Clown in Brasilien Im Parlament gibt's nichts zu lachen

Tiriricas Wahlparole: "Schlimmer als jetzt kann es nicht mehr werden."

(Foto: AFP)

Er musste erst mal nachweisen, dass er lesen und schreiben kann: Der Clown Tiririca hatte noch nie gewählt, bevor er für das brasilianische Parlament kandidierte. Nun sitzt er inmitten von Kleptomanen und Provinzfürsten, in einer Institution, die immer mehr Wähler verabscheuen. Und er langweilt sich. Sehr.

Von Peter Burghardt

Noch immer ist es ein guter Witz, wahrscheinlich der beste in der Karriere des Francisco Everardo Oliveira Silva. Als 2010 Brasiliens aktuelles Parlament gewählt wurde, da bewarb sich der Clown mit dem Künstlernamen Tiririca im bunten Kostüm mit rotem Hut um einen Sitz.

"Wählen Sie Tiririca, schlimmer als jetzt kann es nicht werden", war eine seiner Parolen im Wahlkampf. Eine andere: "Weißt du, was ein Abgeordneter macht? Ich auch nicht, aber wähl' mich, dann sage ich es dir."

Tiririca wurde gewählt, mehr noch: Er bekam als Vertreter des Bundesstaates São Paulo und der Partei Partido da República 1,35 Millionen Stimmen, mehr als jeder andere brasilianische Gesetzgeber. Vor seinem Amtsantritt musste noch geklärt werden, ob der populäre Scherzbold auch lesen und schreiben kann, denn das verlangt das Gesetz von den obersten Mandatsträgern. Das Magazin Época hatte behauptet, Tiririca sei Analphabet.

Der Beschuldigte räumte ein, er habe den Nachweis seiner Schulbildung mithilfe seiner Frau verfasst - das liege an seinen motorischen Schwierigkeiten, einen Stift zu halten, erläuterten Helfer. Erst nach einem mit Mühe überstandenen Test durfte Oliveira alias Tiririca seine neue Karriere beginnen, zu seinen 512 Mitstreitern im Abgeordnetenhaus gehören weitere Quereinsteiger und Systemkritiker wie der frühere Fußball-Nationalstürmer Romário. Schon das war ein Zeichen der Wähler, dass es ihnen mit der traditionellen Politriege allmählich reicht.

Standesgemäßer Spott

Gleich zum Einstand staunte der Debütant, wie sich dieses Gremium eine weitere Gehaltserhöhung gönnte. Brasiliens Parlamentarier verdienen 26.723,13 Reais im Monat, derzeit 8900 Euro. Inklusive bis zu 25 Mitarbeitern, Zuschlägen und Bürozuschüssen von 37.000 Reais (12.300 Euro) kostet jeder dieser 513 Volksvertreter monatlich etwa 40.000 Euro. Das heißt, diese Versammlung verschlingt allein an Personalkosten jährlich 246 Millionen Euro.

"Wenn ich gewählt werde, dann verspreche ich allen brasilianischen Familien zu helfen, vor allem meiner eigenen", hatte Tiririca vorher standesgemäß gespottet - und benannte als Berater bald zwei befreundete Humoristen, für monatlich umgerechnet jeweils 2700 Euro Honorar.

Immerhin machte er sich in den Kommissionen von Kultur und Erziehung unter anderem rechtschaffen für Zirkusartisten stark und verpasste im Gegensatz zu den meisten anderen Kongressmitgliedern keine Abstimmung. Bald wusste er, was ein Abgeordneter so treibt, er klagte es kürzlich der Financial Times: "Du machst den ganzen Tag nichts und wartest nur darauf, irgendwas zu wählen, während die Leute diskutieren und diskutieren."

Diskutieren in untertassenförmigen Plenarsälen

Diesen Eindruck teilt er mit immer mehr Wählern, die meisten von ihnen finden diese Veranstaltung schon lange nicht mehr lustig. Brasiliens Legislative gehört zu den am meisten verabscheuten Institutionen des Landes, die Proteste auf den Straßen richten sich nicht zuletzt gegen die Männer und Frauen aus diesen Gebäuden des Architekten Oscar Niemeyer.

Für viele Brasilianer sind der untertassenförmige Plenarsaal und die anliegenden Bürotürme von Brasília Selbstbedienungsläden, in deren labyrinthischen Gängen und Sälen gemauschelt und Geld verteilt wird wie auf dem Basar. Wer es hinein schafft, der hat fürs Erste ausgesorgt.

Erst kürzlich erlebte das Publikum die historischen Prozesse wegen schwarzer Kassen und Stimmenkaufs durch die Arbeiterpartei PT des Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff. Mensalão nennt sich der Skandal, großer Monatslohn. Großer Monatslohn für Abgeordnete, die sich kaufen lassen.

Es traf also die seit zehn Jahren herrschende PT, aber andere Regierungen hatten in der Vergangenheit ähnlich bestochen. Wer Lateinamerikas Giganten ohne eigene Mehrheit regieren will, der braucht schließlich Unterstützung. Etliche Parteien beschäftigen sich mangels eigenem Profil hauptsächlich damit, ihren Beistand meistbietend zu verhökern.