Datenprojekt "Migrants' Files" Tausend Tragödien an Europas Grenzen

  • Noch nie kamen so viele Menschen im Mittelmeer ums Leben wie 2014 - doch 2015 könnte es noch schlimmer werden.
  • Die Tausenden Todesfälle von Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa sind in den "Migrants' Files" aufgeschlüsselt - und bieten einen genauen Blick darauf, was sich an Europas Grenzen abspielt.
  • Was das Projekt vor allem zeigt: Es werden nicht weniger Flüchtlinge, die nach Europa wollen.
Von Dominik Fürst

Das Jahr 2015 ist noch nicht einmal vier Monate alt, und schon wieder sind Tausende Menschen im Mittelmeer gestorben. Mitte April ertranken 400 Flüchtlinge vor der Küste Libyens, ein paar Tage später starben in der Straße von Sizilien womöglich mehr als 700. Vor Europas Küsten spielt sich ein gewaltiges Flüchtlingsdrama ab.

In regelmäßigen Abständen prasseln die niederschmetternden Zahlen auf die europäische Öffentlichkeit ein. Das Datenprojekt "The Migrants' Files" hat sind zum Ziel gemacht, die vielen Todesfälle von Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa zu dokumentieren, die Zahlen aufzuschlüsseln. Der umfassende und detaillierte Datensatz beschreibt die einzelnen Fälle und ihre Begleitumstände so gut es geht, zudem verortet er die Schauplätze der Unglücke auf einer Karte.

Neue Höchstwerte zeichnen sich ab

Eine Arbeitsgruppe europäischer Journalisten hat die Daten im Jahr 2013 aus verschiedenen Quellen zusammengeführt, Süddeutsche.de hatte sie im November ergänzt. Auch die jüngsten Tragödien aus dem Jahr 2015 sind enthalten. Die Berichte stammen von Nachrichtenseiten, Nonprofitorganisationen oder anderen journalistischen Projekten wie "Fortress Europe". Die "Migrants' Files" erheben nicht den Anspruch auf völlige Exaktheit, schlüsseln die Vorfälle aber so gründlich und vorsichtig wie möglich auf. Die Werte stimmen daher weitgehend mit denen der wichtigsten Flüchtlingsorganisationen überein.

Bereits das Jahr 2014 lieferte neue, tragische Höchstwerte. Den "Migrants' Files" zufolge kamen mehr als 3000 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben oder galten als vermisst. Zum Vergleich: Die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen zählte 3419 tote Flüchtlinge, und bereits Ende September berichtete die Internationale Organisation für Migration von 3072 Toten im Mittelmeer.

Zynisch wäre es, darauf zu wetten, aber für 2015 zeichnen sich erneut Höchstwerte ab. Gerade hat die "Bootsaison" begonnen, und nach dem Staatszerfall in Libyen haben keine supranationalen Organisationen und kein Rechtsstaat eine Möglichkeit, dem Menschenschmuggel dort das Handwerk zu legen. Die meisten Boote starten im kaputten Libyen, von wo aus die Flüchtlinge heil nach Malta, Lampedusa oder schließlich Italien zu gelangen hoffen.

Die Dynamik der Migration, die Bewegungen der Flüchtlinge lassen sich anhand der "Migrants' Files" nachvollziehen. Die Menschen versuchen auf verschiedenen Routen an ihr Ziel Europa zu kommen: Im Osten über die Türkei oder den Balkan, im Westen über Spanien, oder, wie die allermeisten, auf dem kürzesten, aber gefährlichsten Weg direkt über das Mittelmeer.

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Was das Projekt aber vor allem zeigt: Es werden nicht weniger Flüchtlinge, die nach Europa wollen. Obwohl mit der vom italienischen Militär durchgeführten und mittlerweile eingestellten Aktion "Mare Nostrum" mehr als 100 000 Menschen gerettet wurden, steigt die Zahl der toten Flüchtlinge im Mittelmeer weiter an. Die riskante und oft tödliche Reise mit dem ungewissen Ziel Europa scheint den Flüchtlingen immer noch verheißungsvoller als die Zustände in ihren Heimatländern.

Seit dem Jahr 2000 sind mehr als 28 000 dieser Menschen im Mittelmeer gestorben oder gelten als vermisst. 28 000: Eine abstrakte Größe, die in den "Migrants' Files" detailliert aufgeschlüsselt ist, so umfassend wie an keiner anderen Stelle. Insofern bietet das Projekt derzeit den genauesten Blick darauf, was sich an den Grenzen Europas abspielt - nicht nur für Journalisten und Politiker, sondern auch für die Öffentlichkeit.

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