Bürgerkrieg greift auf Türkei und Israel über Eskalation an Syriens Grenzen

Die Assad-Gegner in Syrien formieren sich und treiben den Diktator immer mehr in die Enge. Gleichzeitig werden die Nachbarstaaten stärker in den Bürgerkrieg involviert. Nach Beschuss der Golanhöhen feuert Israels Armee zurück und trifft nach eigenen Angaben ein "militärisches Ziel". Auf türkischer Seite kam es durch einen syrischen Luftangriff zu Verletzten.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Der Bürgerkrieg in Syrien droht sich zum Regionalkrieg auszuweiten. Nachdem israelisch besetztes Territorium auf den Golanhöhen von Syrien aus mit Granaten beschossen worden war, feuerte die israelische Armee zurück und zerstörte angeblich ein militärisches Ziel.

Wer von Syrien aus geschossen hatte und ob es sich um gezielte Attacken oder Fehlschüsse bei den Gefechten zwischen Regierungstruppen und Aufständischen gehandelt hatte, blieb unklar. Auch an der türkischen Grenze eskalierte die Lage, als es bei einem syrischen Luftangriff auf Rebellen nahe der Grenze Verletzte auch auf türkischer Seite gab. Türkische Kampfjets stiegen auf.

Unterdessen geriet Präsident Baschar al-Assad auch politisch weiter in die Enge. Nach dem Zusammenschluss der Regimegegner sicherten wichtige Unterstützerstaaten der neuen Oppositionsorganisation ihre Unterstützung zu. Die USA, Deutschland und Frankreich, aber auch die Nato begrüßten die Einigung der Gruppierungen, die sich in Katar nach tagelangem Streit zur Nationalen Koalition der syrischen Revolution und der Oppositionskräfte zusammengetan hatten. Bundesaußenminister Guido Westerwelles (FDP) sagte, er hoffe, dass die Koalition eine "glaubwürdige politische Alternative" zum Assad-Regime werde.

Der zum Chef der neuen Dachorganisation gewählte Prediger Moas al-Chatib rief alle Syrer, unabhängig von Religion oder ethnischer Zugehörigkeit, dazu auf, gegen Assad zusammenzustehen: "Wir fordern Frieden für Sunniten, Alawiten, Schiiten, Christen, Drusen und Assyrer sowie Rechte für das gesamte syrische Volk", sagte er.

Erst Warnschüsse, nun ein "gewollter Treffer"

Nach dem abermaligen Einschlag einer aus Syrien kommenden Granate auf den Golanhöhen schoss die israelische Armee am Montag ein zweites Mal zurück. Nachdem am Sonntag nach israelischen Angaben bewusst am Ziel vorbeivisierte Warnschüsse abgefeuert worden seien, habe es nun gewollt einen "direkten Treffer" auf die Abschussstelle der Granate gegeben, teilte die israelische Armee mit.

Offenbar hatte es sich um eine Anlage der syrischen Armee gehandelt. Am Sonntag hatte Israel erstmals seit dem Ende des Nahostkriegs von 1973 nach einem Granateneinschlag Warnschüsse abgegeben. Beide Länder haben seit damals keinen Friedensvertrag, Israel hält mit den Golanhöhen syrisches Gebiet besetzt.

Die Spannungen an der türkischen Grenze halten schon seit Wochen an. Die türkische Armee hatte auf mehrmaligen syrischen Beschuss mehrere Male syrisches Gebiet beschossen.

Schon lange wird befürchtet, Präsident Assad könnte den Konflikt im Land über die Grenzen hinaus ausweiten, um sein durch die Rebellion vom Frühjahr 2011 bedrohtes Regime am Leben zu erhalten. Der Zeitpunkt ist kritisch, da Assad die angekündigte neue Einheit der Opposition fürchten muss. Eine zentral geführte Widerstandsbewegung könnte es der internationalen Gemeinschaft leichter machen, die Rebellion mit Geld, Waffen oder sogar militärisch-logistischer Hilfe zu unterstützen. Die westlichen und arabischen Unterstützerstaaten befürchten, dass die zerstrittene Opposition das Land nach Assads Fall in Chaos stürzt.

Außenminister der Arabischen Liga treffen sich am Dienstag

Die Opposition wurde bisher vom Syrischen Exil-Nationalrat SNC geführt; US-Außenministerin Hillary Clinton hatte dem SNC aber abgesprochen, "repräsentativ und führungsfähig" zu sein. Die neue Revolutionskoalition soll eine Regierung bilden, den Kampf der Milizen mit einem Militärrat koordinieren, den Widerstand im Ausland vertreten und in den "befreiten Gebieten" eine Verwaltung aufbauen. Örtliche Oppositionelle, vertreten durch "lokale Koordinationskomitees", sind stärker repräsentiert. Der SNC selbst bleibt aber eine Kraft in der Koalition. Unklar ist, ob die im Land kämpfenden Milizen, die sich kaum untereinander koordinieren, einen Oberbefehl von außen akzeptieren.

Der Chef der Revolutionskoalition gilt als moderater Geistlicher. Chatib war Imam in Damaskus, er saß wegen Kritik an Assad in Haft. Chatibs Stellvertreter zählen zum säkularen Lager: Die bekannte Regimegegnerin Suhair al-Attasi begründete 2001 das Jamal-Attasi-Forum, dass im Jahr 2000 versucht hatte, im Rahmen des "Damaszener Frühlings" demokratische Reformen voranzutreiben. Mit dem Ausbruch der Revolte engagierte sich die 41-jährige Literaturwissenschaftlerin bei den Protesten. Sie floh nach einer Festnahme nach Frankreich.

Riad Seif ist ein Geschäftsmann, der über enge Beziehungen zu Washington verfügt. Der 66-jährige Unternehmer war schon unter Präsident Hafis al-Assad, dem Vater des heutigen Staatschefs, in der Opposition. Er war mehrere Jahre im Gefängnis, seine Firma wurde ruiniert. Seif saß aber auch als Unabhängiger im Parlament. Er blieb nach dem raschen Ende der Reformperiode in der Opposition. Seif kam wieder in Haft, bevor er sich nach seiner Freilassung hinter die Proteste stellte und ebenfalls ins Ausland floh.

Am Dienstag werden in Kairo die Außenminister der Arabischen Liga und der Europäischen Union darüber beraten, wie die neue "gemeinsame Plattform der syrischen Opposition" am wirkungsvollsten unterstützt werden kann. Bei dem Treffen werden das Emirat Katar und Saudi-Arabien vertreten sein. Beide Golfstaaten unterstützen die Regimegegner finanziell, sie liefern über die Türkei Waffen und Training für die Kämpfer.