Atomausstieg Wieder Widerstand

Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) verkündet am Montag im Maschinenraum des Atomkraftwerks Neckarwestheim Journalisten und Besuchern: der Abriss beginnt.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Jetzt werden nach und nach die Atomkraftwerke abgebaut, und die Kernkraftgegner sind immer noch nicht zufrieden. Warum das so ist, zeigt das Beispiel Neckarwestheim, wo am Montag der Abriss begann.

Von Josef Kelnberger, Stuttgart

Franz Untersteller schraubte nur einen Bolzen von einem Dampfrohr, aber er fühlte sich dabei, als würde er am Rad der Geschichte drehen. Der Moment, in dem er am Montag symbolisch den Abriss des Kernkraftwerks Neckarwestheim 1 einleitete, sei "etwas ganz Besonderes und auch Berührendes", sagte er. Über Jahrzehnte hinweg hat Untersteller, 60, sich mit Energiepolitik beschäftigt und gegen die Atomkraft gekämpft. Als Berater der grünen Fraktion im baden-württembergischen Landtag fand er Ende der Achtzigerjahre heraus, dass das Kraftwerk in Obrigheim ohne Dauerbetriebsgenehmigung lief - es musste danach vorübergehend vom Netz genommen werden. Seit fünf Jahren trägt Untersteller als Umweltminister die Verantwortung für die Energiewende. Neckarwestheim ist das erste Kraftwerk, das in Baden-Württemberg als Folge des Atomausstiegsbeschlusses von 2011 verschrottet wird. Er spüre nicht Genugtuung, sagte Untersteller am Montag, sondern Dankbarkeit.

EnBW zahlt keine Gewerbesteuer mehr. "Die Zeiten werden härter", sagt Bürgermeister Winkler

Die Kernkraft, die einst die Hälfte des Stroms in Baden-Württemberg lieferte, ist im Südwesten ein höchst emotional besetztes Thema. Die Südwest-CDU machte 2011 zunächst besonders heftig Front gegen den Ausstiegsbeschluss. Der Protest gegen die Kernenergie, vor allem gegen den geplanten Bau eines Meilers in Wyhl, zählt wiederum zu den Gründungsmythen der Grünen. Ähnlich heftig wie der Kampf gegen die Kraftwerke geführt wurde, wird er nun manchmal gegen deren Verschrottung geführt. Bei manchen Atomgegnern weckte der historische Moment am Montag nicht Dankbarkeit, sondern Zorn.

Franz Untersteller muss sich, kuriose Wendung der Geschichte, den Vorwurf gefallen lassen, er nehme Strahlenbelastung der Bürger billigend in Kauf, übergehe Bürgerproteste, um die Kosten des Abrisses für den landeseigenen Energiekonzern EnBW in Grenzen zu halten. In Neckarwestheim protestierte am Montag eine Abordnung der Arbeitsgemeinschaft "Atomerbe Neckarwestheim" vor den Kraftwerkstoren. Ihre Forderung: Der Abriss müsse über einen viel längeren Zeitraum als die geplanten 15 Jahre gestreckt werden. Auch das gesamte leicht radioaktive Material müsse am Standort gelagert werden.

Die Energiewende ist für Deutschland ein teures Projekt. Auf rund 19 Milliarden Euro werden allein die Kosten für die Demontage des kompletten Kernkraftwerkparks geschätzt. 17 Mal muss jeweils fast eine halbe Million Tonnen Stahl und Beton zerlegt, dekontaminiert und entsorgt werden. Überall im Land gibt es die Bedenken, der Abriss werde, um die Energiekonzerne zu schonen, so billig wie möglich vollzogen. Franz Untersteller versicherte in Neckarwestheim, es werde in Sicherheitsfragen keine Kompromisse geben. "Atomkraft ist auch in der Abwicklung eine hoch gefährliche Risikotechnologie, dessen sind wir uns bewusst, und die EnBW ist es auch." Hans-Josef Zimmer, Technik-Vorstand von EnBW, plädierte für einen zügigen Abriss: "Ein Hinauszögern des Rückbaus auf viele Jahrzehnte passt nicht zum gesellschaftlichen Willen zum Ausstieg aus der Atomenergie. Wir finden, das muss in einer Generation erledigt werden."

Franz Untersteller ist Widerstand gegen seine Politik der Energiewende gewohnt. Vor allem mit dem Kampf für den Ausbau der Windenergie hat er sich viele Feinde gemacht. Das Spektrum der Skeptiker reicht von Naturschützern bis hin zum Koalitionspartner CDU. Wie zukunftsfähig die Energieversorgung Baden-Württembergs ohne Atomstrom ist, wird man spätestens im Jahr 2019 kritisch prüfen, dann soll das Kernkraftwerk Philippsburg 2 vom Netz gehen. Der Block 2 in Neckarwestheim darf noch bis zum Jahr 2022 Strom produzieren und wird wohl der letzte Meiler in Baden-Württemberg sein, der abgeschaltet wird.

Fünf Kernkraftwerke wurden in Baden-Württemberg gebaut. In Obrigheim, rund 50 Kilometer entfernt von Neckarwestheim, läuft der Abriss seit knapp zehn Jahren. Die Genehmigung für den Abriss von Block 1 in Philippsburg, der 2011 vom Netz ging, soll demnächst erteilt werden. In diesen Tagen ist allerdings die Vision von einer atomstromfreien Energieversorgung in Baden-Württemberg bereits Wirklichkeit. Denn im zweiten Block in Neckarwestheim werden die Brennelemente ausgetauscht, und im Block 2 in Philippsburg sind Reparaturarbeiten in Gang. Engpässe seien angesichts der geringen Nachfrage nach Strom rund um Ostern nicht zu erwarten, teilt EnBW mit.

Jochen Winkler, parteiloser Bürgermeister der Gemeinde Neckarwestheim mit ihren 3800 Einwohnern, verfolgte die Zeremonie am Montag mit gemischten Gefühlen. Einerseits hält er den Ausstiegsbeschluss grundsätzlich für richtig, andererseits belastet er den im Landkreis Heilbronn gelegenen Ort auch. Seit Mitte der Siebzigerjahre erhielt Neckarwestheim beträchtliche Gewerbesteuerzahlungen von EnBW, nun zahlt der Konzern nichts mehr, denn er schreibt hohe Verluste. "Die Zeiten werden härter", sagt Winkler. Die Grundsteuer ließ er bereits erhöhen.

Häufig hört Winkler den Vorwurf, Neckarwestheim habe derart von der Kernenergie profitiert - da könne der Ort doch den verstrahlten Müll behalten. Neckarwestheim dürfe mit dem strahlenden Erbe nicht alleingelassen werden, findet der Bürgermeister. Auf dem Areal von Neckarwestheim 1 befindet sich ein Zwischenlager für ausgemusterte Brennelemente. Demnächst soll hoch radioaktiver Müll aus Obrigheim per Schiff über den Neckar angeliefert werden. Neckarwestheim sei "gefühlt ein Endlager", sagt Jochen Winkler. Das Zeitalter der Kernkraft ist in seinem Ort noch lange nicht vorüber.