Burschenschaften Brüder am rechten Rand

In den deutschen Studentenverbindungen tobt ein politischer Streit - die Nähe mancher Burschenschaften zur NPD wird zum Problem.

Von Johann Osel

Es sei bewährte Tradition, politisch erfolgreiche Verbandsbrüder vorzustellen, hieß es kürzlich in den Burschenschaftlichen Blättern, dem Organ des Dachverbands der Deutschen Burschenschaft (DB). Gleichwohl solle das aktuelle Interview eine kritische Diskussion sein - Gesprächspartner war Arne Schimmer von der Dresdensia-Rugia zu Gießen, seit 2009 NPD-Abgeordneter im sächsischen Landtag.

Ein Mitglied einer schlagenden Vereinigung posiert in voller Montur.

(Foto: ag.ddp)

Was dieses Interview dann ergab, war nichts anderes als die übliche Agitation. Vom Asylrecht als "Einfallstor für eine ungeregelte Armutszuwanderung" ist die Rede, gefordert wird "ein Ende der sogenannten Vergangenheitsbewältigung, die längst zu einer bösartigen Zivilreligion geworden ist, die jede Generation zum Teil einer Schuldgemeinschaft stempelt". Schimmers Fraktions- sowie Burschenschaftskollege Jürgen Gansel ließ nach dem Parlamentseinzug verlautbaren, die NPD hoffe nun "weit über Sachsen hinaus auf eine Sogwirkung im rechtsgerichteten Studenten- und Verbindungsmilieu".

Provokation und Verbot

Sind die Nationalisten tatsächlich auf dem Vormarsch in den akademischen Vereinigungen? Wenn sich an diesem Wochenende die Mitglieder der DB in der Wartburgstadt Eisenach zu ihrem 20. Burschentag treffen, dem traditionellen Festakt und zugleich obersten Gremium, wird dies ein bestimmendes Thema sein. Im Vorfeld hatten die Alemannia, die Hilaritas und die Vereinigung alter Burschenschafter (VAB) aus Stuttgart in einem internen Brief an alle DB-Mitglieder die unverhohlene Nähe einiger Burschen zum Rechtsextremismus beklagt und gefordert, der politischen Spaltung im Verband Einhalt zu gebieten. Wie der Spiegel daraus zitierte, gebe es "Provokationen durch indirekt ausgedrückte Verehrung von Personen und Gedanken der nationalsozialistischen Zeit" - "entlang gerade noch nicht verbotener Grenzen".

Etwa 1000 Studentenverbindungen gibt es in Deutschland, unter ihnen viele unpolitische oder christliche, die sich nur der Traditionspflege und Geselligkeit verschreiben oder als bloßes Karrierenetzwerk gelten. In einen Topf mit den im DB organisierten Burschenschaften, die meist als stramm konservativ wahrgenommen werden, wollen manche von ihnen nicht geworfen werden. Die DB, von der sich 1996 ein liberaler Flügel abgespalten hat, zählt gut 130 Bünde mit mehr als 10000 Mitgliedern in Deutschland und Österreich - Studenten sowie "alte Herren". Bei der "politischen Vita parallel zur Burschenschaft" sollte Toleranz herrschen, sagt DB-Sprecher Michael Schmidt. Als Dachverband sei man parteipolitisch neutral, den Mitgliedern bleibe es überlassen, als Privatleute einer Partei beizutreten - egal welcher Couleur. Man wolle aber "keinesfalls zu Vor-Organisationen der Parteizentralen werden". Auch gebe es "in der Breite" keine Extremisten in den Bünden.

Die Stuttgarter Initiatoren des Rundbriefs wollten sich nicht zur Richtungsdebatte äußern, auch andere verweisen unisono auf DB-Sprecher Schmidt. Dieser spricht nur allgemein von "Provokationen", die viele in den Bünden als "verstörend" empfänden. Dass damit vor allem die versuchte Einflussnahme von Neonazis gemeint ist, liegt auf der Hand. Linke Aktivisten sprechen gar von "Denkfabriken" für organisierte Rechtsextremisten. Denn der Drang in die Burschenschaften passt zur Intellektualisierung der NPD, zur Entwicklung vom Bomberjacken-Image zum modernen Nazi mit bürgerlichem Auftreten. Der hessische Verfassungsschutz schrieb schon 2005: "Dass speziell die NPD Burschenschaften generell als Zielobjekt betrachtet, ist offensichtlich. Die Mitgliedschaft eines Rechtsextremisten in einer Burschenschaft sagt aber noch nichts darüber aus, ob dieser auch Einfluss ausübt."

