Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren Eingemauert in Ruinen

Vor genau 50 Jahren wurde der SED-Staat zu einem deutsch-sozialistischen Reservat: Der Bau der Berliner Mauer hat aus DDR-Bürgern Menschen in Sicherungsverwahrung gemacht, das Gerede vom "antifaschistischen Schutzwall" war dumm-dreistes Parteichinesisch. Die Mauer hielt die DDR noch für 28 Jahre am Leben und besiegelte doch ihren Untergang: Sie ist die in Beton gegossene Niederlage einer Utopie - des Kommunismus.

Von Heribert Prantl

Der Text der Nationalhymne der DDR war eigentlich schön und verheißungsvoll: "Auferstanden aus Ruinen, und der Zukunft zugewandt". Johannes R. Becher hatte das 1949 gedichtet. Die DDR-Realität war aber eine ganz andere. Seit dem 13. August 1961, seit dem Bau der Mauer mitten durch Berlin, sah diese Realität so aus: Eingemauert in Ruinen, und die Zukunft zugebaut . . . .

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), geführt von Walter Ulbricht, sperrte die Bürger ein und ließ diejenigen erschießen, die es trotzdem wagten, die Grenze zu überwinden: Grenzverletzer galten als Verbrecher, Todesschützen als Helden. Mit der Mauer war der letzte offene Teil des Eisernen Vorhangs geschlossen worden.

Wer heute die Reste des Bauwerks betrachtet, macht sich davon eine falsche Vorstellung: Man sieht bunt bemalten Beton, lustig irgendwie. Das war die Westseite. Die Ostseite der Mauer war ganz anders: Sie war ekelhaft trist, dort gab es den Todesstreifen mit Alarmgittern, Stolperdrähten, Stahlspitzen und Panzergräben. Schon diese Konstruktion macht klar: Sie richtete sich nicht gegen äußere Feinde, sondern gegen den Feind im eigenen Land. Das Gerede der DDR-Führung vom "antifaschistischen Schutzwall" war dumm-dreistes Parteichinesisch.

Das Monstrum Mauer machte aus den DDR-Bürgern Menschen in Sicherungsverwahrung; nur einige wenige Privilegierte waren Freigänger. Der SED-Staat wurde nun zu einem deutsch-sozialistischen Reservat. Sinn des Reservats war das Gedeihen des Staatssozialismus auf Kosten der Reservatsbewohner. Es gediehen dort natürlich auch andere Dinge: Die Alleebäume und die zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Mauer und der Mangel schlossen die Menschen zusammen. Es entstand eine Kleine-Leute-Gesellschaft. Es gab ein richtiges Leben innerhalb der falschen Grenzen.

Die Mauer: Der SED-Chef Walter Ulbricht wollte sie, der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow erlaubte sie, Erich Honecker baute sie, die drei Westmächte akzeptierten sie, und Bundeskanzler Konrad Adenauer, CDU, machte erst einmal ungerührt weiter Wahlkampf. Er hielt keine Rede in Berlin, weil er nicht zusammen mit Willy Brandt auftreten wollte, dem SPD-Kanzlerkandidaten und Regierenden Bürgermeister von Berlin; der alte Kanzler hatte nichts Besseres zu tun, als sich bei einer Veranstaltung in Regensburg über Brandts uneheliche Geburt zu ereifern. Erst zwei Wochen nach dem Mauerbau kam Adenauer in die nun geteilte Stadt. Diese Säumnis war der größte Fehler seiner Amtszeit.

Der Kanzler machte es fast wie die Alliierten: Der britische Premier Harold MacMillan blieb auf Moorhuhnjagd, Charles de Gaulle auf seinem Landsitz in Colombey-les-Deux-Eglises; und der junge US-Präsident John F. Kennedy war zufrieden damit, dass sich mit der Mauer der Status quo stabilisierte. Wer eine Stadt mit einer Mauer teilt, so war Kennedys erleichterte Analyse, der will nicht mehr die Teile außerhalb der Mauer mit Gewalt einkassieren. Und so waren nicht nur die Herren im Kreml und ihre Satrapen, sondern auch die Herren der westlichen Welt ganz zufrieden mit der Zementierung der Teilung Deutschlands.

Es war Ruhe im Karton. Und was in dem Karton geschah, darum kümmerte man sich im Westen nicht so sehr. Aus dem heißen kalten Krieg wurde nun ein kalter. Der Weg zur deutschen Einheit war unübersehbar lang geworden, und die Einheit Berlins erst wieder mit der unerreichbar scheinenden Einheit des ganzen Landes erreichbar. Willy Brandt aber saß grimmig und in ohnmächtigem Zorn (auch über "die Scheißer" im Westen) im Schöneberger Rathaus.