Asylbewerber Einer muss zurück

Fällt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf einen falschen Syrer herein, ist die Kritik groß. Und bei fragwürdigen Entscheidungen gegen Verfolgte? Die Geschichte von Ali Amiri.

Von Bernd Kastner

Ali Amiri zieht, noch ehe er anfängt zu erzählen, den Ausschnitt seines T-Shirts nach unten. Er dehnt ihn, bis die linke Brust zu sehen ist. Eine Narbe zieht sich bis unter die Achsel, 25 Zentimeter lang, es waren die Taliban, sagt er. Seine Geschichte hat Amiri auch dem Mann vom Bundesamt erzählt, das für Migration und Flüchtlinge zuständig ist. Über das Bamf schimpfen und spotten gerade alle, weil es einem deutschen Offizier, der sich als Flüchtling ausgab, Schutz gewährte. Ali Amiri ist Afghane, und ihn will das Bamf zurückschicken in das Land, in dem die Taliban ihn misshandelt und seiner Schwester einen Finger abgeschnitten haben. Wenn das Bamf auf einen falschen Syrer hereinfällt, empört sich Deutschland. Was aber passiert bei fragwürdigen Entscheidungen zuungunsten der Flüchtlinge?

Vier Kinder haben die Amiris, eine Tochter, drei Söhne, Ali ist der älteste. Sie heißen in Wahrheit anders, aber weil noch Angehörige in Afghanistan leben, hat die SZ zum Schutz den Namen geändert. Anfang 20 ist Ali Amiri, er sitzt unterm Dach im Büro von Markus Geisel. Der arbeitet als Sozialberater in Landshuts größtem Asylheim, das früher eine Kaserne war. Geisel kümmert sich um die Familie Amiri, soweit das möglich ist bei gut 400 Bewohnern. Sie seien, sagt Ali Amiri, nicht wegen des Geldes nach Deutschland gekommen, sie hatten ja alles, ein Haus, eine Kfz-Werkstatt. Nur Sicherheit, die hatten sie nicht. Selten, sagt Geisel, sei die Absurdität einer Bamf-Entscheidung so offensichtlich wie bei den Amiris.

Alis Schwester wird 2011 in Kandahar auf dem Weg in die Schule entführt, da ist sie acht Jahre alt. Die Entführer geben der Familie zwei Tage Zeit, 30 000 Dollar Lösegeld aufzutreiben. Das gelingt dem Vater nicht. Am dritten Tag finden sie vor der Tür eine Tüte, darin der Ringfinger der linken Hand des Kindes. Die Entführer verlängern die Frist um einen Tag und drohen, das Mädchen zu töten. Daraufhin verkauft der Vater das Haus der Familie, die Tochter überlebt.

Nach einer Kurz-Schulung werden den Mitarbeitern des Bamf Schicksale anvertraut - so wie jenes von Ali Amiri.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Später im Jahr kommen drei Taliban in die Kfz-Werkstatt, wo Ali als Karosseriebauer arbeitet. Sie verlangen, dass er sich ihnen anschließe und eine Bombe in ein Auto einbaue. Ali Amiri sagt Nein, sein Vater sagt Nein. Zwei Wochen später kommen sie wieder. Es ist Nacht, ein Taliban bleibt vor der Tür stehen, drei dringen ins Haus ein. Mit einem Bajonett verletzen sie zunächst den Vater, dann nehmen sie sich seinen Ältesten vor. Sie schlagen zu, stechen zu, kündigen an, ihm den Kopf abzuschneiden. Da kommt der Großvater, einen Koran in der Hand, und verspricht: Wenn ihr den Jungen freilasst, wird er sich euch anschließen. Wenig später flieht die Familie.

Stimmt es, was Ali Amiri berichtet? Man kann es nicht überprüfen, aber alles spricht dafür, dass er die Wahrheit sagt. Da sind die Narben an seinem Körper, die lange an der Brust, weitere an Schulter, Arm und Hand. Da ist der abgetrennte Finger seiner Schwester, er hat dem Bamf Fotos vorgelegt. Drei Familienmitglieder wurden angehört, ihre Berichte sind stimmig, das Amt glaubt der Familie. Und trotzdem.

