Bahn: Verkehrsprojekt im Südwesten "Stuttgart 21" deutlich teurer

Der Ausbau der geplanten Schnellbahnstrecke nach Ulm kostet fast eine Milliarde Euro mehr als geplant. Ministerpräsident Mappus nennt die Mehrkosten "überschaubar".

Von D. Deckstein

Eines der ambitioniertesten Verkehrsprojekte im Südwesten, Stuttgart 21, wird jetzt offenbar doch wesentlich teurer als angenommen. Das bestätigte Bahnchef Rüdiger Grube am Dienstag in Stuttgart. Nach einer aktualisierten Kostenkalkulation werde die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm um 865 Millionen Euro teurer ausfallen als bisher geplant, sagte Grube. Der Bahnchef hatte die neue Kostenrechnung zunächst mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) besprochen, bevor er sie präsentierte. Die Gesamtkosten für die 66 Kilometer lange Strecke beliefen sich nach aktueller Rechnung auf 2,89 Milliarden Euro. Die bisherige Kostenschätzung aus dem Jahr 2004 war von 2,025 Milliarden Euro ausgegangen.

Mappus nannte die Mehrkosten "überschaubar und begründbar", zumal da allein 200 Millionen Euro Kostensteigerung nur der Inflation in den vergangenen sechs Jahren geschuldet seien. "Wenn ich die Differenz betrachte, habe ich sehr, sehr großes Vertrauen", fügte Mappus hinzu. 665 Millionen Euro Mehrkosten hängen der neuen Kalkulation zufolge mit präziseren Vorgaben für die Neubaustrecke nach Ulm zusammen, die etwa den Tunnel- und Brückenbau betreffen oder Dämme und Rückhaltebecken. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Wendlingen nach Ulm ist verknüpft mit dem Großprojekt Stuttgart 21, bei dem der Stuttgarter Hauptbahnhof vom Kopf- zum Durchgangsbahnhof umgestaltet und unter die Erde verlegt werden soll. Dazu soll der Flughafen an das Schienennetz angebunden werden. Das gesamte Vorhaben wurde bisher mit 4,09 Milliarden Euro kalkuliert, die sich Bund, Bahn und Land teilen wollen. Der Finanzierungsvertrag wurde im April 2009 unterschrieben, im Februar 2010 begannen bereits die ersten Bauarbeiten.

Die Verteuerung ist zunächst aber auch Wasser auf die Mühlen der Stuttgart-21-Gegner, die seit Monaten gegen das Großprojekt Sturm laufen. Im Vorfeld des Grube-Besuchs hatten sie am Montagabend im Rahmen ihrer wöchentlichen Demos den Nordflügel des Stuttgarter Bahnhofs besetzt. Die Kritiker des Projekts glauben, dass Stuttgart 21 und die Schnellbahnstrecke viel teurer werden als behauptet. Der Münchner Verkehrswissenschaftler Martin Vieregg, dessen Berechnungen auch mit zum Aus des Transrapid beigetragen haben, erwartet Mehrkosten von bis zu drei Milliarden Euro. Winfried Hermann, der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, befürchtet sogar Gesamtkosten von zwölf Milliarden Euro. Die Stuttgart-21-Kritiker setzen ihre Hoffnung darauf, dass sich vor allem die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm derart verteuert, dass der Bund vom Bau absieht und dass dann auch Stuttgart 21 insgesamt aufgegeben werden müsste. Anders sieht das allerdings der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Stuttgarter Landtag, Dieter Bachmann: "Alle, die in den vergangenen Tagen bereits das Sterbeglöckchen für das Jahrhundertprojekt geläutet haben, sind durch die vorgelegte Neukalkulation widerlegt."

Die Bahn hat indes vor kurzem angekündigt, dass bereits im August mit dem Abbruch des Nordflügels begonnen werde. Das Oberlandesgericht Stuttgart verhandelt aber erst am 6. Oktober über die Frage, ob dieser Abriss der Seitenflügel gegen das Urheberrecht verstößt. Das hatte Peter Dübbers, der Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz, im ersten Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht reklamiert, war aber mit seiner Klage unterlegen. Die Richter hatten in ihrem Urteil angeführt, das Interesse an der Erhaltung des denkmalgeschützten Gebäudes habe hinter den Modernisierungsinteressen der Bahn zurückzutreten.