Die Grünen Wut und Vernunft

Niedersachsen gilt als eine der Hochburgen des umstrittenen Frackings; an mehreren Stellen, wie hier in Rotenburg, werden erhöhte Krebsraten damit in Zusammenhang gebracht.

(Foto: Focke Strangmann/dpa)

Zwischen Protest und Regierungsverantwortung: Die Grünen tun sich oft schwer, ihre Rolle zu finden - wie in der Heimat von Elke Twesten, die zu den Christdemokraten überlief.

Von Thomas Hahn, Rotenburg/Wümme

Frau Brennecke mag Kanada. Und weil der Landkreis Rotenburg/Wümme wie ein kleines Kanada in Deutschland wirkt mit seiner Weite und seiner Natur, ist sie vor bald 20 Jahren mit ihrer Familie hierhergekommen. Von der Erdgasförderung und vom Fracking wusste sie da noch nicht viel. Als sie in der Landschaft um Hemslingen zum ersten Mal den Feuerschein einer Abgasfackel der Firma Exxon Mobil sah, hätte sie fast die Feuerwehr geholt. Ein Erdbeben und eine Häufung an Krebsfällen bewogen sie schließlich, das Thema aufzugreifen.

Heute ist Birgit Brennecke, 62, eine der hartnäckigsten Aktivistinnen im Landkreis Rotenburg, eine Grüne vom Scheitel bis zur Sohle, auch als Spitzenkandidatin für Niedersachsens Landtagswahl am 15. Oktober unterwegs. Sie will über die Gefahren der Gasförderung in Niedersachsen aufklären. Und sie steht dabei für einen Anspruch, der die Macht nicht zu wichtig nimmt. "Man muss nicht seine Seele verkaufen, nur damit man mitregiert", sagt Birgit Brennecke, "das ist hier Frau Twesten ins Kreuz gelaufen."

Frau Twesten. Elke Twesten. Das ist die Landtags-Abgeordnete, die Anfang August von den Grünen zur CDU wechselte und damit die Einstimmen-Mehrheit der rot-grünen Regierung beendete. Mit einem Knall zerbrach, was seit 2013 gehalten hatte, Parteifreunde standen vor einem Rätsel. Klar war eigentlich nur, dass Elke Twesten mit ihrem Wechsel die Konsequenz aus einer Niederlage in ihrem grünen Heimat-Kreisverband Rotenburg zog. Ende Mai hatte sie, die elegante Frauenpolitikerin, dort die Wahl zur Spitzenkandidatin gegen die landesweit kaum bekannte Birgit Brennecke verloren. Ein Affront. Fast schon ein Putsch. Im Interview mit der Rotenburger Kreiszeitung sagte Elke Twesten wenig später: "Es tut mir sehr weh, dass ich meine Heimatregion nicht mehr im Landtag vertreten darf."

Das Problem der Grünen, klagt die Newcomerin: Koalitionsarbeit stehe oft über Oppositionsarbeit

Die größte Aufregung hat sich gelegt, die Neuwahlen sind am 15. Oktober, der Wahlkampf läuft. Aber für die Grünen ist der Wechsel mehr als nur eine schräge Personalie. Die Twesten-Sache zeigt das Dilemma einer Partei, die ihre Wurzeln in der Bürgerbewegung hat und ihre Gegenwart in der Regierungsverantwortung sieht. In Rotenburg wird die Suche nach grüner Identität greifbar. Sie sei überzeugt, die Grünen kämen weiter, "wenn wir deutlich machen, dass wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Spitzenämter zu besetzen", sagte Elke Twesten nach ihrer Abwahl. Birgit Brennecke sagt: "Das ist gerade der Punkt bei den Grünen: Diese Koalitionsarbeit steht über der Oppositionsarbeit. Das kann ich nicht nachfühlen."

Rotenburg steht für einen ländlichen Raum, in dem auf den ersten Blick vieles in Ordnung ist. 160 000 Menschen verteilen sich auf einer Fläche, die fast so groß ist wie das Saarland. Sie spüren die Folgen des demografischen Wandels, der öffentliche Nahverkehr könnte besser sein. Aber der Wirtschaft geht es gut, die Arbeitslosenquote liegt mit 4,4 Prozent unter dem Landesdurchschnitt von 5,7. Das Leben ist relativ billig, die Landschaft schön, die Ruhe groß. Bremen und Hamburg sind nicht weit. Den meisten geht es gut, was sich auch bei der Integration der Flüchtlinge zeigt, die das Landratsamt auf die Dörfer verteilt hat. Gerd Hachmöller, Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung, sagt: "Wir sind dünn besiedelt, aber ein Stück weit auch heile Welt."

