Atomkraftwerk Tihange in Belgien German Angst

In Tihange, wo das gleichnamige Atomkraftwerk steht, machen sich die Bewohner wenig Sorgen. "Wir sind der am meisten kontrollierte Ort in Belgien." Aachen liegt 65 Kilometer östlich.

(Foto: Eric Herchaft/Reporters/laif)

In belgischen Atomkraftwerken häufen sich die Zwischenfälle, im nahegelegenen Aachen befürchten sie schon das Schlimmste.

Von  Tim Neshitov

Die Stadt Aachen stockt gerade ihren Vorrat an Jodtabletten auf und erstellt Evakuierungspläne. In vielen Schaufenstern hängt das Poster "Stop Tihange", sogar im Fenster der Bahnhofsmission, die sonst andere Sorgen hat. Tihange ist ein belgisches Atomkraftwerk, das 65 Kilometer westlich von Aachen liegt. In jüngster Zeit passiert dort Merkwürdiges.

Reaktor 1 ist vom Netz, weil dort eine Pumpe versagt hat. Im Dezember brannte es bereits an einer elektrischen Schalttafel. Im Sommer vor vier Jahren musste Reaktor 2 abgeschaltet werden, nachdem im Druckbehälter Tausende rätselhafte Risse entdeckt worden waren. Nach Sicherheitstests wurde der Reaktor hochgefahren - und nach einer erneuten Prüfung wieder heruntergefahren. Und wieder hochgefahren, im vergangenen Dezember.

Belgien hat zwei Kernkraftwerke mit insgesamt sieben Druckwasserreaktoren. Im anderen Atommeiler in Doel bei Antwerpen wurde ein Reaktor, in dem ebenfalls Risse entdeckt worden waren, drei Tage vor Weihnachten zwar hochgefahren, aber am ersten Weihnachtstag wieder: heruntergefahren. Diesmal wegen eines Lecks an einer Heißwasserleitung.

In dieser Gegend weht der Wind meistens von Westen nach Osten, also Richtung Aachen. Was sich hier gerade abspielt, pünktlich zu den Jahrestagen von Fukushima und Tschernobyl, ist ein besonders skurriles Kapitel in Europas atomarer Geschichte - neben den Kapiteln Fessenheim (Frankreich), Beznau (Schweiz), Temelin (Tschechien). Nun soll Belgiens Armee die Atommeiler schützen. Nicht vor Greenpeace, sondern offenbar vor dem IS. Bei den Ermittlungen zu den Hintermännern der jüngsten Pariser Anschläge stieß die Polizei auf ein Video, auf dem ein Mann zu sehen ist, der Verbindungen zur belgischen Atomwirtschaft hat. Während des Besuchs von Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch in Belgien berichtet die Brüsseler Zeitung Le Soir, zwei Reaktoren in Doel seien nicht erdbebensicher.

In Berlin fordern die Grünen nun von Kanzlerin Angela Merkel einen EU-Atomgipfel; in Rheinland-Pfalz ist Tihange längst ein Wahlkampfthema.

Ein Besuch in Tihange. Das gleichnamige Dorf liegt am rechten Ufer der Maas, der Atommeiler schiebt sich hier mit seinen drei Kühltürmen in ziemlich alle Sichtachsen. Menschen gehen am kurvigen Kai spazieren, mal tritt der Kühlturm 1 in den Vordergrund und verdeckt die beiden anderen, mal sieht man alle drei.

Die Gutachter stellen fest: Ja, klar, da sind viele Risse im Reaktor. Aber das ist alles kein Problem

Gegen Mittag strömen Kinder aus der städtischen Grundschule unweit des Anwesens der Zeugen Jehovas. Charles Moussourakis, ein Vater, nimmt seine Tochter in den Arm. Er arbeitet an den Schleusen an der Maas. In den Achtzigern leistete er am linken Ufer gegenüber dem Kernkraftwerk seinen Militärdienst ab. Seine Gewissheit, dass sie im Maas-Tal in Sicherheit sind, basiert auf folgender Erkenntnis: "Die Armee misst bei uns regelmäßig die Luftqualität. Der Betreiber und die nächstgelegene Gemeinde Huy machen ihre eigenen Messungen. Wir sind der am meisten kontrollierte Ort in Belgien." In einem Nistkasten auf dem Kühlturm 2 brüten jedes Jahr Wanderfalken. Dieser Tage sollen sie wieder kommen.

