CSU-Politikerin Wöhrl Skandälchen ums Handtäschchen

War es wirklich "zum Fremdschämen", wie sich Dagmar Wöhrl auf einer Reise durch Myanmar und Laos benahm? Oder ist sie das Opfer einer Kampagne? Mit einer Netz-Offensive wehrt sich die CSU-Politikerin gegen die wenig schmeichelhafte Berichterstattung.

Von Lilith Volkert und Michael König

Dagmar Wöhrl hat in ihrem Leben schon viele Etiketten angeheftet bekommen. 1977 wurde sie in Baden-Baden zur "Miss Germany" ernannt. Später heiratete sie den Modehaus-Erben und Fluglinieninhaber Hans Rudolf Wöhrl und wurde Unternehmergattin. Als sie 1994 für die CSU ins Parlament einzog, galt sie einigen Medien als "Miss Bundestag". Die Bunte widmete ihr ein Porträt mit dem Titel: "Wie schick darf Wahlkampf sein?"

Schönheitskönigin, vermögende Ehefrau, Blondine. Auf diese Attribute fühlt sich Dagmar Wöhrl reduziert. Auch von einem Spiegel-Artikel, der am vergangenen Montag in der Print-Ausgabe erschien und die CSU-Politikerin als "anspruchsvolle Dame" beschreibt, die auf einer politischen Reise durch verarmte Länder bemängelt, dass nicht ausreichend Zeit für Einkaufstouren vorgesehen sei.

Anfang Februar begleitete Wöhrl den Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel nach Myanmar und Laos. Elf Tage nach dem Ende der Reise erschien in der Ausgabe des Nachrichtenmagazins ein für Wöhrl wenig schmeichelhafter Bericht, in dem es kaum um Entwicklungshilfe geht, aber ausgiebig um Fehltritte der CSU-Politikerin.

Der Spiegel-Autor Ralf Neukirch, selbst Teilnehmer der Reise, beschreibt unter der Überschrift "Shopping mit VIP-Service" Wöhrls Enttäuschung darüber, dass während der Reise "keine Zeit für eine Shoppingtour" vorgesehen gewesen sei. Er schildert, wie Wöhrl in einem Dorf in Myanmar ein "besticktes Handtäschchen" für 25 Dollar gekauft habe, für das die Frauen im Ort normalerweise nur etwa zwei Dollar bekommen hätten. Weil Wöhrl nur einen 100-Euro-Schein bei sich gehabt habe, "mit dem sie vor den Einheimischen herumwedelte", habe eine Kollegin von der Linken mit Wechselgeld aushelfen müssen.

Außerdem soll die CSU-Politikerin nach einem Treffen mit der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi in Yangon (Rangun) gesagt haben, deren makelloses Aussehen komme daher, dass sie "jahrelang keinen Stress gehabt" habe. Die Oppositionelle Suu Kyi stand in Myanmar insgesamt 15 Jahre unter Hausarrest. Ein anderer Teilnehmer der Reise bestätigte das Wöhrl-Zitat der SZ. Das Benehmen der CSU-Politikerin habe in der Gruppe allgemein zu Irritationen geführt.

Weil Wöhrl offensiv auf den Artikel reagierte, haftet ihr jetzt noch ein weiteres Etikett an: Das der Frau, die dem Spiegel im Netz die Stirn bietet. Auf ihrer Website veröffentlichte sie eine Replik, die es in die tägliche Liste der Medienbeobachter des Bildblogs schaffte. Der Journalist Christian Jakubetz bezeichnete den Spiegel anlässlich der Wöhrl-Geschichte als "Sturmgeschütz des Shitstorms", das die "Journalismusverdrossenheit" fördere. "Lassen Sie sich von den Kasperln vom Spiegel nicht verrückt machen!", schreibt ein Wöhrl-Anhänger auf deren Website.

Dort hat die CSU-Politikerin ausführlich Stellung zu den Vorwürfen des mitgereisten Spiegel-Journalisten genommen. Sie habe keinen "Programmpunkt Shopping-Tour" gefordert, sondern sich nur bei Botschaftsmitarbeitern erkundigt, wo sie zwischen zwei Veranstaltungspunkten in Laos "Mitbringsel" kaufen könne. Vor dem Kauf des Beutels - der Wöhrl zufolge "kein besticktes Handtäschchen" war - habe sie sich von Entwicklungshelfern bestätigen lassen, dass der Preis in Ordnung sei. Und dass sie nicht ausreichend Kleingeld dabei hatte, lag ihrer Darstellung zufolge daran, dass aus dem Programm nicht ersichtlich war, dass sie an diesem Tag die Möglichkeit haben werde, bei Einheimischen etwas zu kaufen.

