Burkina Faso Späte Suche nach der Wahrheit

Der Sozialist Thomas Sankara wurde zur Ikone, weil er Burkina Faso zu neuer Eigenständigkeit verhalf.

(Foto: Alexander Joe/AFP)

Burkina Fasos neue demokratische Regierung macht sich an die Aufklärung des Mordes an Nationalheld und Ex-Staatschef Thomas Sankara. Und legt damit den Grundstein für einen politischen Neuanfang.

Von Isabel Pfaff

27 Jahre lang durfte man den Verdacht nur heimlich äußern, jetzt gibt es eine offizielle Anklage: Blaise Compaoré, der geschasste Langzeitpräsident von Burkina Faso, wird wegen der Verwicklung in den Mordfall Thomas Sankara gesucht. Das gab die ermittelnde Militärjustiz am Mittwoch bekannt. Schon Anfang Dezember habe man einen internationalen Haftbefehl erlassen. Der gestürzte Staatschef hält sich momentan im Nachbarland Elfenbeinküste auf; es gilt aber als unwahrscheinlich, dass die dortige Regierung ihren alten Verbündeten ausliefert.

Bei der Affäre Thomas Sankara handelt es sich um einen der berühmtesten Politmorde in Afrikas Geschichte: Am 15. Oktober 1987 wurde der sozialistische Staatschef nach vier Jahren an der Macht zusammen mit zwölf Mitarbeitern während einer Sitzungsrunde getötet. Es war ein Putsch, in dessen Folge sich sein bisheriger Stellvertreter Blaise Compaoré an die Spitze des Staates setzte, für 27 Jahre. Aus dem ermordeten Sankara wurde mit den Jahren eine Ikone. Vor allem die junge Bevölkerung des Kontinents verehrt ihn bis heute als eine Art afrikanischen Che Guevara. Wer genau den populären Staatschef erschoss, wer im Hintergrund die Strippen zog, ist bis heute nicht geklärt. Compaoré, der umstrittene Nachfolger, unterband jegliche Untersuchung.

Fast drei Jahrzehnte nach dem Mord haben endlich die Ermittlungen begonnen - ermöglicht durch Compaorés Entmachtung. Massenproteste hatten den korrupten und autoritären Präsidenten Ende Oktober 2014 zum Rücktritt gezwungen. Eine Übergangsregierung übernahm zunächst die Geschäfte, sie setzte im März 2015 das Ermittlungsverfahren in Gang. Vor wenigen Wochen haben die ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte Burkina Fasos stattgefunden.

Kurz vor der Bekanntgabe des Haftbefehls drang noch ein anderes Ermittlungsergebnis an die Öffentlichkeit: Die mutmaßlichen sterblichen Überreste von Sankara und seinen Mitarbeitern, exhumiert im Mai, reichen nicht aus für eine eindeutige DNA-Analyse. Das teilte der Anwalt der Familie Sankara am Montag mit. Es bleibt also unklar, ob es wirklich der ermordete Präsident ist, der auf dem Friedhof Dagnoën im Osten der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou verscharrt wurde. Genügend Stoff für Ermittlungen gibt es dennoch: Ein Überlebender des Attentats hat schon vor Jahren ausgesagt, daneben gibt es weitere Zeugenaussagen und Indizien zu den möglichen Hintermännern. Insgesamt zwölf Personen hat die Militärjustiz bislang im Fall Sankara angeklagt.

Die verspätete Wahrheitssuche hat indes nicht nur historische Bedeutung. Im vergangenen September, kurz vor den geplanten Wahlen, versuchte eine Eliteeinheit des Militärs die Übergangsregierung abzusetzen. Der Umsturz misslang, Armee und Zivilgesellschaft stoppten die Elitesoldaten. Pikant war jedoch, wer den Putschversuch anführte: Gilbert Diendéré, einst Compaorés rechte Hand. Die Männer, die 1987 Sankaras Sitzungsrunde stürmten und den Präsidenten töteten, standen unter seinem Kommando. Das hat sogar Diendéré selbst bestätigt. Ihm zufolge sollten seine Soldaten den Präsidenten nur festnehmen, doch als jener angefangen habe zu schießen, habe man ihn töten müssen. Der Autopsie-Bericht des mutmaßlichen Sankara-Leichnams sagt etwas anderes: Der Körper sei "von Kugeln durchsiebt" worden, auch unter den Achseln. Laut einem der Anwälte der Sankara-Angehörigen sei das ein Hinweis darauf, dass Sankara seine Arme gehoben hat - wenn es sich denn um seinen Leichnam handelt.

Viele gehen davon aus, dass die Ex-Kolonialmacht Frankreich in das Attentat verwickelt war

Auch gegen Gilbert Diendéré hat die Justiz Anklage wegen Verwicklung in das Attentat erhoben; er sitzt wegen seines Putschversuchs bereits im Gefängnis. Auch die übrigen Angeklagten im Fall Sankara gehören fast alle zu der Putschistengruppe. Die verschleppte Aufklärung des Attentats prägt Burkina Faso bis heute. In der Zivilgesellschaft gelten die Ermittlungen deshalb als wichtige Voraussetzung für einen politischen Neuanfang.

Langjährige Beobachter wie der französische Sankara-Biograph Bruno Jaffré beklagen aber eine Lücke in den Untersuchungen: "Die internationale Dimension des Attentats darf nicht vergessen werden", sagt Jaffré. Wie er gehen viele Experten davon aus, dass die Ex-Kolonialmacht Frankreich in die Ermordung Sankaras verwickelt war, ein paar wenige Quellen deuten sogar auf eine Beteiligung der CIA hin. Ganz haltlos sind die Anschuldigungen nicht: Mit seinem stramm linken, teilweise auch antifranzösischen Kurs hat Sankara sich Feinde gemacht. "Frankreich müsste die Archive zu dem Fall öffnen", fordert Jaffré, erst dann würden die internationalen Verwicklungen des Mordfalls deutlich. Im Juli dieses Jahres haben Abgeordnete des französischen Parlaments einen Antrag auf eine Untersuchung des Falles Sankara gestellt - der Präsident der Assemblée Nationale lehnte ab. Die Ermittlungen in Burkina Faso seien am ehesten geeignet, die Verantwortlichen zu identifizieren.