Die Bevölkerung von Tihange wurde nie gefragt, was sie von einem Atommeiler hält, und sie hat sich nie dagegen gewehrt. Der erste Reaktor ging 1975 in Betrieb. Gegenüber der Einfahrt zum AKW, unweit der Eisdiele "Taratata", wohnt in einem Klinkerhaus Francine Bovy, eine Dame mit würdevoller Kopfhaltung. Im Krieg ackerte sie als Kind auf dem Kornfeld, dort, wo nun die Reaktoren stehen. "Wir wissen nicht, was da drin passiert", sagt sie. "Aber soll ich etwa wegziehen? Das ist das Haus meiner Großeltern."

Die Hauptstraße von Tihange bildet einen Abschnitt der Route Romantique, die das Tourismusamt in Lüttich motorisierten Urlaubern ans Herz legt. Ein gutes Geschäft macht hier seit 20 Jahren Etienne Minette, geboren zwei Jahre vor der ersten Kernspaltung in Tihange. Er verkauft Getränke (eine Weißwein aus der Gegend kostet 15,50 Euro) und Sachen wie Entenpastete. Viele, die bei ihm einkaufen, seien Mitarbeiter des AKW. "Meine Kunden sagen, wir sollen uns keine Sorgen machen. Und wer soll das besser wissen als sie?"

In Aachen meinen sie, es besser zu wissen. Wohlgemerkt: In Aachen - wo im vergangenen November die erste Katastrophenschutzübung stattfand - gab es bis vor wenigen Jahren keine nennenswerte Antiatomkraftbewegung. Tihange wurde erst nach Fukushima zum Thema.

Deutschland beschloss nach Fukushima den Atomausstieg. Belgien beschloss nach Fukushima, die Laufzeit seiner Kernkraftwerke zu verlängern.

Die belgische Atom-Aufsichtsbehörde Fanc wird geleitet von Jan Bens, einem Experten, der Belgiens Atommeiler hervorragend kennt. Er machte, wie auch sein Vorgänger, Karriere bei Electrabel, dem Konzern, der die Atommeiler betreibt. Bens leitete das AKW in Doel. Nach seinem Amtsantritt als oberster Atomkraftkontrolleur Belgiens sagte er einer Zeitung, er halte Windräder für gefährlicher als Atomkraftwerke; das war bereits nach Fukushima. Einer anderen Zeitung vertraute Bens an, er habe während seiner Arbeit in Kasachstan Kuverts mit Schmiergeld verteilt. Diese Aussage kostete ihn beinahe das Amt. Beinahe.

Die Behörde residiert in Brüssel quer gegenüber dem Palais des Beaux-Arts. Für ein Gespräch findet Jan Bens keine Zeit. Dafür nimmt sich ein Sicherheitsexperte der Behörde Zeit, der für Doel 3 und Tihange 2 zuständig ist, die beiden Risse-Reaktoren. Man darf den Namen dieses Experten nicht nennen, das sei üblich so, sagt Behördensprecher Sébastien Berg. Ein Gespräch also mit dem druckreif sprechenden Sébastien Berg und dem jungen Experten, der zu blauen Augen einen Pulli der exakt gleichen Farbe trägt. Er hat im belgischen Löwen eine Doktorarbeit zum Thema Simulation atomarer Katastrophen verteidigt.

Gleich vorweg eine Botschaft an die deutsche Bevölkerung: Es besteht kein Grund zur Sorge. "Wir sind da, um Menschen zu schützen." (Sébastien Berg). "Die technischen Prüfungen sind seit November abgeschlossen. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es nicht die geringsten Zweifel, dass beide Reaktoren sicher sind." (Experte in blauem Pulli).

