Nahostkonflikt Gruß vom Planeten Israel

Der Journalist Eldad Beck, 50, ist Deutschland-Korrespondent der größten israelischen Tageszeitung Yedioth Achronot. Er lebt seit 2007 in Berlin.

Die einzige Demokratie im Nahen Osten zu verstehen, fällt den Europäern schwer. Sie bemühen sich aber auch kaum mehr.

Gastbeitrag von Eldad Beck

Früher war alles so viel verständlicher: Man hatte in Europa ein sympathisches Idealbild des jungen Staates Israel, und die Realität passte noch einigermaßen hinein in diese Vorstellung. Es gab ein Volk, das aus der Asche wiederauferstanden war und eine sozialistische Utopie wie auch eine sonderbare Koexistenz zwischen Laizismus und Religion in der Wüste geschaffen hatte, einzigartig in der Welt. Erstaunlicherweise, trotz aller Hindernisse, Feinde und Kriege hatte dieses Volk sich einen florierenden Staat gebaut. Die Opfer des Holocaust hatten sich losgesagt von Europa. Und sie hatten erfolgreich zu eigener, beeindruckender Stärke gefunden. Die Kibbutzim, David Ben-Gurion, Golda Meir, Mosche Dayan und Teddy Kollek waren romantische Inspirationsquellen für progressive Europäer.

Wenn doch Israel nur ein Geschichtsmuseum geblieben wäre. Ein Museum, in dem man die tollen Zeiten von damals wieder erleben könnte, klein, harmlos und ohne Verbindung zur Gegenwart.

Regierung, die auf Härte und Stärke setzt

Die Zeit anhalten: Diesen Luxus haben acht Millionen Israelis nicht. Sie müssen mit Realitäten leben, die sich wandeln, in den jüngsten Jahren selten zum besseren. Die immer neuen Schwierigkeiten, in die ihre Gesellschaft gerutscht ist und weiter rutscht, inmitten einer unmittelbaren Nachbarschaft, aus der Raketen fliegen und Terrortunnel gebohrt werden, können die Israelis ihrer Verwandtschaft in Europa zwar erklären; darauf warten, dass die Europäer zuhören, sich in die Lage der Israelis hineinversetzen oder diese gar nachzuempfinden versuchen, können sie aber nicht. Besonders im Angesicht des Wiener Atom-Deals mit Iran tritt das jetzt wieder deutlich zutage.

Israel hat jüngst wieder eine rechte Regierung gewählt, eine Regierung, die auf Stärke und Härte setzt und die sich international wohl noch unbeliebter machen wird als die letzte. Aber die allermeisten israelischen Wähler haben das nicht deshalb getan, weil sie sich im Lauf der Jahrzehnte zu einer faschistoiden und rassistischen Gesellschaft entwickelt hätten. Sondern weil sie die Region um sie herum beobachten, und weil sie jene bitteren Lehren gezogen haben, denen sich in den vergangenen Jahren kaum mehr jemand entziehen konnte, der in Israel lebt.

Freude macht das gewiss nicht. Ausweichen kann man dem aber auch nicht. Diese Entwicklung ist eine, die in den vergangenen Jahren nicht irgendwelche Ränder der Gesellschaft durchlaufen hat, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Die Mehrheit im Land hat sich abgewandt von den Friedensträumen früherer Jahre, sehr schweren Herzens. Die vormals bedeutsame politische Linke in Israel ist deshalb heute weitgehend verwaist.

Wer sieht, dass weder Härte noch Milde Frieden bringen, der bleibt desillusioniert zurück

Der Staat Israel wurde 1948 durch eine UN-Resolution gegründet. Die Bedrohung von außen war von Beginn an da. Sie entstand nicht etwa erst infolge eines bestimmten Verhaltens der Israelis, sie entstand nicht etwa erst 1967 in Reaktion auf die israelische Eroberung des Westjordanlandes. Sie hat sich vielmehr als Konstante erwiesen. Friedensinitiativen, Friedensabkommen, Rückzüge brachten Israel keinen Frieden und keine Anerkennung. Traurigerweise war zuletzt sogar das glatte Gegenteil der Fall: Als Israel sich aus dem Gazastreifen zurückzog, nutzten die dort lebenden Menschen ihre verdiente Freiheit auch dazu, israelische Städte und Wohngebiete mit Raketen zu beschießen.

