissen lassen: Mir geht es relativ gut!

15. Februar 2010

Ich weiß, dass ich üben muss, zu Frauen Vertrauen zu fassen. Nur indem ich das tue, kann ich mich aus dem Morast befreien! Ich muss Frauen mit etwas Wichtigem mein Vertrauen schenken, damit ich dann selber erlebe, dass dies nicht sofort gleich wieder zu Knast und elektrischem Stuhl führt . . . Es gibt weiterhin Grund zu hoffen, dass ich bald in Deutschland bin.

8. März 2010

Alle meine Unterstützer haben mir viel, viel gegeben! An Liebe, an Verzeihung, an Heilen, an praktischer Hilfe, an diesem lebensnotwendigen Gefühl, erkannt zu werden. Was vielleicht überraschend ist, dass ich auch viel zu geben habe. Mir ist das nach meinem Glaubensverlust noch wichtiger geworden, weil ich das als Sinn meines Lebens sehe: Auch und vielleicht besonders ohne "Gott" (der ja am 23.7.2008 verschwand) bleibt die Liebe als das einzig Wichtige und Sinngebende. Mein Hauptproblem ist nicht, zu wenige Freunde zu haben, sondern zu wenige Briefmarken für all die Freunde, die ich jetzt schon habe!

16. März 2010

Ich glaub, mein Brief vom 8.3. war "typisch amerikanische Gefühlsduselei" - aus deutscher Sicht. Ich meine, so etwas macht man in Deutschland wohl nicht, so über Freundschaft zu schwafeln. Ich muss lernen, mich auf Deutschland umzustellen.

4. April 2010

Auf persönlicher Ebene war der März 2010 einer der schwierigsten Monate meiner gesamten Haftzeit. Mir fällt es schwer, tatenlos warten zu müssen. Wenn ich das Gefühl habe, die Geschehnisse irgendwie beeinflussen zu können, geht es mir psychologisch besser. Ich bin so gestresst, dass ich mir beim Zähneputzen einen Muskel in meinem Hals so gezerrt habe, dass ich zwei Tage lang keinen Sport treiben konnte! Anfang dieses Monats starb eine gute Freundin von mir, das hat mir zu schaffen gemacht. Ich war so deprimiert, dass ich mich an den Kaplan gewendet habe, um mit jemandem sprechen zu können. So etwas habe ich während der vergangenen 24 Jahre noch nie gemacht. (Einerseits ist dieser Kaplan ein ganz ungewöhnlicher, amüsanter Mann; andererseits hat er aber Schlüssel, und im Gefängnis muss man klar unterscheiden zwischen den Herrenmenschen mit Schlüsseln und den Untermenschen, die eingeschlossen werden.)

5. Mai 2010

Weitere Neuigkeiten aus meinem Leben: Bisher gab es zweimal im Monat (sehr kleine!) Hühnchen und viermal im Monat (wieder: sehr kleine Stücke) Fisch. Das war sechsmal im Monat, wo wir "echtes" Essen, echtes Fleisch bekamen. Das ist jetzt alles (!) gestrichen worden: keine Hühnchen, kein Fisch! Jetzt gibt es ausschließlich diese graue Truthahn-und Sägemehl-Mixtur: Da wird Truthahnhaut, Truthahnknochen, Truthahnfedern und Sojabohnen in eine graue, schleimige Masse verarbeitet. Der Geschmack ist wie Fäkalien. Und das Zeug riecht schrecklich!

Nach der verhinderten Haftüberstellung im Januar folgte ein monatelanges Tauziehen zwischen Gouverneur McDonnell, der deutschen Botschaft und Sörings Anwälten. Am 6. Juli 2010 erklärt US-Generalstaatsanwalt Eric Holder, dass er Söring nicht nach Deutschland überstellt wird, außer, McDonnell oder ein zukünftiger Gouverneur von Virginia stimmt der Haftüberstellung doch noch zu. Oder ein Gericht in Virginia erklärt die Entscheidung für rechtswidrig.

23. Juni 2010

Es ist einfach unfassbar, dass meine Rückkehr nach Deutschland nun wieder verhindert worden ist. Das geschah 1989, 1990, 1999, 2006, 2007, und nun wieder 2010. Ich habe mich jedes Mal wieder aufgerafft, aber ich bin mittlerweile fast 44 Jahre alt! Vielleicht könnte ich auch dieses Mal irgendwie und irgendwo die Kraft zum Weitermachen finden - aber wieso!

