Debatte um Familienbild in der evangelischen Kirche Die Ehe, ein weltlich Ding

Die evangelische Kirche streitet so heftig wie lange nicht mehr: Die lebenslange Ehe sei zwar erstrebenswert, aber nicht mehr Leitbild, heißt es in dem umkämpften Papier einer Arbeitsgruppe. Konservative pietistische Gemeinden sind entsetzt, katholische Bischöfe irritiert. Dabei hat schon Luther diese Linie vorgegeben.

Von Matthias Drobinski

Nikolaus Schneider ist ein ausgleichender Mensch. Ende Juni aber, auf dem Johannisempfang der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin, redete sich der Ratsvorsitzende dieser EKD in Rage. Unglaublich finde er die Häme, die sich über der Orientierungshilfe seiner Kirche zu Ehe und Familie ergieße. Als hätte die Kirche die Scheidung propagiert. Ob es besser sei, Geschiedene, die wieder heiraten, zu bestrafen, wie das die katholische Kirche tue? Bis zum Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte sich Schneider dann wieder abgeregt und formulierte zurückhaltender: Es gebe keinen "Abschied von der Hochschätzung der Ehe".

Die evangelische Kirche streitet über eine "Orientierungshilfe" zu Ehe und Familie - so heftig, wie sie schon lange nicht mehr gestritten hat. Der Arbeitsgruppe, die das Papier geschrieben hat, ist die lebenslange Ehe zwar erstrebenswert, aber nicht mehr Leitbild wie bisher. Entscheidend sei, wie die Partner miteinander und mit den Kindern umgehen, ob in der traditionellen Ehe, der homosexuellen Partnerschaft, der Patchworkfamilie. Weil jeder eine Familie hat, die ihn prägt, gehen nun die Emotionen hoch.

Der württembergische Bischof Frank Otfried July findet, die Autoren hätten sich "vor theologischer Argumentation fast weggeduckt". Ulrich Fischer von der benachbarten badischen Landeskirche dagegen betont, aus der Bibel könne man keinesfalls die "bürgerliche Ehe, wie wir sie heute kennen", ableiten - schließlich habe auch Abraham zwei Frauen gehabt. Gerhard Ulrich von der Nordkirche findet das Papier ebenfalls gut, die konservativen pietistischen Gemeinden sind entsetzt, die katholischen Bischöfe sind irritiert und sehen das Miteinander der Kirchen belastet.

Für Martin Luther war die Ehe kein Sakrament

Vielleicht wäre den Autoren einiger Ärger erspart geblieben, hätte nicht die Frankfurter Soziologin Ute Gerhard bei der Vorstellung des Textes von einem "Kurswechsel" gesprochen, was dann der EKD-Ratsvorsitzende Schneider schnell dementieren musste - aber das Wort war in der Welt. Vielleicht hätten sich die Autoren Sätze wie diesen verkneifen sollen: "Die den Kindern Gottes zugesagte gleiche Würde jeder und jedes Einzelnen jenseits von Geschlecht und Herkommen und die erfahrbare Gemeinschaft in Christus in all ihrer Unterschiedlichkeit fordert die vorfindlichen Ordnungen immer neu heraus." Diese verquaste Sprache hat viel Kritik hervorgerufen. Der Analyse ist dennoch schwer zu widersprechen. Die bürgerliche Ehe ist im 18. Jahrhundert entstanden, seither hat sie sich stark verändert. Und weil für Martin Luther die Ehe kein Sakrament war, sondern ein "weltlich Ding und wandelbar", kann sich das evangelische Eheverständnis auch ändern.

Sollte es das auch? Ja, sagen die Verteidiger des Papiers, weil die Kirche nur dann nahe bei den Menschen ist, wenn sie auf den Wandel der Gesellschaft reagiert. Nein, sagen die Gegner: Gerade weil das Unverbindliche zunimmt, darf die Kirche ihre Normen nicht aufgeben. Wie nah, wie fern sollen Christen der Welt sein? Die Frage, die zur Zeit vor allem die Katholiken umtreibt, hat nun die Protestanten erreicht. Die nächste Verlautbarung der EKD soll übrigens das Thema Sexualität behandeln.