Atomkonflikt mit Iran Moskaus opportunistische Offerte

Das Verhältnis von Russland zum Westen ist frostig. Doch bei den Atomverhandlungen mit Iran spielt Moskau weiter eine konstruktive Rolle. Warum? Keineswegs aus Selbstlosigkeit.

Von Paul-Anton Krüger

Frostig ist das Verhältnis Russlands zum Westen zurzeit; Moskau hat als Reaktion auf die Sanktionen in der Ukraine-Krise in vielen Dingen die Zusammenarbeit eingefroren. Als sich etwa jüngst Diplomaten aus 40 Ländern trafen, um den nächsten Gipfel zur nuklearen Sicherheit vorzubereiten, einer Initiative von US-Präsident Barack Obama, blieben die Emissäre von Wladimir Putin wortlos fern. Bei den Atomverhandlungen mit Iran allerdings, das werden westliche Diplomaten nicht müde zu betonen, spielt Russland nach wie vor eine konstruktive Rolle.

Das Angebot aus Moskau, iranisches Uran nach Russland zu exportieren und dort zu Brennelementen weiterzuverarbeiten, könnte sich am Ende als wichtiges Element erweisen. Dann nämlich, wenn sich US-Außenminister John Kerry sowie seine Kollegen aus den UN-Vetomächten und Deutschland an diesem Montag in Wien mit ihrem iranischen Gegenpart Mohammad Dschawad Sarif doch noch auf ein Abkommen einigen, das den seit mehr als einem Jahrzehnt dauernden Atomstreit endgültig beilegt. Einer der Hauptstreitpunkte ist die Urananreicherung in Iran. Moskaus Offerte würde es dem Land erlauben, eine größere, noch unbekannte Zahl Zentrifugen zu behalten - eine Zahl, um die Teheran und Washington noch heftig ringen.

Vielschichtige Beziehungen voller Widersprüche

Die Beziehungen Russlands mit Iran sind vielschichtig und nicht frei von Widersprüchen - beide Seiten folgen eher pragmatisch ihren Interessen. Wo sie sich decken, etwa in Syrien oder beim Bau des ersten und einzigen Atomkraftwerks im iranischen Buschir, arbeitet man gedeihlich zusammen. Moskau hat aber kein Problem, Projekte zu annullieren, wenn es politisch opportun erscheint. Sehr zum Ärger des Regimes blockierte etwa Putins Vorgänger Dmitrij Medwedjew per Dekret trotz eines gültigen Vertrags und einer Anzahlung die Lieferung moderner Luftabwehrsysteme vom Typ S-300.

Auch die Uran-Offerte ist nicht reiner Selbstlosigkeit geschuldet: Die Staatsfirma Rosatom hat mit der iranischen Atomenergieorganisation vereinbart, bis zu acht weitere Meiler zu bauen. Attraktiv ist das für Moskau vor allem, wenn Iran dazu auch den Brennstoff für die Lebensdauer der Kraftwerke kauft. Russland hat seit Ende des Kalten Kriegs überschüssige Kapazitäten zur Urananreicherung - die mit dem Export ausgelastet werden sollen. So kommen Moskau Beschränkungen für Iran hier nicht ungelegen. Die offizielle Nuklearmacht Russland will zudem weder den Atomwaffensperrvertrag unterminiert sehen, noch dass in der Nachbarschaft eine Regionalmacht heranwächst, die ebenfalls die Bombe besitzt.

In Moskau wird es aber niemandem schlaflose Nächte bereiten, sollte in Wien eine weitere Verlängerung herauskommen - was am Sonntag für gut möglich gehalten wurde. Die Sanktionen des Westens gegen Iran machen Russland für Teheran zum attraktiven Handelspartner. Fallen sie, werden die von vielen Iranern favorisierten Europäer schnell zurück sein im Golfstaat, der dann ja die eingefrorenen Milliarden wieder investieren könnte. Auch dürfte Moskau nicht sehr angetan sein, dass der Erdölproduzent Iran mit der vollen Kapazität auf die Weltmärkte zurückkehrt: Der Preis ist ohnehin schon im Keller.