17. August 2010

Ich glaube nicht, das ich in der nahen Zukunft in Deutschland aufkreuzen werde. Du kennst mich, aufgeben kann ich nicht. Aber ich bin auch nicht doof, ich verstehe die Realität (noch) einigermaßen. Die Lage ist momentan so schlecht wie noch nie.

23. September 2010

Heute hat Virginia eine Frau hingerichtet, deren Intelligenzquotient ziemlich niedrig war - aber nicht niedrig genug, um sie vor der Giftspritze zu retten. Mit solch einem "Rechtsstaat" (siehe Anführungsstriche) haben wir es zu tun.

3. Oktober 2010

Wie kann das sein? Ich bin einer von nur 68 Fällen, wo die DNA in der Akte nicht dem Gefangenen, der für das Verbrechen einsitzt, zugeordnet werden kann. Einer von 68! Ja, das ist kein einwandfreier Unschuldsbeweis - aber ein riesengroßer Zweifel ist das schon.

9. November 2010

Es ist wie bei Sherlock Holmes, "Der Hund von Baskerville", wo das entscheidende Indiz war, dass der Hund nicht bellt. Bei mir hat die DNA 42 Mal (!) nicht "gebellt". 2004 wurde eine Studie veröffentlich. Laut der Studie sind 1.3 Prozent aller Gefangenen unschuldig. Bei der heutigen Gefängnisbevölkerung wären das 30 940 unschuldige Gefangene. In Virginia hat die Strafvollzugsbehörde 36 000 Insassen, davon wären 468 unschuldig.

13. Dezember 2010

Ich wollte Dir noch etwas zu Deiner Idee, mir heute zum Interview ein Stück Baumrinde mitzubringen, schreiben. Wenn man einen Teil der Rinde herausschneidet und ihn ins Gefängnis bringt, dann ist das eine Art Tod. Etwas Lebendes wurde aus dem Leben gerissen, und in diesen schrecklichen Ort gebracht - quasi widerwillig (ich unterstelle das dem Baum). Genau wie ich, wie wir alle. So ein Stück Rinde wäre also etwas Trauriges gewesen. Das Gefängnis vergiftet eben alles: Liebe, Hoffnung, Kunst, Gott - alles. Alles Gute wird unrein (im altmodischen, religiösen Sinne), wenn es vom Gefängnis berührt wird. Gegen diese Unreinheit kämpfe und schreibe ich an.

In nur zwei Jahren habe ich Mandelas 27 Jahre erreicht. Und das bedeutet - ja, was?

16. Dezember 2010

Ich habe verschiedene Dinge getan, um meine Position in der Hackordnung zu festigen. Ich helfe anderen Insassen beim Anfertigen von schriftlichen Beschwerden und Berufungsschriften. Ich war auch "law library aide", aus dem gleichen Grund. Ich schüchtere niemanden ein, ich beeindrucke die Kerle mit überraschender Leistung - aber ich spiele mich keineswegs auf, o.k?

Überhaupt ist das allergrößte Geheimnis: Keine Angst haben! Immer der Erste sein, der auf den anderen zugeht, und immer entwaffnend freundlich und offen! Echte Freundlichkeit ist so wahnsinnig selten, dass es die meisten Leute umhaut. Das ist wirklich wahr! Niemand erwartet es, dass ein (relativ) kleiner, (relativ) dünner Weißer alleine (!) ins Hantelareal auf dem Sportplatz geht und so tut, als ob er dorthin gehört. Das beeindruckt! Ich bin einfach überraschend freundlich. Das hat bisher IMMER (!) funktioniert. Fast 25 Jahre lang!

Am 18. Januar 2011 reicht Sörings Anwalt Klage ein, um den Transfer nach Deutschland auf juristischem Weg durchzusetzen. Am Tag danach reicht Söring ein Gnadengesuch bei Gouverneur McDonnell ein, das auf den DNA-Testergebnissen basiert.

29. Januar 2011

Ich kann die DNA-Tests nicht mehr vor Gericht bringen. Die Frist lief am 2. Dezember 2009 aus. Ich ließ sie auslaufen, weil ich das Versprechen erhielt, dass Gouverneur Kaine mich nach Deutschland überstellen würde. Erstaunlicherweise hat sich niemand zum DNA-Gnadengesuch geäußert. Bei der Haftüberstellungsklage hatten sie keine Hemmungen, sofort auf mich einzudreschen. Jetzt herrscht große Stille.