Ehemalige Miss Germany mit Prädikatsexamen

In Gesprächen über Aung San Suu Kyi habe sie zum Ausdruck bringen wollen, dass die Friedensnobelpreisträgerin eine "sehr starke Frau ist, der man die 20 Jahre Hausarrest und die auch damit verbundenen physischen und psychischen Qualen nicht ansieht". Es tue ihr leid, wenn ihre Wortwahl anders als "durchweg positiv" verstanden worden sei.

Im Gespräch mit der SZ nennt Wöhrl die Berichterstattung des Spiegels "grotesk bis dorthinaus", lässt aber auch selbstkritische Töne anklingen. Sie habe überlegt, was sie auf der Reise falsch gemacht habe, wem sie auf die Füße getreten sei. Eindeutig ärgerlich reagiert sie aber auf die "klischeeartige" Einordnung ihrer Person: "Noch immer werde ich ständig als ehemalige Miss Germany bezeichnet. Dass ich Anwältin mit Prädikatsexamen und erfolgreiche Unternehmerin war, interessiert niemanden."

Zur Untermauerung veröffentlichte Wöhrl im Netz auch Fotokopien des Faxes mit den Fragen des Spiegel-Journalisten Ralf Neukirch. Demnach erhielt Wöhrl die Fragen am Donnerstag, 23. Februar, um 20:55 Uhr. Ein weiteres Fax mit einer Zusatzfrage trägt den 24. Februar, 10 Uhr, als Datum. Neukirch räumt Wöhrl - wie im Journalismus allgemein üblich - eine Frist ein: "Wir bitten Sie, diese Fragen bis morgen um 15.00 Uhr zu beantworten." Die Politikerin schlussfolgert in ihrem Blog: "Gut, Freitag, 15 Uhr - dies ist wahrscheinlich kurz vor Drucklegung, da war der Artikel und seine durchschaubare Intention vielleicht schon längst fertig."

Der Autor Neukirch will auf diese Vorwürfe nicht reagieren. Aus der Spiegel-Redaktion ist jedoch zu erfahren, dass der Redaktionsschluss für die jeweilige Montags-Ausgabe "üblicherweise" am Freitag um 22 Uhr erfolge - sieben Stunden nach Ablauf der Frist für Wöhrl. Ferner heißt es, Wöhrls Vermutung einer Kampagne sei "albern". Die eigene Berichterstattung decke sich mit dem Eindruck anderer Journalisten.

Tatsächlich findet sich auch in der Leipziger Volkszeitung vom 18. Februar ein Artikel über Wöhrls Auftritt in Myanmar. Der Berlin-Korrespondent der LVZ, Dieter Wonka, kommt darin zu einem ähnlichen Ergebnis, wie nach ihm Neukirch. "Elemente des Fremdschämens" hätten sich eingestellt, schreibt Wonka. Der Begriff des "Wöhrls" habe bei den Teilnehmern der Reise die Runde gemacht, "als die entwicklungspolitische Sekundenmaßzahl, die die Politikerin benötigt, um sich aus dem Nichts heraus zum fotografischen Polit-Modell an Promis Seite in Szene zu setzen".

"Entstellende" Darstellung des Spiegels

Menschen, die den Werdegang der fränkischen CSU-Politikerin seit langem begleiten, sind von derartigen Schilderungen nicht überrascht. "Schwierig", sei die CSU-Politikerin, heißt es. Die Frau, "die aussieht wie Carla Bruni und elegant ist wie Michelle Obama" (Bunte) stehe gerne im Mittelpunkt und sei auch an fotografischem Beweismaterial interessiert. Kurz nach ihrem Treffen mit Aung San Suu Kyi lud Wöhrl ein Foto von sich und der Nobelpreisträgerin bei Twitter hoch.

In ihrem Blog-Eintrag räumt Wöhrl selbst ein, sie wirke womöglich "oft unnahbar" und sei "vielleicht nicht die begnadetste Rednerin, die nur in O-Tönen sprechen kann". Wer jedoch authentische Politiker wolle, der könne "nicht erwarten, dass sie jederzeit in Bestform sind und nur in 'politisch korrekten Phrasen' sprechen".

Unterstützung kommt vom FDP-Politiker Jürgen Koppelin, der ebenfalls Teilnehmer der Reise war. Wöhrl habe sich korrekt verhalten, die Darstellung des Spiegels sei "entstellend", sagte Koppelin auf SZ-Anfrage. Genau anders herum sei es gewesen: Während die Politiker einen Termin nach dem anderen wahrgenommen haben, hätten sich viele Journalisten abgeseilt - zum Shoppen.

Linktipp: Spiegel-Redakteur Ralf Neukirch hat einen Tag nach der Veröffentlichung dieses Artikels auf der Facebook-Seite des Magazins auf die Vorwürfe von Dagmar Wöhrl geantwortet.