Gestritten wird trotzdem. Und zwar um die Erdgasförderung. 97 Prozent der deutschen Erdgasförderung passiert in Niedersachsen, der Süden des Landkreises Rotenburg ist ein wichtiges Bohrgebiet. Seit 1980 fördert Exxon Mobil hier Erdgas und hat dabei auch schon die umstrittene Methode des Fracking angewandt, die mit Spezialbohrungen und Chemikalieneinsatz künstliche Fließwege für das Gas schafft. Mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit waren lange kein Thema. Birgit Brennecke, die Zugereiste aus Bremen, gehörte zu denen, die sich damit nicht abfinden wollten. "Mir fiel immer auf, die Bürger werden gar nicht informiert." Krebserkrankungen veränderten die Stimmung, Bürgerinitiativen entstanden, Protest regte sich. Und seit 2014 hat die Debatte auch offiziell einen Aufhänger. Für einen Verwaltungszusammenschluss von sechs Gemeinden im Süden des Landkreises hatte das Epidemiologische Krebsregister Niedersachsen eine ungewöhnlich hohe Zahl an Krebserkrankungen bei älteren Männern festgestellt. Das Gesundheitsamt prüfte die Zusammenhänge. Im April präsentierte es die Ergebnisse, die allerdings so vage ausfielen, dass eigentlich nur klar war: Es muss weiter geforscht werden.

Landrat Hermann Luttmann (CDU) spürt die Verunsicherung im Landkreis. "Ich wünsche mir eine sachliche Diskussion", sagt er und verweist auf eine Resolution des Kreistages, die das Land auffordert, "von seinen gesetzgeberischen Möglichkeiten Gebrauch zu machen, das bundesgesetzliche Verbot von Fracking und Verpressen von Lagerstättenwasser in Wasserschutzgebieten auf Vorranggebiete für Trinkwassergewinnung auszudehnen".

Und Birgit Brennecke hat ihr Thema, das sie mit enormer Beharrlichkeit verfolgt. Elke Twesten ist auch eine Kritikerin der Erdgasindustrie, aber offensichtlich nicht so, wie die grüne Basis das für angemessen hält. "Frau Twesten ist noch nicht einmal mit mir um eine Förderstelle gegangen", sagt Birgit Brennecke, "ich hole mir die Leute her, ich zeige ihnen das. Ich lege den Finger da rein, wo es wehtut." Konsequent füllt sie ihre Rolle als Industrie-Kritikerin aus. "Wir haben hier nicht die Absicht, uns von Exxon und den anderen Großkonzernen verarschen zu lassen."

Parteimitglieder an der Basis seien programmatisch freier, sagt der grüne Landesminister

Regierende Grüne wie Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, oder Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel arbeiten an der großen, komplizierten Aufgabe, den Spagat zu schaffen zwischen Wirtschafts- und Umweltwohl. Birgit Brennecke hingegen sagt: "Ökologie und Ökonomie sind zwei verschiedene Geschichten, und die sind teilweise sehr gegensätzlich. Dafür kann man seine grüne Seele nicht verkaufen." Sie ist eine mutige Stimme des Misstrauens, die ein lokales Umweltthema hochhält. Aber reicht das für eine grüne Vision von einer gesunden Gesellschaft der Zukunft?

Wenn man den Landrat Luttmann nach den wichtigsten Rotenburger Themen fragt, nennt er: Integration, Krankenhäuser, Breitband-Ausbau, Schulbauten, Naturschutzgebiete, Strukturwandel in der Landwirtschaft. Der Streit mit der Gasindustrie fehlt in der Liste. Und Wenzel, der gerne Minister bliebe, erklärt zum Eigenleben seiner Partei an der Basis vorsichtig: "Anders als bei anderen Parteien sind bei den Grünen Parteifunktionen und Regierungsämter in der Regel getrennt. Deshalb können Parteimitglieder in den Kreis- und Ortsverbänden viele Positionen der Partei programmatisch strenger vertreten."

Er will damit wohl sagen: Die grüne Identität ergibt sich aus dem Widerstreit von Wut und Vernunft. Die strenge Frau Brennecke schärft das Bewusstsein, mit dem dann andere besser regieren sollen.