2. Februar 2011

20 Jahre lang hat Virginia mir erlaubt, Fernsehinterviews zu machen. Dann kam ein großer Artikel über die DNA-Tests am 23. Januar - und nun: Fernsehinterviews sind erlaubt, aber nur OHNE Kameras!

22. März 2011

Am Montag wurde ich ins Büro des Knastpsychologen gerufen und machte einen Standardtest. Er besteht aus etwa 550 Fragen, die entweder True oder False beantwortet werden müssen. Das Antwortblatt wird vom Computer gelesen, der spuckt dann die Antwort aus, ohne Zutun des Psychologen. Heute wurde ich zurückgerufen, man sagte mir, was der Computer fand: Ich sei defensiv und sehr darauf erpicht, einen guten Eindruck zu machen. Meine Antworten auf Fragen, wie zufrieden ich mit meinem jetzigen Leben bin, sind zu positiv. Und das würde bedeuten, ich wolle einen guten Eindruck machen. 1. Natürlich bin ich defensiv nach 25 Jahren Knast für eine Tat, die ich nicht beging! 2. Natürlich wollte ich einen guten Eindruck machen. Es geht um meine Freiheit! 3. Momentan bin ich glücklich über mein Leben, weil die Freiheit erreichbar erscheint. 4. Ich bin stolz darauf, dass ich trotz Elizabeth anderen Menschen noch vertrauen kann. Aber der Psychologe sagt, der Computer sage eben, was der Computer sage.

2. April 2011

Bei den Interviews mit deutschen Journalisten habe ich manchmal das Gefühl, dass sie mich als bemitleidenswürdiges Opfer sehen, und das stört mich dann ein bisschen. Denn ich sehe mich selber nicht als Opfer, das passiv leidet, sondern als Kämpfer, der seit 25 Jahren ununterbrochen und aktiv in der Schlacht steht und nicht aufgibt. Mitleid will ich gar nicht - dann schon lieber Bewunderung, ich bin ja eitel.

2. Mai 2011

Letzte Woche gab es eine Messerstecherei. Es dreht sich dabei um junge schwarze "Gang"-Mitglieder, die meinen, sich damit Respekt verschaffen zu müssen. Man muss über solchen Schwachsinn einfach lachen, sonst dreht man durch.

19. August 2011

Heute wurden die "West Memphis Three" nach 18 Jahren aus der Haft entlassen. Die Staatsanwaltschaft gab zwar nicht zu, dass die drei unschuldig sind, aber man gewährte ihnen die Freiheit, weil die Zweifel an ihrer Schuld immer größer wurden. Es gibt Parallelen zu meinem Fall: öffentliche Hetzjagd, Skandalprozess, falsches Geständnis, und zuletzt DNA-Tests, die nicht die Unschuld beweisen, aber Zweifel aufwerfen. Das läuft den ganzen Tag auf CNN, und ich drehe innerlich durch.

12. Oktober 2011

Ein Freund hat mir das Interview mit Murat Kurnaz aus Deiner Zeitung geschickt. Steinmeier hat diesen armen Menschen im Stich gelassen: Die Amis wollten ihn schon 2002 zurückschicken, er kam aber erst 2006 frei, nach der Wahl. Ich habe das mit großer Besorgnis gelesen: Ich will nicht gesteinmeiert werden!

6. Dezember 2011

Momentan warte ich angespannt auf die Entscheidung der Richterin bei der Haftüberstellungsklage. Und ich höre mit Genugtuung vom Entsetzen des Detektivs Dave Watson, der sich durch meine Aktenberge durcharbeitet. Er sagt, die Polizei habe saumäßig schlecht ermittelt.

31. Dezember 2011

Also, Karin, lass mich Schluss machen. Ein weiteres Jahr geht zu Ende, in einigen Stunden . . . Es sind nun 25 Jahre und 8 Monate. Ich hab's echt satt!

