Debatte über Endlager Asse, Atommüll und das Prinzip Verdunkelung

Die Vorgänge rund um das Atomendlager Asse sind ein einziger Skandal - und ein wichtiges Lehrstück.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller

Forschung ist zum Lernen da - im Falle des maroden "Versuchs-Endlagers" Asse II hat das einen besonders bitteren Beigeschmack.

Dort sollte ursprünglich herausgefunden werden, ob und wie sich Atommüll in Salz einlagern lässt. Doch in den Siebzigern verkam Asse II zur Deponie für alles Mögliche: für Reaktormüll, für Pestizide, kontaminierte Tierabfälle. Was irgendwie weit weg musste, verschwand im Erdreich unter Wolfenbüttel. Mit 125.787 Fässern "erforschten" die Betreiber so die Endlagerung.

Die Öffentlichkeit erfuhr nichts davon. 30 Jahre mussten ins Land gehen, bis der Bund endlich Lehren aus dieser Art Experiment zieht. Etwa die, dass es eine billige Endlagerung nie und nirgends geben kann, weil sie Probleme nur verschiebt, aber nicht löst. In diesem Fall ist es schon die nächste Generation, die mit Milliarden büßen muss für die Leichtfertigkeit von Experten und Regierenden. Und womöglich ist das noch günstig - verglichen mit einer Vergiftung des Grundwassers, falls die Fässer geblieben wären, wo sie sind.

Wichtiger noch sind aber die Lehren für den Umgang mit der Öffentlichkeit, insbesondere mit jener vor Ort. Verdunkelung war über Jahre die Strategie von Betreiber und Regierenden, die Asse sollte sich mit der Zeit still selbst erledigen. Zwar wurden ganze Schulklassen durch die Stollen geschleust - aber Probleme? Keine Spur.

Noch vor drei Jahren plädierte ein Unions-Abgeordneter im Bundestag wörtlich für die Lösung "Klappe zu, Affe tot". Fast wäre es so gekommen. Nur wäre die kritische Öffentlichkeit damit nicht verstummt, im Gegenteil.

Wer mit Langzeit-Risiken wie dem Atommüll verantwortungsvoll umgehen will, wird so im 21. Jahrhundert nicht mehr agieren können. Er wird Bürger in alle wesentlichen Entscheidungen einbeziehen müssen. Vertrauen, nicht Vertuschung ist die Grundlage für Akzeptanz. Der Bund wird sehr bald zeigen können, ob er diese Lektion aus der Asse gelernt hat - wenn er die Arbeiten am Salzstock Gorleben wieder aufnimmt. Die Vorgeschichte Gorlebens ist in mancher Hinsicht nicht besser als die der Asse.

Insofern ist die Entscheidung, die strahlende Fracht aus der Asse wieder herauszuholen, ein wichtiger Schritt. Eine Bundesregierung hat die Entscheidung für die Asse in den Sechzigern getroffen, eine Bundesregierung muss nun die Konsequenzen ziehen.

Der Bund allerdings ist nicht der Einzige, der Verantwortung trägt. Auch die deutsche Energiewirtschaft profitierte über Jahre von der billigen Entsorgung im Salzstock. Sie an den Kosten nachträglich zu beteiligen, wird nicht leicht - aber es wäre folgerichtig.

Ob es gelingt, die Versäumnisse in der Asse zu tilgen, wird sich allerdings erst zeigen müssen. Zu ungewiss ist der Zustand der Fässer, ganz zu schweigen von ihrem Inhalt. Menschen werden diese Fässer bergen müssen, sie werden sich damit womöglich in Gefahr bringen. Schade, dass die Experten von einst nicht mehr mithelfen können.