Krise der CDU Die Kanzlerin verliert ihre Wähler

Die Niederlage in Bremen schmerzt die CDU mehr als viele zugeben - denn der Partei wird klar: Die 20 Prozent sind kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis einer Politik gegen die Mehrheit der Menschen. Erst haben die Christdemokraten die Wechselwähler vergrault. Und dann die Stammwähler verärgert.

Ein Kommentar von Stefan Braun

Man muss Hermann Gröhe nicht mögen, um Mitleid mit ihm zu haben. Nach dem Wahldebakel von Bremen erklärt der CDU-Generalsekretär, seine Partei werde sich verstärkt um die städtischen Milieus kümmern. Man mag das die Ankündigung eines Ausschusses, eines Arbeitskreises, einer Arbeitsgruppe oder von was auch sonst immer nennen - Gröhes Äußerung ist nichts anderes als der Gipfel der Ratlosigkeit bei den Christdemokraten.

Die CDU hat im zurückliegenden Jahrzehnt nicht nur immer wieder solche Arbeitsgruppen mit Pomp gegründet und aus Scham immer wieder leise beendet. Sie hat, was schlimmer ist, offenbar nicht verstanden, dass es keiner Arbeitskreise bedarf, um zu verstehen, warum ihr fast überall die Wähler davonlaufen. Sie tun es, weil sie der CDU derzeit keinen Glauben schenken.

Nun muss man das Wahlergebnis in Bremen nicht überbewerten. Die Stadt ist seit mehr als sechzig Jahren ein schweres Pflaster für die Christdemokraten. Trotzdem: Das Ausmaß der Niederlage ist überraschend. Und es schmerzt mehr, als es alle zugeben. Denn auch die CDU hatte schon Zeiten, in denen sie in Bremen auf 35 Prozent kam.

Die CDU Angela Merkels steckt in einer schlimmen Situation. Sie hat es innerhalb eines halben Jahres geschafft, einen echten Doppelschlag hinzulegen: Erst hat sie viele potentielle Wechselwähler geärgert, dann ihre Stammwähler vor den Kopf gestoßen. Das kann keine Volkspartei auf Dauer aushalten, ohne den Charakter als Volkspartei zu verspielen. In Bremen ist die CDU auf Platz drei gelandet; in Berlin könnte sie demnächst sogar auf Platz vier rutschen.

Wechselwähler geärgert, Stammwähler vor den Kopf gestoßen

Natürlich gibt es dafür nicht eine alleinige Ursache. Aber immer deutlicher wird, dass die noch im Herbst beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke ein historischer Fehler war. Es war von Anfang an eine Politik gegen die Mehrheit der Menschen. So etwas kann sich eine kleine Partei erlauben, die mit ein, zwei Themen antritt. Eine Volkspartei aber darf sich nicht zur Klientelpartei machen. Die CDU wollte das nicht wahrhaben, bis die Wirklichkeit einer Atomkatastrophe sie eines Besseren belehrte. Kein Wunder, dass ihr noch immer mehr als zwei Drittel der Menschen nicht folgen möchten.

Allerdings wäre es falsch, dafür allein die Kanzlerin verantwortlich zu machen. Die Atompolitik ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie einige besonders entschlossene Kämpfer eine ganze Partei in die falsche Richtung drängen konnten - und sich dabei auch noch von persönlichen Animositäten leiten ließen. Es waren vor allem die Baden-Württemberger Volker Kauder, Stefan Mappus und Tanja Gönner, verbunden mit einigen sogenannten Wirtschaftsexperten, die mit aller Macht für eine Laufzeitverlängerung kämpften und das auch noch zum persönlichen Duell mit Umweltminister Norbert Röttgen machten. Jetzt zeigt sich, dass sie ihrer Partei über den Tag hinaus einen Bärendienst erwiesen haben.