Diplomatie Spieglein, Spieglein an der Wand

Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Internationale Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa/picture alliance)

Wahrnehmung macht Politik - so war es immer schon. Was aber kann Europa daraus lernen? Und wie findet Deutschland seine Rolle zwischen den Erwartungen, dass es führt, und den Ängsten, es handle aus einem Vormachtstreben?

Gastbeitrag von Andreas Rödder

Mit der Gründung des Deutschen Reiches wurde die machtlose Mitte des Kontinents im Jahr 1871 zur militärisch stärksten Macht in Europa. Um die Jahrhundertwende war Deutschland zusammen mit den USA das wirtschaftliche und technologische Kraftzentrum der Welt. Dann beging es den größten Fehler, den es begehen konnte. Es begann den Krieg und eine beispiellose Geschichte der Selbstzerstörung.

Deutschland verlor zwei Weltkriege, trieb weite Teile seiner Eliten aus dem Land und beging mit dem Holocaust das Menschheitsverbrechen schlechthin. Seine Städte wurden zerstört, es verlor ein Drittel seines Territoriums und wurde geteilt. Als sich die verbliebenen Teile 1990 wiedervereinigten, schien sich das Land mit den Lasten der Einheit endgültig zu überheben. 2005 war allenthalben vom "Abstieg eines Superstars" die Rede. Fünf Jahre später stand Deutschland wieder da, wo es vor 1914 schon einmal gewesen war: in einer "halbhegemonialen Stellung" (Ludwig Dehio) in Europa - zu schwach, um den Kontinent wirklich zu beherrschen, aber zu stark, um sich einfach einzuordnen.

Was Deutsche für moralische Pflicht halten, sehen andere als Vormachtstreben

Das war und ist vielen nicht geheuer. Als Staatssekretär von Bülow 1897 vor dem Reichstag sagte, "wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne", dann mochte er das "auch" betonen - die europäischen Nachbarn hingegen hörten das "wir" und den "Platz an der Sonne". Bundespräsident Joachim Gauck war dieser Resonanzraum wahrscheinlich gar nicht bewusst, als er im Februar 2013 sagte: "Wir wollen andere nicht einschüchtern, ihnen auch nicht unbedingt unsere Konzepte aufdrücken, wir stehen allerdings zu unseren Erfahrungen, und wir möchten diese gern vermitteln."

Heute wie zu Kaisers Zeiten gilt: Was die Deutschen für ihr gutes Recht oder ihre moralische Pflicht halten, erscheint anderen als deutsches Vormachtstreben. Zugleich wird Deutschland immer wieder dazu aufgefordert, Führung zu übernehmen. Aber wenn es das tut, wird das deutsche Vormachtstreben kritisiert. Aus diesem Dilemma kommt Deutschland nicht heraus. Wenn es zum Beispiel das Zwei-Prozent-Ziel der Nato erfüllt, entsteht in der Mitte des Kontinents wieder eben jene militärische Macht, die alle Nachbarn traditionell fürchteten.

Solche Wahrnehmungen sind politische Realität. Sie sind langlebig, wie die Euro-Schuldenkrise gezeigt hat, als allerorten alte Stereotype wieder auftauchten. Und sie sind relevant für Entscheidungen. Im Juli 1914 hatte sich auf allen Seiten so sehr das Gefühl der Bedrohung festgesetzt, dass der Krieg zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wurde.

Wie aber mit den Wahrnehmungen umgehen? Erstens sollten alle europäischen Staaten vermeiden, eine nationale Opfergeschichte zu pflegen. So ist Polen nicht Opfer eines "ewigen deutschen Drangs nach Osten" (ein Narrativ aus dem 19. Jahrhundert), noch ist Deutschland "Zahlmeister Europas". Gustav Stresemann, 1923 Reichskanzler und anschließend Außenminister, hat gezeigt, dass die Grundlage erfolgreicher Verständigung darin liegt, die Perspektive des anderen in die eigene Sicht miteinzubeziehen.

Zweitens sollte sich Deutschland von allen Partnern erbitten, Doppelstandards zu vermeiden. Unter denen hat schon die Wilhelminische Weltpolitik gelitten, weil die Briten den Deutschen vorenthielten, was sie für sich selbst in Anspruch nahmen. So käme es dem heutigen Europa sehr entgegen, wenn die deutschen Partner nicht von Deutschland oder von der EU die Lösung ihrer eigenen Probleme erwarteten.

Umgekehrt ist Deutschland, drittens, immer gut damit gefahren, wenn es Rücksicht auf die kleineren Staaten in Europa genommen hat. Alle Hegemonietheorien besagen, dass erfolgreiche Führung voraussetzt, in das Gemeinwohl der Ordnung zu investieren. Wohlwollende Führung heißt: Deutschland muss mehr tun für Europa, auch finanziell.

Es wäre also viel gewonnen, wenn auf gegenseitige Wahrnehmungen Rücksicht genommen würde. Allerdings dürfen darüber machtpolitische Zwänge nicht vergessen werden. Das historische Verdienst der europäischen Integration liegt darin, dass Belgien, Luxemburg und Polen nicht mehr Einmarschgebiete der Armeen benachbarter Großmächte sind, sondern Präsidenten europäischer Institutionen stellen. Ein global handlungsfähiges Europa, wie es Emmanuel Macron und Angela Merkel jüngst wieder gefordert haben, ist daraus freilich noch nicht geworden. Europa neigt zur Verzwergung, wenn es im Konsens der 28 oder 27 arbeitet.

Hier kommt eine weitere historische Erfahrung ins Spiel: Die Nationalstaaten waren und sind die Kraftquellen, aus denen Europa schöpfen kann. Am erfolgreichsten war europäische Außenpolitik in den vergangenen Jahren mit der deutsch-französischen Vermittlung im Ukraine-Konflikt oder mit dem Einsatz in Mali unter französischer Führung. Nationalstaaten kooperieren nicht gegen, sondern neben Nato und EU.

Echte Staatskunst im Europa des Jahres 2018 erfordert also den Ausgleich zwischen den teuflischen Wahrnehmungen und den machtpolitischen Zwängen. Historisch informierte Kreativität und Fantasie können dabei nicht schaden.