Bürgerkrieg in Kirgistan Straßenzüge in Flammen

Der Konflikt in Kirgistan eskaliert: Bei Schießereien mit der usbekischen Minderheit sterben mehr als 100 Menschen. Tausende werden verletzt. Der Regierungschef sieht die Lage "außer Kontrolle".

Von Sonja Zekri

Die Unruhen im Süden Kirgistans breiten sich aus und stellen das Überleben der Übergangsregierung in Frage. Seit Donnerstagnacht starben bei Schießereien vor allem in den Städten Osch und Dschalalabad offiziell mindestens 97 Menschen, weit mehr als tausend wurden verletzt. Augenzeugen berichten jedoch von viel mehr Opfern. Leichen lägen auf den Straßen und in Häusern, Restaurants, Banken, ganze Straßenzüge stünden in Flammen, berichten lokale Medien; junge Männer in Masken auf Autos ohne Nummernschild führen durch die Straßen und schössen wahllos auf Menschen. Allein im Dorf Susak bei Dschalal-Abad sollen 30 Usbeken getötet worden sein.

Verbranntes Auto in den Straßen der Stadt Osch: Ein Land schlittert ins Chaos.

(Foto: dpa)

Beim Kampf um das Krankenhaus in Dschlalabad lieferten sich usbekische und kirgisische Kräfte stundenlange Gefechte. "Der Rauch hängt über der Stadt wie ein Vorhang. Im Stadtzentrum wird ununterbrochen geschossen. Polizei und Behörden haben keine Kontrolle über die Lage", sagt der Chefredakteur der Zeitung Akykatschy in Dschalalabad der kirgisischen Agentur 24.kg. Eine usbekische Menschenrechtlerin sagte Agenturen "Sie töten uns wie die Tiere." In einigen Dörfern haben Usbeken Barrikaden aufgebaut. Tausende Usbeken, vor allem Frauen und Kinder, sind ins benachbarte Usbekistan geflohen.

Die Übergangsregierung in Bischkek hat inzwischen in Osch das Kriegsrecht verhängt und hier wie auch in Dschalalabad eine Ausgangssperre. Zudem wurden Teile der Streitkräfte mobilgemacht. Der Flughafen von Osch ist geschlossen; Journalisten, turkmenische Studenten und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen wurden am Sonntag evakuiert.

Russland schickt keine Streitkräfte

Die Unruhen waren in der Nacht zu Freitag zwischen Kirgisen und Angehörigen der usbekischen Minderheit ausgebrochen. Die kirgisische Übergangsregierung unter Rosa Otunbajewa, die nach dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew an der Macht ist, hat Russland gebeten, Truppen zu entsenden. Die Situation sei "außer Kontrolle", so Otunbajewa, ohne fremde Hilfe werde Kirgistan der Lage nicht Herr.

Moskau unterhält wie die Vereinigten Staaten einen Truppenstützpunkt in Kirgistan. Schon einmal, Anfang der Neunziger, waren bei Zusammenstößen zwischen Kirgisen und Usbeken Hunderte Menschen in der damaligen kirgisischen Sowjetrepublik gestorben, damals hatte Michail Gorbatschow Truppen geschickt, kurz darauf aber wurde Kirgistan unabhängig. Diesmal lehnte der russische Präsident die Entsendung russischer Streitkräfte ab. Die Unruhen seien eine "innere Angelegenheit" Kirgistans, so eine Sprecherin. Stattdessen schickte Russland ein Flugzeug mit Hilfsgütern.

Präsidentin Otunbajewa macht für die Unruhen die Anhänger des gestürzten Präsidenten Bakijew verantwortlich, der nach seinem Sturz nach Weißrussland geflohen war. Diese wollten vor dem geplanten Verfassungsreferendum das Land destabilisieren, erklärte sie. Bakijew wies jede Beteiligung zurück.

Unterdessen rief die Bundesregierung alle Beteiligten auf, die Gewalt einzustellen. Kasachstan, derzeit Präsident der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, entsandte den kasachischen Außenminister Kanat Saudabajew als Sonderbotschafter ins benachbarten Kirgistan.