Atomkraft: Verlängerung der Laufzeiten Nuklearer Leichtsinn

Material ermüdet und Technologien ändern sich: Deshalb ist es fahrlässig, die Laufzeiten für Atomkraftwerke zu verlängern. Es gibt energiepolitisch Wichtigeres zu tun.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller

Ein Kernkraftwerk ist kein Fahrrad. Ein Fahrrad lässt sich flicken, schweißen, beliebig oft überholen; und würde es nicht vorher ausgetauscht oder geklaut - womöglich würde es ewig halten.

Bei Kernkraftwerken liegen die Dinge anders. Es mag sich vieles daran reparieren und modernisieren lassen. Aber seine Struktur bleibt immer gleich: Aus einem alten Siedewasserreaktor wird eben keine moderne Druckwasseranlage. Seine Wände lassen sich nicht mal eben so sehr verdicken, dass es jeden Flugzeugabsturz überlebt. Ein Atomkraftwerk ist nichts für die Ewigkeit, auch wenn mancher in der Union das nicht glauben mag.

Auf Drängen der Unionsfraktion wird die Koalition nun prüfen, ob sich die Laufzeiten der deutschen AKWs auch auf insgesamt 60 Jahre verlängern lassen. Für die Kraftwerke, von denen die ältesten übrigens die meisten Störungen aufweisen, wäre das keine besonders beruhigende Dimension. Material ermüdet, Technologien ändern sich - was die Koalition da treibt, ist nuklearer Leichtsinn.

Vor allem aber verstellt die Debatte den Blick aufs Notwendige. Denn ungeachtet ihrer Laufzeiten wird sich eines nicht ändern: Deutschlands Reaktoren sind Auslaufmodelle.

Neue werden angesichts der Widerstände nicht mehr errichtet werden; zumal es längst bessere Technologien gibt. Aufgabe dieser Koalition wäre es, über die Zeit nach der Kernkraft nachzudenken, die Weichen für eine alternative, klimafreundliche Stromversorgung zu stellen.

Mit immer neuen Plänen für die Atomkraft aber hintertreibt die Koalition diese Aufgabe. Anstatt Konzepte für ein neues Energiesystem auf den Weg zu bringen, gibt sie Garantien für ein altes. Zumindest bis zum ersten ernsten Zwischenfall.