Jahrelang sind die Amiris auf der Flucht, leben in der Türkei, irgendwann wagen sie die Überfahrt nach Griechenland. Das Boot kentert, es dauert fünf, sechs Stunden, bis man sie rettet und in die Türkei zurückbringt. Die Tante und ihr Sohn sterben. Ali Amiri erreicht Deutschland 2014. Es dauert zweieinhalb Jahre, bis dieses Deutschland wissen will, warum er geflohen ist.

"Was befürchten Sie bei einer Rückkehr nach Afghanistan?", hat der Anhörer gefragt. "Sie würden mich wieder finden und dann meinen Kopf abschneiden. Letztes Mal hatte ich Glück. Nächstes Mal werden sie mich auf keinen Fall freilassen."

Warum hast du so entschieden? Ali Amiri ist so aufgewühlt, dass er Deutschland duzt

Amiri ist seit zwei Jahren in Therapie bei Refugio in München, einem Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer. Er stockt jetzt im Erzählen, kämpft gegen die inneren Bilder. "Die Taliban machen keinen Spaß." Jetzt müssen die Therapeuten auch die Wunden behandeln, die der Brief aus dem Bamf gerissen hat. Dabei war Amiri so optimistisch, Deutschland hat ja seine Eltern und seine Geschwister aufgenommen. Subsidiärer Schutz wurde ihnen zugebilligt, wie ihn auch viele Syrer erhalten; das ist kein Flüchtlingsstatus, aber immerhin, sie dürfen bleiben. Zunächst erhielt der zweitälteste Amiri-Sohn, er ist auch volljährig, den positiven Bescheid: "Der Antragsteller trug im Wesentlichen vor, aus Furcht vor den Taliban (. . .) geflohen zu sein", steht da. Es sei "davon auszugehen, dass dem Antragsteller in seinem Herkunftsland ein ernsthafter Schaden (. . .) droht." Der Anhörer hatte kritisch nachgefragt. Auch der Vater darf bleiben. Er ist psychisch sehr krank, es war alles zu viel für ihn. In der Bamf-Begründung, warum die Mutter und ihre zwei jüngeren Kinder bleiben dürfen, ist von "Folter" die Rede und einer "erhebliche(n) Verletzung der grundlegenden Menschenrechte". Und dass die Familie keine Fluchtmöglichkeiten innerhalb Afghanistans habe, die Taliban seien zu mächtig, ihnen seien "auch die staatlichen Behörden (Polizei etc.) in der Regel schutzlos ausgeliefert".

39 Prozent

der Deutschen finden, dass abgelehnte Asylbewerber in jedem Fall abgeschoben gehören, so eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland. Davon sind aber 53 Prozent für eine Duldung, wenn dadurch eine Familie zusammen bleibt. Und 72 Prozent finden, es sollte bleiben, wer sich eine Existenz in Deutschland aufgebaut hat.

"Möchten Sie etwas hinzufügen", hat der Interviewer Ali Amiri abschließend gefragt, es war im Oktober 2016: "Ich wollte mich bei Deutschland herzlich bedanken."

Amiri spricht gut Deutsch, er arbeitet als Lagerist in einer Großbäckerei. Als ihn im März die Mutter auf der Arbeit anruft, weil ein Brief gekommen ist, bittet ihr Sohn, die erste Seite zu fotografieren und ihm aufs Handy zu schicken. Er will sich sofort freuen. Doch unterm Bundesadler steht: Der Antragsteller hat innerhalb von 30 Tagen Deutschland freiwillig zu verlassen, sonst wird er abgeschoben. "Warum hast du diese Entscheidung getroffen?", fragt Ali Amiri jetzt im Büro des Asylberaters. Er ist so aufgewühlt, dass er Deutschland duzt.