Die belgische Atomaufsicht hat ein umfangreiches Dossier zum Thema Doel 3 / Tihange 2 veröffentlicht, das die Arbeit eigener Prüfer, aber auch Dutzender externer Wissenschaftler in den vergangenen dreieinhalb Jahren dokumentiert. Ein Urteil von Nuklear- und Materialforschern aus den USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, also von Fachleuten, die definitiv nie für Electrabel gearbeitet haben. Für Laien ist das Dossier naturgemäß schwere Lektüre. Sein Fazit lautet: Die Risse sind schon seit Jahrzehnten da, sie sind nicht gewachsen, und sie lassen keine Radioaktivität durch.

Wie so oft bei Atomstudien gibt es aber andere Fachleute, die anderer Meinung sind. Zum Beispiel die Hamburger Materialforscherin Ilse Tweer, die im Auftrag der Grünen im Europäischen Parlament ein Gutachten des Gutachtens erstellte. Ergebnis: "Die Genehmigung, die beiden Reaktoren wieder in Betrieb zu nehmen, ist unbegreiflich." Dieses Gutachten ihrerseits zu begutachten findet die belgische Atomaufsicht unnötig.

Es ist allerdings so, dass auch fachkundige Beamte in Berlin Fragen haben, fünfzehn an der Zahl. Und bei diesen Fragen aus Deutschland nimmt das Gespräch mit der belgischen Atomaufsicht eine kafkaeske Qualität an, die man sich bei einem EU-Atomgipfel nicht vorstellen möchte.

Die Atomaufsicht in Belgien wird von den Firmen finanziert, auf die sie aufpassen soll

Messieurs, haben Sie die Fragen des deutschen Bundesumweltministeriums beantwortet? Sébastien Berg (zuständig für Kontakte nach außen): "Wir kommunizieren nicht mit deutschen Ministerien. Das wäre nicht korrekt. Wir sind eine politisch unabhängige Behörde. Aber selbstverständlich haben wir die Fragen unserer Kollegen von der deutschen Atomaufsicht beantwortet."

Das klingt nach Haltung. Nur: Das deutsche Bundesumweltministerium ist die deutsche Atomaufsicht. Jedem Land seine Behörde. Das Ministerium in Berlin bestätigt auch auf Nachfrage, die Antworten aus Brüssel seien am 19. Februar eingegangen. Man prüfe sie nun. Wer dann noch wissen möchte, wer Deutschlands oberster Atomaufsichtsbeamter ist, muss in das Organigramm des Umweltministeriums blicken: Es ist der Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit. Offiziell äußert sich der Mann nicht.

Sébastien Berg in Brüssel betont neben der Transparenz seiner Behörde deren Unabhängigkeit. Sie ist in keinem Ministerium angesiedelt; der Innenminister Jan Jambon ist nur politisch für Reaktorsicherheit verantwortlich. Was belgische Atomgegner auf die Palme bringt, ist die Tatsache, dass Jambons zuständiger Referatsleiter früher bei Electrabel und bei der Atomaufsicht tätig war. Finanziert wird die Atomaufsicht durch Zahlungen jener Firmen und Einrichtungen, die Atomtechnik verwenden und deswegen beaufsichtigt werden. Zahnärzte, Krankenhäuser, Hochschulen und eben Electrabel. Dieses Jahr besteht das Budget der belgischen Atomaufsicht zu 77 Prozent aus Zahlungen von Electrabel.

Der Konzern ist eine Tochter des französischen Unternehmens Engie und Belgiens größter Energiedienstleister. Nettogewinn im Jahr 2014: etwas mehr als eine Milliarde Euro. Mehr als die Hälfte des belgischen Stroms kommt aus Atommeilern, also von Electrabel. Aber auch grüne Energie stellt der Konzern her, knapp sechs Prozent des Gesamtmixes, was Electrabel zum größten Produzenten grüner Energie in Belgien macht. Das Unternehmen wirbt mit einem Hund namens Kito, der in mehreren Fernsehspots niedlichen, aber extrem energieaufwendigen Quatsch treibt. Zum Beispiel grillt Kito, sobald er alleine zu Hause ist, Würstchen auf dem Heizkörper, und sein gut gelauntes Herrchen unterbindet die Sauerei aus der Ferne dank des Steuerungssystems "Smart Thermostat Electrabel".