17. Februar 2012

Am 19. Januar hielten führende Republikaner eine telefonische Pressekonferenz, bei der sie bekannt gaben, dass sie mich zum Wahlkampfthema im Senatsrennen Kaine-Allen machen würden. Drei Tage später veröffentlichte eine Lokalzeitung einen Artikel des Sheriffs Mike Brown, in dem er in die gleiche Kerbe schlug. Ich schrieb einen Artikel als Antwort, der von der Zeitung natürlich nicht veröffentlicht wurde. Dieses Mundtotmachen hat System. Am 7. Februar wurde mir mitgeteilt, dass Anträge von drei großen deutschen Zeitungen auf Interviews mit mir abgelehnt wurden.

Eine Richterin hat am 20. Dezember letzten Jahres entschieden, dass die Haftüberstellungsklage nicht ordentlich zugestellt worden war. Also ließ mein Anwalt die Klage am 6. Januar über einen dafür zuständigen Hilfssheriff in Richmond an den Generalstaatsanwalt Virginias, Ken Cuccinelli, überstellen. Der weigerte sich prompt, die Klage anzunehmen! Weil das juristisch unmöglich ist, reichte mein Anwalt eine Klage ein, um Cuccinelli dazu zu zwingen, die Klage anzunehmen. Am 9. Februar erhielt mein Anwalt einen Anruf: Nach Rücksprache mit der Kanzlei des Gouverneurs sei man bereit, die Klage anzunehmen.

Offensichtlich haben die Republikaner jede Hemmung verloren, sie erlauben sich alles - von der Weigerung, die Klage anzunehmen, bis hin zum Interviewverbot.

Schrecklich ist das: im Knast alt werden. Ich war 19, als ich ins Gefängnis kam; heute bin ich 45. Kaum zu glauben.

23. Februar 2012

Ich finde, es sagt sehr viel über Frau Dr. Merkel als Menschen, dass sie sich für jemanden wie mich interessiert. Nun bitte ich sie, dem guten Willen Taten folgen zu lassen bei dem Staatsbesuch von US-Präsident Obama. Wegen der grotesken Politisierung meines Falles durch die Republikaner kann mein Fall nur politisch gelöst werden. Bitte, Frau Dr. Merkel, wenden Sie sich nicht von mir ab, wie andere es tun!

Natürlich habe ich Angst, ich bin ein Mensch wie jeder anderer, kein Soziopath!

Was ich tun würde, wenn ich frei wäre? Ich habe ein tiefes Bedürfnis, in der Natur einen Spaziergang zu machen, vermutlich erst einmal allein. Tja, und vermutlich werde ich ganz dringend - privat - weinen und schreien müssen. Ich habe seit 6 oder 7 Jahren nicht mehr weinen können. Und ich würde eine Bahnfahrkarte nach Bremen kaufen, wo meine Mutter beerdigt ist, sie starb 1997, im elften Jahr meiner Haft.

7. März 2012

Ich bin entrüstet! Auf dem Foto, das Deinen Artikel begleitet, ist eine Mahlzeit zu sehen, mit Milchkarton in einer Zellentür! Mensch, so viel zu essen bekommen wir NIE, schön wär's! Milch in Kartons (und so viel!) habe ich seit Anfang der Neunzigerjahre nicht mehr gesehen!

Die achte Anhörung des Parole Boards findet statt, obwohl der Vorsitzende William Muse schon zehn Tage davor bekannt gibt, dass er Söring nicht entlassen wird.

30. März 2015: "Heute ist das 30ste Jubiläum der Tat. An jenem Abend endeten Derek und Nancy Haysoms Leben. Aber auch meines."

6. März 2013

Am 30. April ist der 27ste Jahrestag meiner Verhaftung. Ich habe einen langen Artikel geschrieben: "J'accuse!" Es geht um Abu Ghraib, das 13te Amendement der US-Verfassung, meinen Fall, Barack und Angela. Also, Du wirst sehen, der Artikel ist verdammt gut, sehr reißerisch.

18. April 2013

François Hollande hat die französische Staatsbürgerin Florence Cassez am 24. Januar aus mexikanischer Haft befreit. Sie wurde am Pariser Flughafen vom Außenminister abgeholt und dinierte am nächsten Tag im Elysée-Palast mit dem Präsidenten. Wieso geht so etwas eigentlich in Frankreich, aber nicht in Deutschland?

