Bücher über die Ukraine Das Land, ein wildes Feld

Eine kurze Pause vom Alltag: Ein Zugführer raucht eine Zigarette in der Nähe von Luhansk.

(Foto: AFP)

Wie konnte die Revolution auf dem Maidan binnen weniger Monate in einen Krieg münden? Zwei Bücher begeben sich auf eine historische Spurensuche in der Ukraine.

Von Renate Nimtz-Köster

Es sei "nicht einzusehen, weshalb man ein so großes Volk einfach vergaß", beklagt Joseph Roth in seinen jüngst neu aufgelegten "Nachrichten aus dem Osten" von 1920. Die Ukrainer würden "ihrer Abstammung nach sicher für Russen oder dergleichen" gehalten und angesiedelt in einem Land "irgendwo zwischen Kaukasus und Karpathen". Das Land im toten Winkel schien eine "Illusion des Westens" zu sein, wie Helmut Schmidt noch behaupten konnte - bis es dort lichterloh brannte: Die Ukraine ist buchstäblich zum Brennpunkt geworden.

Wie konnte der Aufstand auf dem Maidan binnen weniger Monate in einen Krieg münden, der den ganzen Kontinent unter Hochspannung setzt? Zwei neue Bücher versuchen, darauf Antworten zu geben.

"Was ist schiefgelaufen seit der Unabhängigkeit?"

Über Jahre hinweg hat die Journalistin Ute Schaeffer für ihr Buch "Ukraine - Reportagen aus einem Land im Aufbruch" über ihre Begegnungen mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten Buch geführt: Rentner und Richter, Aktivisten, Journalisten, die zu Abgeordneten geworden sind, ganze Familien, die Sowjetzeiten und Aufbruch miterlebt haben - die höchst lebendige Normalität, verbunden mit profunder Landeskenntnis, ist die Stärke ihres Buches.

"Der Soldat friert - bekleidet unsere Soldaten" heißt es auf einem Graffito in der im Westen der Ukraine gelegenen Stadt Czernowitz.

(Foto: Renate Nimtz-Köster)

"Was ist schiefgelaufen in dem Vierteljahrhundert seit der Unabhängigkeit?" Die ehemalige Chefredakteurin der Deutschen Welle sprach darüber mit Enttäuschten und Hoffnungsvollen. Offen bewundert sie den "immensen Durchhaltewillen" in Richtung Transformation, der jedoch durch den Krieg aufgerieben wird.

Mit literarischen Innenansichten sowie historischen Analysen will der Essayband "Testfall Ukraine" Einsichten vermitteln, die der "friedensverwöhnten Generation" hierzulande fehlen, wie der Osteuropakundler Karl Schlögel sagt. Im Wechsel mit den Historikern schreiben ukrainische und auch russische Autoren: über "Binnenvertriebene" (Kateryna Mischenko).

Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten

Lüge und Misstrauen entfalten heute eine ungeheure Macht, sie zerstören das Zusammenleben von Menschen und die Beziehungen zwischen Staaten. Wie konnte es so weit kommen? Und was lässt sich dagegen tun? Ein Kommentar von Stefan Ulrich mehr ... Kommentar

Über nie gekannten Hass (Arkadij Babschenko: "Wenn die Menschen anfangen, sich über die Toten zu freuen. . ."). Über "Furor" und Mitleid - Gefühle, die antiukrainische Moskauer Aufmärsche gegen die Kiewer "braune Pest" bei Elena Racheva weckten: Die Mitarbeiterin der kremlkritischen Novaja Gazeta und anderer russischer Medien machte unter wehenden Kirchen- und Zarenfahnen "die Primitivisierung des Bewusstseins" und eine "politische Kehrtwende" aus.