Das Unternehmen arbeitet hinter einer verglasten Fassade fußläufig zum Bahnhof Brüssel-Nord. Einer der Mitarbeiter, die hier für Sicherheit der Reaktoren zuständig sind, heißt Arnaud Meert. Ruhiges, unauffälliges Gesicht, dunkelblauer Anzug. An seiner Seite: Unternehmenssprecherin Anne-Sophie Hugé. Ein Gesicht, das sehr schnell zwischen Lächeln und besorgtem Ernst changieren kann. Klar halten die beiden die firmeneigenen Reaktoren für sicher, zumal nach all den internationalen Kontrollen; die aufwendige Untersuchung von Doel 3 und Tihange 2 sei "eine Weltpremiere" gewesen. Berichtenswert ist eher die Botschaft an die Bevölkerung von Aachen. Arnaud Meert: "Es arbeiten fast 2000 Menschen in Doel und Tihange, das sind Väter und Mütter, Ehefrauen und Ehemänner. Sie sind die Ersten, die keine Risiken akzeptieren, für sich und für andere. Sonst würden sie dort nicht arbeiten."

Anne-Sophie Hugé: "Kernenergie ist umstritten, Debatten sind legitim. Was nicht geht, ist, wenn sich ein Reaktor automatisch herunterfährt oder wenn Mitarbeiter ihn vom Netz nehmen, um ein kleines Leck im nichtnuklearen Bereich zu reparieren, und man damit Menschen Angst einjagt. Wartungsarbeiten gehören zum Alltag einer Industrieanlage." Also Vorfälle wie kürzlich der Brand an einer Schalttafel oder die undichte Heißwasserleitung.

Arnaud Meert appelliert damit an das Bauchgefühl der Aachener, und das ist wohl strategisch keine verkehrte Richtung. Nur wenige Menschen können etwas mit nukleartechnischen Gutachten anfangen, solange es Gegengutachten gibt. Im Zweifelsfall haben belgische Mütter und Väter ein höheres Überzeugungspotenzial.

Anne-Sophie Hugé appelliert hingegen an die Logik, und es stimmt ja auch: Ein Brand außerhalb des Reaktorkerns ist de facto kein nuklearer Störfall.

In Aachen sind sie aber mittlerweile so weit, dass es egal ist, was sachkundige Experten sagen oder belgische Väter und Mütter. Tihange macht nicht mal große Angst, es nervt nur unheimlich. So wie einen eine Abrissbirne nerven würde, unter der man schlafen müsste (und jemand würde einem mitteilen: Das Seil, an dem sie hängt, ist sicher, hier ist das TÜV-Gutachten.) Der Unterschied ist: An Atommeilern verdient jemand auch noch Geld.

Für jeden Monat, in dem die Risse-Reaktoren vom Netz blieben, verbuchte Electrabel nach eigenen Angaben einen Verlust von 40 Millionen Euro, inklusive Ausgaben für die Inspektionen. Bei einem atomaren Unfall in Tihange haftet Electrabel laut Bundesregierung mit maximal 1,2 Milliarden Euro. Im Umkreis von 100 Kilometern um das Kernkraftwerk leben alleine auf deutscher Seite 1,2 Millionen Menschen.

Der Konzern begreift sich trotz allem nicht als Verfechter von Atomkraft. Den Energiemix in Belgien lege ja die Regierung fest, sagt Sprecherin Anne-Sophie Hugé. "Die Regierung hat beschlossen, die Laufzeiten von drei unserer Reaktoren zu verlängern. Unsere Verantwortung ist, und die nehmen wir auch wahr, die Anlagen sorgfältig zu betreiben, en bon père de famille." Wie ein guter Familienvater.

Ist Belgien überhaupt auf den Strom aus den Atommeilern angewiesen? Der Ausfall der beiden Risse-Reaktoren führte zu keinen Engpässen bei der Energieversorgung im Land. Die Europäische Kommission will deswegen wissen, ob die Laufzeitverlängerung nicht vielleicht eine Staatshilfe an Electrabel sei. Die entsprechende Anfrage der Kommission hat die Regierung noch nicht beantwortet.

