Best of Piratenpartei Shitstorm, Popcorn, Rücktritt, Fashion

Damals gab es noch Grund zum Jubeln: Die Piraten nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Zwei Jahre hat unsere Autorin über die Piratenpartei berichtet. Langweilig war das nie. Von der feministischen Weltverschwörung über nächtliche Popcornschlachten bis hin zu Fashiontrends: Hier ist ihr persönliches Best-of vor ihrem - vielleicht letzten - Parteitag.

Von Hannah Beitzer

Wenn Sie diese Zeilen lesen, sitze ich vermutlich gerade im Zug nach Bremen, zum Bundesparteitag der Piratenpartei. Es könnte gut das letzte Mal sein, denn das Projekt "Piraten" ist vorerst gescheitert. Gerade einmal zwei Prozent aller Wähler haben der Netzpartei bei der Bundestagswahl ihre Stimme gegeben. Die Alternative für Deutschland, die sich erst ein halbes Jahr vor der Wahl überhaupt gegründet hat, wollten doppelt so viele Bürger im Bundestag sehen. Den Piraten trauen die Wähler hingegen nach Monaten der Selbstdemontage nicht mehr viel zu. Schade eigentlich, denn unterhaltsam sind sie ja schon. Zum Abschied gibt es das Beste aus zwei Jahren Berichterstattung.

1. Im Auge des Sturms

Wer über die Piraten schreibt, muss sich in allererster Linie an das obsessive Verhältnis ihrer Mitglieder zu Medienvertretern gewöhnen. Der Job eines Journalisten ist ja für gewöhnlich beobachten, analysieren, einordnen. Die Piraten analysierten da auch gerne mal zurück - mit zuweilen eigenwilligen Spins. Zuletzt ist mir das im Oktober passiert. Ich saß gerade im Bus nach Prag, nach der pausenlosen Wahlberichterstattung der vergangenen Monate wollte ich ein paar Tage Urlaub machen. Routinemäßig warf ich einen Blick auf Twitter - und sah mich einer Flut herzchengespickter Mentions gegenüber. Eine gute Journalistin sei ich, und wer meine kritische Berichterstattung verurteile, der habe die Rolle der Medien in der Demokratie nicht verstanden. Solche Sachen.

Ich verstand kein Wort. Zugegeben, ich war ein bisschen müde, denn ich hatte am Abend vorher in meinen Geburtstag hineingefeiert. Kurz dachte ich, die spontanen Solidaritätsbekundungen seien vielleicht Geburtstagsgrüße. Aber auf der anderen Seite: Woher sollten diese ganzen fremden Menschen überhaupt wissen, dass ich Geburtstag hatte? Also scrollte ich tiefer und tiefer - und fand den Grund für die Aufregung: Ein Bundestagskandidat der Piraten hatte einen Blogeintrag über mich verfasst, in dem er sich ausführlich über meine Berichterstattung beklagte.

Er sah mich als Teil einer groß angelegten Verschwörung. Seine Kernthese war, dass die Süddeutsche Zeitung mich, eine bekennende Feministin, mit purer Absicht auf die einstmals an Genderfragen uninteressierte Piratenpartei angesetzt hat, um sie zu zerstören. In epischer Länge analysierte der Pirat meine Texte, Interviewanfragen und alles, was er sonst so im Internet über mich zusammenkratzen konnte. Mit der Wahrheit nahm er es nicht so genau, so behauptete er etwa selbstsicher, ich sei Mitglied im Verein "Pro Quote", was ich nicht bin. Auch beschrieb er einen Gesprächswechsel zwischen einem Piraten und mir während einer Aufstellungsversammlung in Münster, der so ganz bestimmt nicht stattgefunden hat. Ich war nämlich noch nie in Münster.

Denkwürdiger Anfall von Größenwahn

Viel spannender als diese kleinen Ungenauigkeiten ist aber die Selbstsicht, die sich hinter Einträgen wie diesem verbirgt. Meine Berufung zur Piratenberichterstatterin - eine Medienverschwörung? Welch ein denkwürdiger Anfall von Größenwahn!

Die Wahrheit ist - wie so oft - viel profaner. Ich kam im September 2011 kurz vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhaus für meine letzte Volontariats-Station in die Berliner Redaktion der SZ. Die Piraten betraten zu dieser Zeit reichlich überraschend die politische Bühne und es gab in der SZ-Redaktion schlicht noch niemanden, der für sie zuständig war. Und so kam ich eher zufällig zu einem Thema, das sich in den kommenden Jahren zu einem Dauerbrenner entwickeln sollte. In dieser Zeit brauste der eine oder andere Shitstorm über mich hinweg, aber das gehörte irgendwie dazu. Wer über die Piraten schrieb und noch nie persönlich beleidigt, in Blogeinträgen analysiert oder zum Teil einer Medienverschwörung gemacht wurde, der hatte irgendetwas falsch gemacht.

Besonders schlimm erwischte es die Kollegen von Spiegel und Spiegel Online, die sich am intensivsten mit der Partei und ihren Skandalen und Skandälchen beschäftigten. Welche Ausmaße das annehmen kann, hat Spon-Redakteurin Annett Meiritz ausführlich in ihrem Essay "Man liest ja so einiges über Sie" beschrieben. Ihr wurde über Monate eine Affäre mit einem Piratenabgeordneten angedichtet - Sex gegen Informationen, der Klassiker der fiesen Anschuldigungen, wo junge Frauen über Politik schreiben. Abgesehen davon, dass das bei einer Partei, die ohnehin all ihre Konflikte öffentlich in neuen und alten Medien breittritt, ein ziemlich schlechter Deal gewesen wäre, ist da die Grenze des Zumutbaren natürlich überschritten.

Mein kleines #beitzergate ist im Vergleich dazu harmlos, ein skurriler Zwischenfall, für den sich zahlreiche Piraten postwendend beschämt bei mir entschuldigten. Richtig ernst genommen hat es aber ohnehin niemand, inklusive mir. "Herzlichen Glückwunsch", schrieb mir auch prompt ein Kollege: "Zum Geburtstag und zum Gate."