Bürgerbeteiligung am Tempelhofer Feld Die Gestaltung der Leere

Das Tempelhofer Feld in der Abenddämmerung.

(Foto: dpa)
  • Jetzt sollen die Berliner mitbestimmen, was auf dem Tempelhofer Feld passiert: Ein Projektkoordinator sammelt Ideen.
  • An dem Beteiligungsprozess gibt es auch Kritik. Manche monieren, dass sich zu wenige Menschen beteiligen. Andere fürchten, dass die Politik wieder im Alleingang entscheiden werde.
  • Der Senat wollte das Areal eigentlich bebauen lassen, doch die Bürger stoppten diese Pläne mit einem Volksentscheid.
Von Hannah Beitzer, Berlin

Hundert Prozent Tempelhofer Feld. Der Name des Gesetzes, das die Berliner im vergangenen Jahr gegen den Willen ihres Senats durchsetzten, ist Programm. Ganz schön leer liegt das Areal des ehemaligen Westberliner Flughafens da. Ganz schön leer und ganz schön schön, so leer, wie es ist. Eine riesige Fläche, mitten in der Stadt, auf der Kite-Surfer und Radfahrer ihre Runden auf den ehemaligen Start- und Landebahnen drehen, Kleingärtner Tomaten in Kisten ziehen, Familien und Gruppen junger Menschen auf den Wiesen liegen.

738 000 Berliner machten sich im vergangenen Jahr auf den Weg, um dem Senat eine denkwürdige Schlappe zu verpassen. Der wollte das Areal in Teilen bebauen lassen, Bürgerinitiativen waren dagegen und brachten einen Gegenentwurf - "100 Prozent Tempelhofer Feld" - via Volksbegehren zur Abstimmung. 64 Prozent der Wähler waren auf ihrer Seite, fast ebenso viele lehnten den Senatsentwurf ab, der auch zur Abstimmung stand. Keine Wohnungen, keine Bibliothek, überhaupt keine Gebäude, aber viel Platz für Experimente, Garten- und Kulturprojekte und Sport - so wollten es die Berliner. Und so haben sie es bekommen.

Die fehlende Bürgerbeteiligung war einer der größten Kritikpunkte der Bebauungsgegner, weswegen sie jetzt über alles, was auf dem Feld geschieht, mitentscheiden sollen. Der Senat hat einen der profiliertesten Gegner seiner Pläne, den Berliner BUND-Chef Tilmann Heuser, zum Projektkoordinator erklärt. Der sammelt seitdem Ideen auf Veranstaltungen und einer Online-Plattform, die der Verein "Liquid Democracy" für diesen Prozess erstellt hat.

Dagegen sein ist einfach - mitmachen nicht so sehr

Eine 386 Hektar große Fläche mitten in einer Großstadt, gestaltet allein nach den Wünschen der Bürger - das ist ein deutschlandweit einzigartiges Projekt. "Die Situation hier ist anders als bei anderen Beteiligungsprozessen", sagt Heuser. Da würden die Bürger zwar auch befragt, dann setze sich jedoch ein Stadtentwickler hin, mache einen Plan. Und wenn es hochkommt, werde über den noch einmal diskutiert. Auf dem Tempelhofer Feld sollen die Pläne hingegen in den kommenden Monaten von den Bürgern entworfen werden. Das per Volksentscheid beschlossene Gesetz gilt dabei als Grundlage.

Im Herbst ging es los mit den ersten Treffen, im November wurde die Plattform für die Online-Beteiligung freigeschaltet. Zu den Veranstaltungen kommen mal 30, mal 300 Menschen. Auf der Plattform registrierten sich bis Ende des Jahres nur ungefähr 150 Nutzer. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) kritisierte vor allem die geringe Online-Beteiligung harsch. "Das finde ich unzureichend - die Berliner sind jetzt gefordert", sagte er auf der Jahrespressekonferenz Anfang Januar - versehen mit der kleinen Spitze, dass der Senat sich jetzt erst einmal zurückhalten werde.

Das brachte einige Aufmerksamkeit, die Zahlen stiegen, inzwischen sind 1200 Nutzer registriert. Aber ist das nun genug, gemessen an der Anzahl der Bürger, die im Sommer die Pläne des Senats abschmetterten? "All diejenigen, die in der Vergangenheit geäußert haben, dass die Vorstellungen des Senates zur Entwicklung des Tempelhofer Feldes unzureichend sind, wären im demokratischen Prozess jetzt eigentlich gefordert, auch ihre Vorstellungen einzubringen und zu sagen, was denn dann stattfinden soll", sagt Geisel.

Erst mal dagegen sein ist einfach - Ideen zu haben nicht so sehr. Dieser Vorwurf, der vielen Bürgerinitiativen der jüngsten Zeit gemacht wird, schwingt in seinen Worten mit.

Misstrauen gegenüber dem Senat

So weit die Politik. Auf der anderen Seite sind da die Bürger, die dem Senat und dem von ihm angestoßenen Beteiligungsprozess immer noch misstrauisch gegenüberstehen. Das wird deutlich auf einer Veranstaltung in der alten Zollgarage am Feld, wo Vertreter des Senats vorstellen, welche Beteiligungsformen und Umfragen es seit 2007 bereits gegeben hat.

"Für mich ist das ein wunderbares Beispiel für Manipulation", echauffiert sich ein Mann über die Ergebnisse einer Anwohnerbefragung aus dem Jahr 2009, die er einfach nicht für authentisch halten will - und das, obwohl sie eher banale Ergebnisse erbracht hat: mehr Sitzbänke wären schön, Toiletten und vielleicht ein paar Brunnen. "Das ist eine Farce!"

Oder als es, ein paar Wochen zuvor, um die Evaluierung der ersten Projekte auf dem Feld geht - die sogenannten "Pionierprojekte". Während der dafür zuständige Herr von der landeseigenen Servicegesellschaft für Städtebau "Grün Berlin" über Zielvorgaben und Cluster referiert, rutschen einige, die in den Projekten mitarbeiten, unruhig auf den Stühlen herum. Der Dialog der Religionen? Findet nach Ansicht von "Grün Berlin" nicht ausreichend statt. Das Feld "Wissen und Lernen"? Ebenfalls unterrepräsentiert.

Zwei Damen von auf dem Feld ansässigen Initiativen widersprechen, sichtlich gekränkt. Sie fühlen sich und ihre Projekte ungerecht behandelt. Und immer wieder kommt die Frage auf: Wer entscheidet eigentlich über zukünftige Projekte und ihre Zielvorgaben? Wer entscheidet also auch, welches Projekt gut oder schlecht ist? Tatsächlich die Bürger, die die Initiativen einbringen? Oder doch wieder die Politik im Alleingang?