Denkmal für Sinti und Roma Wie ein ständiges Gebet

20 Jahre lang hat es gedauert, nun erinnert endlich ein Mahnmal an die während der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma. Doch nur wenige Überlebende des Holocaust können das noch miterleben. Während der offiziellen Einweihungsfeier üben sie Kritik.

Von Antonie Rietzschel

"Ich war sieben Jahre alt und hatte alles verloren." Soni Weisz versucht die Tränen zurückzuhalten, er schluckt. Der Beifall der Zuhörer gibt ihm Zeit, sich wieder zu fangen. Er erzählt, wie er auf einem Bahnhof neben seiner Tante stand und auf den Zug wartete, der ihn nach Auschwitz bringen sollte. Der Zug kam, seine Eltern und Geschwister saßen drin. Der Sinto Soni Weisz galt während der Nazizeit als "Zigeuner" und wurde als solcher verfolgt. Doch er hat überlebt. Mit Hilfe eines Polizeibeamten entging Weisz damals dem Transport, der Zug fuhr ohne ihn ab.

Fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird in Berlin ein Mahnmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma eingeweiht. Hinter weißen Glaswänden verbirgt sich ein Wasserbecken. In der Mitte befindet sich ein Winkel, auf dem jeden Tag eine Wiesenblume liegen soll. Das Mahnmal im Tiergarten südlich des Bundestages erinnert auch an das Schicksal der Familie von Soni Weisz. Während der offiziellen Einweihungsfeier, die vom Fernsehsender RBB übertragen wird, hält er eine bewegende Rede. Der Holocaust an den Sinti und Roma in Deutschland sei in Vergessenheit geraten. Die Gesellschaft habe keine Lehren aus der Vergangenheit gezogen. "Sonst würde man heute mit uns anders umgehen", sagt er vor den Zuhörern, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck.

Die vergessene Seite des Holocaust

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Er äußert die Hoffnung, dass durch das Mahnmal nun die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Sinti und Roma während des Nationalsozialismus beginnen könne. Gleichzeitig bedauert er, dass die Einweihung für viele Überlebende zu spät komme. Soni Weisz ist einer der letzten 100. Bis zu 500.000 sollen während der NS-Zeit getötet worden sein.

Tatsächlich erfolgt die Einweihung mit großer Verspätung. Bereits 1992 hatte sich die Bundesregierung entschlossen, das Mahnmal zu errichten, der israelische Künstler Dani Karavan lieferte den Entwurf. Doch das Projekt wurde immer wieder verschoben. Ende der neunziger Jahre wehrte sich der damalige CDU-Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepken, gegen die Errichtung einer solchen Erinnerungsstätte in der Nähe des Bundestages und wollte das Mahnmal nach Marzahn auslagern. 2001 einigte man sich auf den jetzigen Standort. Doch dann stritten sich die Opferverbände der Sinti und Roma über eine Inschrift. Und schließlich gab es Streit zwischen der Berliner Bauverwaltung und Karavan über die Umsetzung seiner Entwürfe.

Eine Geige erklingt

"Ich hatte zeitweise Sorge, dass die Sinti und Roma keinen angemessenen Gedenkort erhalten", sagt Karavan bei der Einweihung. Das Fernsehbild zeigt einen 81-Jährigen mit weißem Haarkranz, der fast hinter dem Rednerpult verschwindet. Er trägt ein schlichtes Jeanshemd über einem T-Shirt. Seine Zuhörer - Politiker, Mitglieder der Opferverbände, Überlebende - sind fast alle in Schwarz gehüllt. Die Farbe der Trauer. "Es ist wie ein ständiges Gebet, jeder Tag mahnt uns, niemals zu vergessen", sagt Karavan.

Bundeskanzlerin Merkel tritt als letzte Rednerin ans Pult. Sie erinnert daran, dass Sinti und Roma in der Öffentlichkeit als Opfergruppe viel zu lange zu wenig wahrgenommen worden seien. Dann kündigt sie an, dass Deutschland sich in der EU für deren Rechte einsetzen werde. "Es ist eine deutsche und eine europäische Aufgabe, sie dabei zu unterstützen, wo auch immer, innerhalb welcher Staatsgrenzen auch immer sie leben", sagt sie.

Als Merkel mit den Ehrengästen schließlich hinter die Glaswände tritt, zeigt die Fernsehkamera, wie sie auf die mosaikartig angebrachten Steine am Boden schaut. Sie tragen Namen von Konzentrationslagern. Wie ein Abgrund wirkt das fast schwarze Wasserbecken, das sie umgeben. Es soll Symbol des Lebens, der Trauer und der Erinnerung sein. Gelbe Herbstblätter treiben auf dem Wasser. Eine Geige erklingt, dunkel und stockend. Es klingt, als fahre ein Zug.

"Seit Jahrhunderten wurden wir verfolgt"

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