Dürftiges Werben

Der Umweg über die Bünde geschieht wohl auch deshalb, weil die Versuche der Nationalisten, durch eigene Gruppen an den Hochschulen studentisches Publikum zu gewinnen, äußerst dürftig verlaufen. An Unis wie in Magdeburg oder Halle gibt es solche Gruppen, sie tragen neutrale Namen wie "Freies Denken" oder "Studentische Interessen". Triebfedern sind Vertreter der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD. Auch wenn es ihnen kaum gelingt, konservative Klientel an den Hochschulen an sich zu binden, sind sie für die Universitäten zum Problem geworden: Man weiß nicht so recht, wie man mit ihnen umgehen soll. In Magdeburg, wo die nationale Gruppe bei den Studentenwahlen zuletzt einige hundert Stimmen bekam, sind der Kern der Gruppe laut Beobachtern nur wenige Studenten. Auch die Zahl der Sympathisanten, die etwa die Forderung nach weniger ausländischen Studenten oder einer Abschaffung des Schwulen- und Lesbenreferats billigen, ist wohl eher gering.

Die Grenzen zwischen organisierten Neonazis und Burschenschaften sind mancherorts aber schon verwischt. Die Normannia in Jena, eine nicht im DB vertretene Abspaltung der Jenaer Urburschenschaft, ist wegen rechtsextremistischer Umtriebe ins Visier der Verfassungsschützer geraten. Sie soll gemeinsam mit NPD-Kadern Schulungen abhalten. Das Innenministerium Thüringen spricht in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von "personeller Verzahnung mit dem rechtsextremistischen Spektrum". Auch innerhalb der DB hört man immer wieder von ausgewiesenen Rechtsextremen als Redner bei Burschenschaftsabenden - etwa der wegen Volksverhetzung verurteilte Anwalt Horst Mahler bei der Münchner Danubia, die in den vergangenen Jahren zeitweise vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet wurde. Der inzwischen verstorbene NPD-Mann Jürgen Rieger soll Medienberichten zufolge vor einigen Jahren hessischen Burschenschaftlern gar empfohlen haben, Türken derart zu verprügeln, "dass ihnen alle Zähne fehlen".

Künftige Schwerpunkte

Es gehöre zum demokratischen Verständnis, Redner aller politischen Richtungen einzuladen, meint DB-Sprecher Schmidt hingegen. Und es gehöre zum "Erziehungsprinzip" der Burschenschaften, dass jedermann dann eigenständig seine Meinung entwickeln könne. Politiker der Linkspartei beispielsweise hätten Einladungen ausgeschlagen. Insgesamt diskutiere man innerhalb der DB "breit aufgestellt" - etwa auch beim Burschentag in Eisenach, wo die Delegierten über die künftigen Schwerpunkte der Arbeit im Verband diskutieren.

Zuspitzen dürfte sich dort der Flügelkampf auch in der Ausrichtung der DB zur Europapolitik. Die liberale Seite war 2009 mit einer Resolution gescheitert, die die europafeindliche Haltung der Burschenschaften mäßigen sollte. "Es gibt kein Pro oder Contra bei Europa. Die Burschenschaften haben einst für den deutschen Nationalstaat gekämpft, die sachliche Debatte um Europa ist die logische Fortsetzung davon", sagt Schmidt.

Wie scharf die Fronten verlaufen, lässt sich im Internet-Forum "Gesamtrechts" erahnen, wo sich offenbar auch Burschenschafter betätigen. "Für uns national-konservative Burschenschafter gilt: Wir lassen uns keinen Maulkorb umhängen. Weder bei geschichtspolitischen Themen noch bei Europa", schreibt das Autorenkollektiv des Portals. Und im Kommentar-Bereich wertet man den liberalen Vorstoß als "Steilvorlage, den nationalen Flügel im DB zu stärken". Keiner brauche diese "Weichlinge, während unser Volk am Abgrund steht", heißt es dort im gängigen Propagandajargon.