Autor Jean Ziegler "Der Aufstand des Gewissens wird kommen"

Einst war er der Fahrer von Che Guevara. Heute schreibt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler Bücher - über den Hunger in der Welt und den problematischen Reichtum der Schweiz. Freunde macht er sich damit nicht. Ein Metzger schickte ihm einst einen Strick.

Von Alex Rühle

Jean Ziegler sieht wirklich nicht so aus, wie man sich einen UN-Berater vorstellt. Es fängt schon beim Klingelschild an. Eine UN-Visitenkarte, obendrauf das honorige Logo der Vereinten Nationen in Himmelblau, die Karte aber ist mit ollem Tesafilm schief über die Klingel geklebt.

Als die Tür aufgeht, steht da ein stattlicher Mann, braungebrannt, er kommt schließlich gerade aus Ruanda, barfuß in ausgetretenen Halbschuhen und in einer uralten Hose, die so phänomenal ausgebeult ist, dass man sie mittlerweile vielleicht auch als Zelt benützen könnte. Eine herzliche Begrüßung, "wir gehen gleich mal essen, oder?", dann muss er noch ganz kurz sein Zeug zusammensuchen und sprintet die Treppe hoch, wobei er immer zwei Stufen auf einmal nimmt. Beeindruckend, der Mann ist schließlich 78.

Während wir auf ihn warten - ein Traktor knattert vorbei, hinter der Kurve fallen die Weinberge sanft ab in Richtung Frankreich: Russin, ein Dorf in der Nähe von Genf, direkt an der Grenze - während wir so warten, können wir schnell das abarbeiten, was eh immer kommt, die entscheidenden Momente, die auch an diesem Tag nochmal erzählt werden: Wie er 1964 einige Tage lang hier in Genf der Fahrer von Che Guevara war. Als er am Ende schüchtern fragte, ob er nicht mitkommen könne nach Kuba, soll Che von seinem Zimmer im Hotel Intercontinental auf die Stadt hinausgeblickt und gesagt haben: "Hier bist du geboren, da ist das Gehirn des Monsters. Hier musst du kämpfen."

Oder wie er in Kongo in den Sechzigerjahren, als junger UN-Mitarbeiter, Zeuge des unfassbar grausamen, chaotischen Bürgerkriegs wurde, wodurch alle bornierten europäischen Wissensgewissheiten, mit denen der junge Ziegler angereist war, geschreddert wurden. Wie er, zurück in Paris, Jean-Paul Sartre davon erzählte, Sartre, dem Übervater, der ihn plötzlich stundenlang ausfragte wie einen Schüler und am Ende rief: "Mais il faut écrire tout cela!" Simone de Beauvoir, die dann im Café de Flore Zieglers fertigen Text auseinandernahm.

Mehr als 20 Bücher hat Ziegler geschrieben

Ziegler ist ein guter Schauspieler: Er deutet die mondäne Arroganz der Beauvoir an, wie sie im Café kopfschüttelnd alles durchstreicht, und dabei immer wieder seufzt: "Ce n'est pas français". Am Ende sah sie seinen Namen, sagte: "Mais Hans, Hans, das ist doch kein Name!", entledigte den in Thun geborenen Deutschschweizer Ziegler mit einem resoluten Strich seines ursprünglichen Vornamens und gab ihm ungefragt einen neuen. Et voilà, der Autor Jean Ziegler war geboren.

Der hat mittlerweile mehr als 20 Bücher geschrieben. Über die Schweiz und ihren problematischen Reichtum. Über Afrika und seine Despoten. Über den Sinnverlust in den modernen Industriegesellschaften. Und immer wieder: über den Hunger in der Welt, das Thema, das diesem Mann geradezu physischen Schmerz zu bereiten scheint, ja das ihn derart umtreibt, dass er auf dem Weg ins Restaurant abrupt auf der kleinen Dorfstraße stehen bleibt und sagt: "Die USA haben im vergangenen Jahr 138 Millionen Tonnen Mais verbrannt, und gleichzeitig ist alle fünf Sekunden irgendwo auf der Welt ein Kind an Hunger gestorben. Verstehst du? Das geht doch nicht."

Uff. Wir sind noch gar nicht im Restaurant angekommen, schon duzt er einen, und alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Hunger. Hmm. Was macht man denn nun mit solch einem Hammersatz? Der Besuch bei Jean Ziegler dauerte sechs Stunden. In derselben Zeit sind also 4320 Kinder an Hunger gestorben.