8. Juni 2013

Die ersten 24 Jahre, 1986 - 2010, war ich ein normaler Gefangener. Aber die letzten dreieinhalb Jahre bin ich ein politischer Gefangener, denn: Der zuständige Gouverneur Kaine hatte ganz offiziell meine Überstellung und Entlassung angeordnet. McDonnell hat die Ablehnung dann rein politisch begründet. Die Entrüstung des Volkes, etc. Keine neuen Tatsachen, keine juristischen Fehler in Kaines Anordnung. Deshalb: politischer Gefangener.

15. November 2013

Freiheit interessiert mich nicht mehr. Ich will nur noch, dass die Welt die Wahrheit erfährt.

15. Oktober 2014

Es ist nun klar, dass ich das Gefängnis lebend nicht verlassen werde. Im Laufe der vergangenen 28 1/2 Jahre haben wir alles versucht: Wiederaufnahme, "Parole", Haftüberstellung. Für mich bedeutet das, dass ich nun offiziell aufgebe. Ich habe deutschen und amerikanischen Freunden gesagt, dass ich keine Besuche mehr wünsche. Der einzige Grund, warum ich am Leben bleibe, ist die Hoffnung auf, na, sagen wir mal, mediale Gerechtigkeit. Deshalb will ich keine Besuche mehr. Genug! (Bitte erspare mir irgendwelche Mutmach-Parolen. Alles schon gehört; alles soooo langweilig! Echt, ich will so was nicht hören.)

22. Oktober 2014

Hier ist nun die Panik ausgebrochen. Ende vergangener Woche wurde bekannt gegeben, dass Virginia ein großes und drei kleine Gefängnisse schließen muss, um Geld zu sparen.

Einige Häftlinge meinen jetzt, dass man Gefangene entlassen "muss". Die Idioten! Kein Mensch interessiert sich für die Gefangenen dieses Landes. Es gibt ein allgemeines Verständnis der US-Gesellschaft, dass Insassen alles verdient haben, was ihnen im Namen der Justiz angetan wird. Nein, stimmt nicht: Sie haben sogar mehr Strafe, mehr Härte verdient!

Ach ja, bevor ich es vergesse: Heute habe ich mein alljährliches Ablehnungsschreiben vom "Parole Board" bekommen. Die zehnte Ablehnung. Mich regt das alles gar nicht mehr auf. Es ist die übliche Warterei, in einem Leben, das fast ausschließlich aus Warterei bestanden hat.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein vergeudetes Leben. Aber bei näherem Hinsehen meine ich doch zu erkennen, dass ich einiges erreicht habe. Ich habe etwa einen Menschen vor der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl gerettet: Elizabeth Haysom. Ich habe mein Leben für eine Psychopathin geopfert, die mich vorsätzlich belogen und manipuliert, aber nie wirklich geliebt hat. Das mag stimmen. Aber letztlich ist auch Elizabeth ein Mensch.

20. Januar 2015

Ich habe seit dem vergangenen Sommer zehn Pfund verloren (ich durfte mich am 15. Januar wiegen und war ganz überrascht). Und ich habe jetzt einen riesigen Rauschebart, sehe aus wie Grizzly Adams. Hm, auch wie Karl Marx!

Bitte beschreib mich nicht als Mitleidsobjekt! Ich hasse das zutiefst, denn es würdigt nicht, was das Grundproblem ist: nämlich, dass ich unschuldig bin. Ja, ja, ich werde schlecht behandelt, mein Leben ist tragisch, bla, bla, bla, das ist mir so egal! Was wichtig ist: Der Haysom Mordfall ist NICHT gelöst, ein unschuldiger Mann sitzt im Knast!

27. Februar 2015

Am Dienstag wurde mir der Befehl gegeben, meinen schönen Rauschebart auf Viertel-Inch-Länge zu stutzen.

Ich lebe seit fast 29 Jahren in Einzelzellen, die mit zwei Mann belegt sind. Die Toilette ist nicht abgeschirmt; wenn einer von uns kackt, muss sich der andere zur Wand wenden. Und zuhören und mitriechen. Deshalb habe ich kein Gefühl mehr für "Persönliches" und "Privates". Über Würde kann man sich nicht streiten. Sie kann verletzt werden. Im Gegensatz dazu kann man sich über Rechte prima vor Gericht streiten, man kann feine juristische Tricksereien entwickeln, um formal die Rechte zu respektiere, sie tatsächlich aber zu verletzen. Beispiel: der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, der formal zu meinen Gunsten entschied, mich tatsächlich aber einer viel schlimmeren Todesstrafe aussetzte. (Rückblickend wäre ich lieber im elektrischen Stuhl gestorben, als durch lebenslange Haft = lebenslange Folter.)

