Aufbauhilfe in Haiti Was von der Heimat blieb

Ein halbes Jahr nach dem verheerenden Beben fühlen sich viele Haitianer vom Rest der Welt im Stich gelassen. Im Durcheinander in der Hauptstadt Port-au-Prince wird um Kompetenzen gerangelt - auf Kosten der Bevölkerung.

Von Peter Burghardt

Jetzt ist auch das große Spiel vorbei, Haitis kleine Ablenkung. Fünf Wochen lang liefen im halbverwüsteten Port-au-Prince Fernseher zwischen Schutt und Zelten, davor feierten und trauerten die Fußballfreunde. Das verdrängte ein wenig die Gedanken an Hunger und Zerstörung. An einer Weltmeisterschaft hatte Haitis Auswahl zwar nur einmal teilgenommen, 1974 in Deutschland. Doch ersatzweise unterstützten viele Landsleute nun die Mannschaften aus Brasilien und Argentinien.

Die Brasilianer stellen hier das Gros der UN-Truppen, sie hatten in besseren Zeiten sogar mal ihr Nationalteam geschickt. Nach dessen Ausscheiden in Südafrika brachten sich ein paar haitianische Fans vor Verzweiflung um, ansonsten war es ein Fest. Am Sonntag wurde die Party abgepfiffen, wieder wächst der Frust im Trümmerfeld. Alinx Jean-Baptiste von der Kindernothilfe sagt: "Die Leute warten, dass etwas geschieht. Sie werden langsam ungeduldig."

Sechs Monate liegen die schlimmsten 40 Sekunden der verlustreichen Landesgeschichte seit diesem Montag zurück. Am 12. Januar um 16.53 Uhr demolierten Erdstöße der Stärke 7,0 die schon vorher geplagte Hauptstadt und ihre Umgebung, in weniger als einer Minute zerfiel der Staat. Häuser, Präsidentenpalast, Ministerien, Kliniken, Schulen, Universitäten, UN-Zentrale, Supermärkte. Mindestens 220.000 Tote werden vermutet, wahrscheinlich 300.000.

Die meisten Leichen wurden namenlos in Massengräber geworfen oder liegen bis heute im Geröll. Die eingefallenen Wände und Mauerreste wurden nur teilweise abgeräumt, es fehlt schweres Gerät. Ungefähr 1,5 Millionen Obdachlose wohnen in Zelten und unter Plastikplanen, die mehr als 1300 Lager werden vom Provisorium zum Dauerzustand. Versuche der Umsiedelung misslingen. "Die Regierung ist sehr passiv", findet nicht nur Jean-Baptiste. "Es geht alles sehr langsam."

Wo ist das viele Geld? Solche Fragen stellen sich die neun Millionen Einwohner. Fast zehn Milliarden Dollar haben die internationalen Spender versprochen. Die Helfer aus aller Welt vermehrten sich in Windeseile, wohl nirgendwo drängen sich auf so engem Raum so viele Organisationen. Ein babylonisches Gewirr. Der Verkehr im hügeligen und verwinkelten Port-au-Prince mit seinen schlechten Straßen ist noch chaotischer als vor dem Beben, auf Autos steht Care, Caritas, Rotes Kreuz, Concern, USAid, WFP, UN und so weiter.

Die Mehrheit der Helfer hat angesichts der Umstände manches erreicht. Sie brachten Wasser, Nahrung, Notunterkünfte, Ärzte, Hospitale, Medikamente. "Wir haben nicht nur die Opfer der Katastrophe erfolgreich beim Überleben unterstützt, sondern vor allem wichtige Grundlagen für einen Neubeginn geschaffen", sagt Wolfgang Jamann, Generalsekretär der Welthungerhilfe. Einheimische werden dafür bezahlt, Betonfetzen beiseitezuräumen oder Lebensmittel zu verteilen. Cash for work nennt sich die ABM-Maßnahme. Aber auch Jamann fordert mehr Einsatz und Tempo der Geber, "weil die Menschen sonst glauben, dass die Schecks nur für die Fernsehkameras ausgestellt worden sind". Der Regen setzt die Flüchtlingscamps bereits unter Wasser, nun drohen in der Karibik die alljährlichen Hurrikane.

Das Komitee der Unterstützer unter Leitung von Bill Clinton und Premier Jean-Max Bellerive hat erst im Juni das erste Mal getagt, alle sind unzufrieden. Das Geld reiche nicht, warnt Präsident René Préval. Die Spenden müssten konkret umgesetzt werden, fordert UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Versprechen allein würden niemanden ernähren und keine Dächer liefern. "Die Welt hat Haiti vergessen", könnten die Haitianer glauben, fürchtet Leonel Fernández, der Regierungschef des Nachbarlandes Dominikanische Republik.

Ein Bericht des US-Senats unter Leitung von John Kerry kritisiert ebenfalls den schleppenden Wiederaufbau, Symbol sei die Ruine des Präsidentenpalastes. In einem Zelt neben dem eingestürzten Regierungssitz plant Hausherr Préval Wahlen für den 28. November, er soll im Februar abtreten. "Das Volk ist auf alleingelassen", klagt Alinx Jean-Baptiste von der Kindernothilfe. "Es fehlt die Führung."

Wer bestimmt? Préval, UN, die USA? In dem Durcheinander wird um Kompetenzen gerangelt. "Die Nichtregierungsorganisationen übernehmen Aufgaben, um die sich eigentlich die Regierung kümmern sollte", sagt Jean-Baptiste. Schulen unterrichten wieder notdürftig, doch viele Familie können sich das nicht leisten. Außerdem werden in Lagern sexuelle Übergriffe gemeldet, UN-Blauhelme und Polizei können nicht überall patrouillieren. Kindernothilfe, SOS-Kinderdörfer, Unicef und andere tun, was sie können, um Hunderttausenden Waisen zu helfen. Aber manchmal bleibt der Beistand im Dickicht der Bürokratie hängen. Die Kindernothilfe zum Beispiel wartet seit mittlerweile drei Monaten auf Energiekekse, sozusagen das Gegenstück zu den Schlammkeksen der Ärmsten. Der Proviant steckt im Zoll an der Grenze fest - die haitianische Verwaltung liefert die Papiere nicht.