Der jüngste Gazakrieg im Sommer 2014 - ausgelöst durch einen solchen Raketenbeschuss - beförderte auch bei den vorletzten Anhängern von Versöhnung und Koexistenz auf der politischen Linken in Israel die Überzeugung, dass territoriale Kompromisse mit den Palästinensern nicht honoriert werden. Sondern dass sie, bittere Ironie, die existenzielle Bedrohung für Israel sogar noch erhöhen. Diese Raketen schlagen nicht an irgendeinem entfernten Ort ein, den man nur abends in den Fernsehnachrichten sieht. Für Israelis sind sie sehr nah.

Und so ist die Reaktion der allermeisten Israelis naheliegend: Sie wollen sich und ihre Familien vor solchen Angriffen schützen. Nicht nur ein bisschen, sondern effektiv. Wenn das bedeutet, dass die Regierung Härte üben muss, dann sind immer mehr Israelis dazu bereit, diese politische Konsequenz mitzutragen; und wenn das bedeutet, dass die Regierung international auf wachsendes Unverständnis und schwindende Beliebtheit stößt, dann sind immer mehr Israelis bereit, auch dies mitzutragen. Welche Alternative haben sie? Die Israelis wollen ihre Heimat weiter besitzen, verteidigen und entwickeln, trotz aller Hindernisse und Feinde, die im Lauf der Zeit größer und komplizierter geworden sind. Weil ihnen nichts anderes bleibt.

Die Palästinensische Führung will keine Zwei-Staaten-Lösung

An Israels Grenzen liegen kaum noch Staaten. Die Terrormilizen Hamas, Hisbollah, IS beherrschen das Terrain. Ursache dieses gefährlichen Zustands ist nicht die israelische Präsenz im Westjordanland, auch nicht der israelische Siedlungsbau in Ost-Jerusalem oder etwas ähnliches. Sondern eine tief verankerte Weltanschauung in der arabisch-muslimischen Welt, wonach Israel und die Juden aus dem Nahen Osten verschwinden müssten. Ebenso wie die Christen. Israel hat sich vor zwanzig Jahren zu einem großen, historischen Kompromiss bereit gezeigt. Die Osloer Abkommen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO waren ein Entgegenkommen der Israelis an die Palästinenser nach der Formel "Land für Frieden". Die Israelis würden auf die Kontrolle von Land verzichten. Sie würden den vormaligen Terroristen von der PLO Vertrauen schenken. Sie würden ihnen glauben, dass sie wirklich - wie versprochen - eine Wandlung hin zu einer friedenswilligen politischen Bewegung planen. Und sie würden es akzeptieren, dass diese PLO dann direkt an Israels Seite Staat macht.

Aber alle Friedensbemühungen Israels haben die ablehnende Haltung der palästinensische Führung (gleich, ob es sich um Fatah oder Hamas handelt) gegenüber Israels Existenz kaum geändert. Sei es der Friedensplan vom Jahr 2000, der im amerikanischen Camp David ausgehandelt wurde und einen weiten Rückzug Israels vorsah; sei es der einseitige (das heißt: freiwillige und bedingungslose) Rückzug Israels aus dem Gazastreifen 2005, sei es die Olmert-Initiative von 2008, der Stopp des Siedlungenbaus im Jahr 2010: Die palästinensische Führung blieb stets bei ihrer Haltung. Israel muss verschwinden. Etappenweise. So, wie es die sogenannte Etappentheorie der PLO schon 1974 vorsah. Statt Frieden mit Israel will die palästinensische Führung Israel international Isolieren. Sie will keine Zwei-Staaten-Lösung. Im Licht dieser Realität wollen die Israelis keine Kompromisse mehr auf sich nehmen, die ihre Existenz vernichten könnten.