Ausblick auf 2016 Wirtschaft voller Zuversicht - doch die Deutschen sorgen sich

Viele Deutsche gehen sorgenvoll in das Jahr 2016.

(Foto: Bloomberg)
  • Erstmals seit Jahren geht eine Mehrheit der Deutschen ängstlich ins kommende Jahr.
  • Die Wirtschaft dagegen wird von niedrigen Zinsen und dem preiswerten Erdöl profitieren.
Von Nikolaus Piper

Trotz schwer kalkulierbarer Risiken hofft die deutsche Industrie für 2016 auf stabiles Wachstum. Er rechne mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um knapp zwei Prozent, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, der Deutschen Presse-Agentur. Seine Aussage deckt sich mit Erklärungen der meisten großen Wirtschaftsverbände, steht aber im krassen Gegensatz zur düsteren Stimmung unter den Bürgern des Landes.

Erstmals seit Jahren geht die Mehrheit der Deutschen eher mit Angst als Zuversicht ins kommende Jahr. Das Meinungsforschungsinstitut GfK stellte in einer repräsentativen Studie für die Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen einen starken Stimmungsumschwung fest. Danach sagten 55 Prozent der Befragten, sie blickten mit Angst ins neue Jahr. 2014 hatte diese Zahl noch bei nur 31 Prozent gelegen, 2013 bei 28 Prozent. Der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Ulrich Reinhardt, sprach von einer Rückkehr der "German Angst".

Zwei Drittel der Deutschen rechnen mit einem Anschlag von IS-Terroristen

Dazu passt eine Befragung des Ipsos-Instituts, nach der jeder zweite Deutsche dem kommenden Jahr "mit großer Skepsis und gemischten Gefühlen" entgegensieht. Der Anteil der Pessimisten stieg von 27 Prozent im vergangenen Jahr auf 50 Prozent heute. Eine weitere Umfrage - vom Meinungsforschungsinstitut YouGov - ergab, dass zwei Drittel der Bundesbürger mit einem Anschlag der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in Deutschland im nächsten Jahr rechnen. Nur 17 Prozent glauben nicht daran.

Die krassen Unterschiede in der Stimmung zwischen Bürgern und Wirtschaft erklärt sich zum Teil aus unterschiedlichen Perspektiven. Für viele Deutsche verbindet sich die Flüchtlingskrise mit der Gefahr von Terroranschlägen zu einem großen Bedrohungsszenario in ihrem Lebensumfeld. Die Unternehmen haben es dagegen eher mit kalkulierbaren Risiken zu tun, den Wirtschaftsproblemen Chinas etwa oder der Sorge, dass der Ölpreis zu schnell fällt. Außerdem sind die Rahmenbedingungen Deutschlands anhaltend gut, bedingt durch den billigen Euro, die gute Binnennachfrage und niedrige Zinsen.

Was nicht bedeutet, dass die Unternehmer es nicht mit Unsicherheit zu tun hätten. Das lässt sich an den Aktienkursen ablesen. Der Spruch, wonach Börsenkurse die Fieberkurve der Wirtschaft seien, traf selten so zu wie 2015: Das Börsenjahr war nervenaufreibend und von starken Schwankungen geprägt. Typisch für diese Entwicklung war das Jahresende: Am letzten und verkürzten Handelstag des Jahres ging der Deutsche Aktien-Index Dax um 1,08 Prozent auf 10 743,01 Punkte zurück.

Die Konjunktur profitiert von den niedrigen Zinsen und dem preiswerten Erdöl

Am Dienstag hatte er um zwei Prozent zugelegt. An Silvester haben die deutschen Börsen geschlossen. Insgesamt stieg der deutsche Leitindex um 9,56 Prozent - nach gerade einmal 2,65 Prozent Zuwachs im Vorjahr. Zugleich schloss er das vierte Jahr in Folge mit einem Plus ab. Das ist umso erstaunlicher, als in der Jahresmitte wegen der Konjunktursorgen um China und dem Ölpreisverfall die Kurse regelrecht eingebrochen waren. Die Volksrepublik China steht unter den Handelspartnern Deutschlands an dritter Stelle. Sie nimmt besonders deutsche Maschinen und Autos ab.

Trotz aller Zuversicht räumt auch der BDI ein, dass die Risiken groß seien. Probleme bereiten könnten die Integration von Flüchtlingen in Deutschland und in anderen EU-Staaten, außerdem die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten. "Wie sich die Flüchtlinge auf die gesamtwirtschaftliche Leistung auswirken werden, können wir derzeit noch nicht gut beziffern", sagte Grillo. Es seien aber auch positive Konjunktureffekte zu erwarten durch zusätzliche Konsumausgaben. "Die wirtschaftliche Lage in Deutschland bleibt geprägt durch eine sehr erfreuliche Entwicklung der Beschäftigung und des privaten Verbrauchs", sagte der BDI-Präsident weiter. "Die realen Einkommen der Haushalte werden auch im nächsten Jahr kräftig wachsen. Die gute Arbeitsmarktentwicklung dürfte sich fortsetzen."

Grafik: SZ

Die staatlichen Ausgaben werden aus Sicht Grillos leicht zulegen, um die Flüchtlinge zu versorgen. Zudem stockten Bund und Kommunen Investitionen auf. Die privaten Ausgaben würden wohl ebenfalls anziehen. Die deutsche Konjunktur bleibe stark vom Verbrauch getrieben. Von der Güter-Produktion oder von Innovationen erwartet Grillo dagegen keine starken Impulse. Die deutschen Exporte und Importe werden aus Sicht des Industrieverbandes kräftig wachsen.

Klar ist aber auch: Die Aussichten sind zwar gut, Deutschland wird aber auch keinen kräftigen Aufschwung erleben wie in früheren Jahren. Das hat vor allem eine Konsequenz: Die Zahl der Arbeitsplätze wird 2016 kaum noch steigen, wie das Institut der deutschen Wirtschaft nach einer Umfrage mitteilte.