1. März 2015

Am 19. Februar gab es wieder eine besonders brutale Schlägerei. Ich saß also im Speisesaal und ärgerte mich, dass es nur einen klitzekleinen Klacks gehacktes Schweinefleisch gab. Dann ging's direkt hinter mir los. Ich schaute zu, wie die beiden Kerle aufeinander einschlugen. Und sah, dass am Nachbartisch der Teller herumstand. Das gehackte Schweinefleisch ist so eine Seltenheit geworden (aus Kostengründen), und die Portionen sind so verdammt klein (wieder aus Kostengründen), und der sich prügelnde Insasse würde diese Mahlzeit nie essen können, weil er gleich in die Strafzelle abtransportiert würde. Was macht da der hungrige "alte Hase"? Ich hab schnell die zwei Löffel Schweinefleisch auf dem Teller des Kämpfers gegessen! Das war, verdammt noch mal, ein guter Tag.

31. März 2015: "Ich sehne mich danach, dass meine psychopathische Freundin mir vor 30 Jahren beim Sex die Kehle durchgeschnitten hätte? Das ist doch krank."

7. März 2015

Ich bin kein guter Mensch, ich bin kein netter Mensch, ich bin sicherlich kein schlauer Mensch, aber ein unschuldiger Mensch, das bin ich schon. Darum geht es.

19. März 2015

Ich habe den Film "Conviction" mit Hilary Swank gesehen. Natürlich hätte ich das nicht tun sollen, das wusste ich auch. Jedes Mal, wenn ich mir so was antue, bin ich danach am Ende. Was mich bei diesen Justizirrtumsgeschichten immer so ins Herz trifft, ist dieser Moment, wenn ein Richter das Urteil offiziell kippt. Also wenn das verdammte System endlich formell eingesteht, dass da etwas ganz schlimm schiefgelaufen ist. Und dann der Moment, wenn der Mensch vor die Kameras tritt. Keine Entschuldigung - das ist sowieso Quatsch -, aber eine Anerkennung der Wahrheit.

Tja, und genau dies werde ich nie bekommen. Nie. Obwohl ich mir nichts mehr wünsche als dies - diesen (Doppel-)Moment! Das ist mir so unendlich viel mehr wert als "Freiheit". Ich scheiße auf die "Freiheit"!

27. März 2015

Unschuldige Menschen gehören nicht ins Gefängnis. Punkt! Unschuldig ist, wenn man die Schuld nicht "ohne jeden Zweifel" nachweisen kann. Punkt! Ist meine Schuld, im Angesicht der neuen Beweise, immer noch erwiesen "ohne jeden Zweifel"? Hatte ich, im Angesicht jenes Richters und jenes Verteidigers (und der Falschaussagen), einen fairen, rechtsstaatlichen Prozess? Das sind die Fragen! Nicht, ob der Jens sich im Gefängnis traurige Lieder anhört, oder ob er sich einsam und alleine fühlt, oder ob das Essen im Speisesaal gut schmeckt. Das ist alles Scheiße! Menschenrechtsscheiße! Mitleidsscheiße!

31. März 2015

Ich habe den Film "Gone Girl" mit Ben Affleck gesehen. Am Ende gibt's eine Sex-Szene, wo die Psychopatin Amy mitten im Sex ihrem Liebhaber Desi mit dem Messer die Kehle durchtrennt. Das Blut stürzt in riesigen Mengen herunter, wirklich schlimm gruselig. Was war meine Reaktion? Laut schallendes Gelächter. Warum? Weil ich mich selber dort sah. Denn früher oder später hätte Elizabeth auch mich getötet. Also: Ich sah da meinen eigenen Mord auf dem Bildschirm. Aber - und das ist der Clou - ich sehe heute, nach 29 Jahren Qual und Leid, dass es viel, viel besser für mich gewesen wäre, wenn Elizabeth mich damals ermordet hätte. Deshalb musste ich laut lachen: All dieses Blut, mitten im Sex, dieses Ekelige - das war viel besser als mein tatsächliches Leben. Der Desi hatte es gut.

Dreißig Jahre nach der Tatnacht bleibt mir nur noch dieses eine kleine Fetzchen. Ich weiß gar nicht, was es ist? Aber: Ich war es nicht! Letztlich ist das alles, was mir bleibt. Dass ich gar nicht hierher gehöre!