Seit ihn der Arzt auf Jodtabletten angesprochen hat, sorgt sich Aachens Oberbürgermeister

Was kann ein deutscher Oberbürgermeister in so einer Situation tun? Die Städte-Region Aachen klagt gerade beim obersten Verwaltungsgericht Belgiens gegen den Weiterbetrieb von Tihange 2. Sie hat sich auch einer Klage von Greenpeace gegen die Laufzeitverlängerung von Ti- hange 1 angeschlossen. Oberbürgermeister Marcel Philipp lässt Verkehrskonzepte für den Evakuierungsfall prüfen. Ein ganz großes Thema plötzlich, neben den Flüchtlingen. Der CDU-Politiker Philipp sagt, er habe lange eine "differenziert positive Einstellung" zur Kernenergie gehabt.

Seine jetzige Haltung könnte man als besorgten Optimismus beschreiben. "Ich habe keine Angst vor Tihange", sagt er. "Dass hier alles unbewohnbar wird, ist extrem unwahrscheinlich." Philipp hat eher die Sorge, dass ein Unfall bei den Nachbarn seiner Stadt einen gigantischen wirtschaftlichen Schaden zufügen würde. In Tihange war er noch nie, eine Besichtigung des Kernkraftwerks wurde wegen Terrorwarnungen verschoben.

Wie die meisten Menschen in Aachen macht sich der OB erst seit vergangenem November Sorgen, seit die belgische Atomaufsicht meinte, Tihange sei todsicher. Einige Ärzte, darunter der Arzt seiner Kinder, sagten ihm damals: Wir müssen uns über Jodtabletten unterhalten. "Zu einem Zeitpunkt, als ich noch gar nicht wusste: Was meinen die eigentlich? Es war der direkte Kontakt zwischen Menschen, die man ein bisschen einschätzen kann, wo man sagt: Das ist keine Aktivistengruppe, sondern wir haben es hier mit einem ernst zu nehmenden, breiten Thema zu tun."

Jörg Schellenberg, Gründer des Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomenergie, also einer Aktivistengruppe, macht sich bereits seit dem Sommer 2012 Sorgen. Davor war auch er kein Atomgegner gewesen, aber als in Tihange Risse entdeckt wurden, ein Jahr nach Fukushima, wurde er zu einem. Schellenberg ist IT-Spezialist, 44 Jahre alt, Vater eines elfjährigen Sohnes. Er ist einer der wenigen Menschen in Aachen, die die Gutachten der belgischen Atomaufsicht studiert haben. Er kann aus ihnen zitieren und auf fehlende Unterlagen hinweisen. Ein halbes Jahr bevor OB Philipp sich mit seinem Kinderarzt über Jodtabletten unterhielt, hatte Jörg Schellenberg 60 Fragen zum Thema Katastrophenschutz an die Stadt gerichtet. Welche Behörde übernimmt welche Aufgabe? Ist die Feuerwehr vorbereitet? Wie wird die Bevölkerung alarmiert? Die Antworten erhielt er erst im Dezember.

Jörg Schellenberg ist auch jemand, den es stört, dass die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen den Atommeiler im belgischen Doel weiterhin mit Brennstäben versorgt, mit Genehmigung des Bundesamtes für Strahlenschutz, während Bundesumweltministerin Barbara Hendricks nach Brüssel fährt und dort die Sorgen der Menschen in grenznahen Gebieten erläutert.

Die einst lautstarken belgischen Atomkraftgegner waren nach 2003, als Belgien den Atomausstieg beschloss, kaum mehr zu hören. Nun stehen wieder große Demonstrationen an, organisiert unter anderem von Léo Tubbax, einem Beamten, der in Brüssel arbeitet und in Lüttich wohnt, also sehr nah an Tihange. Sein Aktionsbündnis Nucleaire Stop Kernenergie klagt gerade gegen die beiden Risse-Reaktoren vor einem Gericht in Brüssel. Das Urteil wird diese Woche erwartet. Gewinnt Léo Tubbax, wird Electrabel die Reaktoren abschalten müssen. Der Konzern dürfte in Berufung gehen, aber bis zum endgültigen Urteil blieben die beiden vom Netz.