Landauf, landab beklagen Asylanwälte, professionelle und ehrenamtliche Unterstützer die Qualität der Bamf-Entscheidungen. Von formalen Fehlern berichten sie; von falsch notierten Herkunftsorten und wichtigen Fluchtdetails, die im Protokoll fehlen; von schlecht Deutsch sprechenden Dolmetschern und von solchen, die Aussagen des Flüchtlings kommentieren, obwohl sie neutral sein müssten. Das Bamf steht unter enormem politischem Druck. Deshalb wurden auf die Schnelle unzählige Mitarbeiter neu eingestellt oder von anderen Behörden ausgeliehen, nach einer Kurz-Schulung werden ihnen Schicksale anvertraut. Damit es noch schneller geht, sind Anhörer und Entscheider oft nicht mehr identisch: Der Entscheider entscheidet über einen Menschen, den er nie gesehen hat. Wie Herr H. im Fall Ali Amiri.

Das Bundesinnenministerium hat das Bamf nach dem Offiziers-Skandal an die Kandare genommen. Wegen des mutmaßlich rechtsextremen Fake-Flüchtlings überprüfen sie jetzt 2000 positive Bescheide zugunsten von Syrern und Afghanen. Vielleicht sollten sie sich auch ablehnende nochmals anschauen. Asyl-Bescheide bestehen weitgehend aus Text-Bausteinen, und natürlich wissen die Bamf-Leute, dass die Politik afghanische Flüchtlinge loshaben will. Auf 13 Seiten erklärt Herr H., der Entscheider, warum Amiri ausreisen müsse - für die Fluchtgründe hat Herr H. gerade mal neun Zeilen übrig. Den abgeschnittenen Finger erwähnt er gar nicht, nur, dass das Kind "entführt" und "malträtiert" wurde. Das Bajonett, mit dem Amiri verletzt wurde, kommt auch nicht vor. Amiri könne sich in einer anderen afghanischen Region niederlassen. Nicht einmal die Abschiebung wird untersagt: "Es droht dem Antragsteller auch keine individuelle Gefahr für Leib und Leben". Finger, Folter, Kopf-ab-Drohung - war was?

Alis Schwester, 14, will ihn nicht alleine nach Afghanistan gehen lassen. Sie komme mit

Auch die von Pro Asyl und anderen Menschenrechtsgruppen immer wieder beklagte Schlamperei ist zu besichtigen: Im Bescheid für die Mutter sind Geburtsdaten vermerkt, wonach die jüngsten Kinder im Abstand von nicht mal sechs Monaten geboren wären. Die Mutter moniert das - es wird ignoriert. Herr H. stützt sich auf amtliche Berichte zu Afghanistan, die alles andere als aktuell sind, obwohl sich die Lage ständig ändert: Der "Fortschrittsbericht Afghanistan" ist fast zweieinhalb Jahre alt; Berichte des Auswärtigen Amtes - mal 16 Monate, mal vier Jahre alt; eine Internetseite - ein Jahr vor der Entscheidung aufgerufen. Fragt man beim Bamf nach, erfährt man nichts zum Fall Ali Amiri, aus Datenschutzgründen. Der generellen Kritik versucht man mit Verweis auf das interne Qualitätsmanagement und die verbesserte Dolmetscherkontrolle zu begegnen. Zudem wird die große Aufgabe betont, mit der sich das Amt konfrontiert sieht: fast 700 000 Entscheidungen 2016, von Januar bis April 2017 schon 285 000.

Amiri hat Klage eingereicht, bis zum Urteil werden Monate vergehen, Monate der Angst. Alis Schwester, sie ist jetzt 14, weint viel, erzählt der Bruder. Alles Lernen in der Schule habe keinen Sinn mehr, sie lasse ihren Bruder nicht alleine nach Afghanistan gehen, sie komme mit. Und dann ist da noch ihre linke Hand, wie soll sie je vergessen, was man ihr angetan hat. Alle Mitglieder der Familie erhalten Schutz in Deutschland, nur ihr Bruder nicht, eines der beiden Hauptopfer. Das Land, das mit eigenen Soldaten die Taliban zurückzudrängen versucht, bestraft ausgerechnet ihren Bruder, der getan hat, was Deutschland wünscht. Er hat sich den Terroristen verweigert.