1. August 2015

Heute ist mein Geburtstag, der 29. hinter Gittern. Es ist ja nicht so, als ob ich ein Opfer wäre. Am 31. März 1985 fasste ich den Entschluss, zehn Jahre meiner Freiheit zu geben, um das Leben meiner Freundin zu retten. Ich halte diesen Entschluss weiterhin für richtig und bin auch stolz darauf. Aus den von mir damals erwarteten zehn Jahren Jugendstrafe in Deutschland wurden dann (bisher!) 29 Jahre harte Haft in Amerika. Das war ein Planungsfehler meinerseits, was ich niemandem sonst anlasten kann. Ja, klar, die Polizei, der Staatsanwalt, der Richter, der angebliche Forensiker und meine ehemalige Freundin - sie alle haben jeden schmutzigen Trick eingesetzt und sogar Meineide abgelegt, um mich für eine Tat zu verurteilen, die ich nicht begangen habe. Sie sind allesamt Schweine, und, nebenbei, größere Verbrecher als ich es je war.

9. August 2015

Leicht zu sagen, dass es "besser" gewesen wäre, wenn ich feig gewesen wäre. Ich wäre nie ins Gefängnis gekommen! Ich hätte bei Elizabeths Verhandlung ausgesagt und hätte sie auf den elektrischen Stuhl geschickt. Aber wäre das wirklich "besser"?

Manchmal muss ein Mann tun, was er tun muss. Du magst das grotesk, unbegreiflich und archaisch finden, "macho". Aber ich verstehe Hemingway und seine Weltanschauung. Der Unterschied zwischen Hemingway und mir ist: Er sucht die Nachstellung heroischer Taten, wie Großwildjagd. Ich habe etwas getan, was wirklich gefährlich war, als ich die Sache für Elizabeth auf mich nahm. Und sicher habe ich hier drinnen mehr wahre Gefahren erlebt, als Hemingway bei all seinen Großwildjagden.

Was Hemingway und mich verbindet? Wir sind beide eitel.

10. August 2015

In diesen "post-heroischen" Zeiten, mag mein Handeln 1984 und 1985 albern erscheinen. Aber ich glaube, dass es eine Erinnerung gibt an die Zeiten, als Heldentum noch möglich war. Und ich glaube, dass sich die Menschen danach sehnen - diese Sehnsucht mag in Teilen die Wiederauferstehung des religiösen Fundamentalismus erklären. Ich glaube, dass meine Geschichte unangenehm ist für die Leute, sie macht die Kluft sichtbar zwischen dem, nach dem wir uns sehnen, und unserem Zynismus und der Gleichmacherei. Das Einfachste ist zu sagen: Er muss schuldig sein.

12. November 2015

In Deutschland kann man nur reden, endlos reden (und das meiste davon ist auch noch Quatsch: "Wir schaffen das."). Aber Worte können mir nicht helfen.

Am 22. Dezember lehnt Terry McAuliffe, der neue demokratische Gouverneur von Virginia, Sörings zweiten Antrag auf Überstellung nach Deutschland ab.

24. Dezember 2015

Es ist ein schwieriges Weihnachten für mich, aber ich hoffe ein gutes für Dich.

17. Januar 2016

Letzte Nacht hat die BBC berichtet, dass die Iraner fünf Amerikaner befreien, und die Amerikaner sieben Iraner. Das sind "erwachsene" Staaten. "Mein" Land hingegen hat nicht einmal ein Treffen zwischen Botschafter und Gouverneur hingebracht in den sieben Monaten von Mai bis Dezember. Was für ein schreckliches, feiges Land!

29. Januar 2016

Gegen diese Leute zu kämpfen ist die einzige Identität, die ich noch habe. Ohne das wäre ich einer von 2,3 Millionen - vergessen, ignoriert, ungeliebt. Aber indem ich weiterkämpfe, bleibe ich lebendig. Mein Leben hat noch einen Sinn. Ich glaube, ich erfülle eine wertvolle soziale Funktion, ich bin der Kanarienvogel in der Kohlengrube. Das hätte ich mir nicht ausgesucht als meine Lebensaufgabe, aber ich mache es jetzt halt. Und ich versuche, es gut zu machen.

All the best, Jens