Atomausstieg in Deutschland Die notwendige Wende

Industriekonzerne kritisieren die Entscheidung der schwarz-gelben Regierung für einen Atomausstieg. Dabei ist es Zeit, das Ende der Kernkraft als Chance zu begreifen, und nicht als Verlust. Der Ausstieg bietet enorme Möglichkeiten, wenn er als Umstieg verstanden wird - als Einstieg in das potentiell auch ökonomisch lohnende Solarzeitalter.

Ein Kommentar von Patrick Illinger

Die Reaktion war erwartbar: Die Chefs der deutschen Industriekonzerne, insbesondere der Stromversorger, nörgeln an der Entscheidung der schwarz-gelben Koalition für einen beschleunigten Atomausstieg herum wie Kinder, die nicht auf einen Wandertag mitgehen wollen. Das haben sie schon vor dem Beschluss getan, und das werden sie wohl noch eine Weile lang tun. So lange, bis auch die mit Quartalszahlen sozialisierten Firmenlenker begreifen, welch riesige Chancen sich in einer Welt bieten, in der man als first mover auf regenerative Energie gesetzt hat und deshalb bei der zugrundeliegenden Technologie der Marktführer ist.

Bloß keine Veränderung - das ist nicht nur ein urmenschlicher Instinkt, es ist auch die Haltung der seit Jahren von bequemen Energiepreisen verwöhnten deutschen Industrie. Die sich über Jahre akkumulierenden Risiken werden dabei gerne verdrängt. Schon ist sie wieder zu hören, die unsägliche Phrase vom "bezahlbaren Strom", als habe die Politik für unbezahlbaren Strom votiert. Und wenn die Chefs von Autokonzernen plötzlich mit der Klimafreundlichkeit der Kernkraft argumentieren, dann steigt ein übler Geruch von Heuchelei auf, gemessen daran, wie die gleichen Firmen einst Katalysatoren verhinderten und die ersten Hybridfahrzeuge aus Japan verspotteten.

Es stimmt schon: Viel Emotion war im Spiel in den Wochen nach dem Unglück von Fukushima - Emotion, die über Nacht manchen Kernkraftfreund auf befremdliche Weise zum Ausstiegsfanatiker werden ließ. Dabei ist Angst, und auch das Kalkül mit der Angst anderer, bekanntermaßen kein guter Ratgeber. Zumal wenn es um die Zukunft der viertgrößten Industrienation der Welt geht. Doch manchmal kann auch ein Bauchgefühl den richtigen Weg weisen. Gegen die Kernkraft sprach schon vor Fukushima viel mehr als nur die Sorge vor einem GAU. Die Frage der Endlagerung radioaktiven Mülls ist ungeklärt wie eh und je, und weil zivile Nukleartechnik jederzeit auch waffentaugliches Spaltmaterial liefern kann, sollte sich kein Kernkraftbefürworter über Atomarsenale in Pakistan, Iran und künftig vielleicht auch in Syrien oder Venezuela wundern.

Nach dem - vergleichsweise - klaren Koalitionsbeschluss vom Wochenende ist es Zeit, das Ende der Kernkraft in Deutschland als Chance zu begreifen, und nicht nur als Verlust, als Gift für die Industrie oder als bizarren Alleingang inmitten einer von Atomreaktoren befeuerten Weltwirtschaft. Der Ausstieg bietet enorme Chancen, wenn er als Umstieg verstanden wird, ja als Einstieg in das potentiell auch ökonomisch lohnende Solarzeitalter. Wenn es richtig angepackt wird, bildet Deutschland die Avantgarde bei einer Wende, die jede Nation der Erde aufgrund der Beschränktheit dieses Planeten irgendwann vollziehen muss. Eine Wende, die am Ende nicht nur Schluss macht mit deutschen Atommeilern, sondern überhaupt mit rohstoff-verbrauchender Energie.

Angesichts der Größe der Aufgabe wirkt es fast lächerlich, wenn Politiker nun darüber zanken, ob drei der Kernkraftwerke womöglich bis 2022 statt bis 2021 laufen dürfen. Und ob vielleicht ein Meiler als "kalte Reserve" erhalten bleiben soll (wobei unklar ist, wie das funktionieren könnte).

Offen gesagt: Das exakte Ausstiegsdatum ist weniger wichtig als die begleitenden, viel größeren Aufgaben. Deutschland muss den eigenen Energieverbrauch nun effizienter gestalten und den bereits stattlichen Anteil regenerativer Energie weiter erhöhen. Dabei geht es keineswegs um erzwungenen Verzicht oder grüne Wollpullover-Ideologie, sondern um moderne Hochtechnologie.