Apec-Gipfel Vietnam sucht die Nähe der USA

U.S. Präsident Donald Trump wird von seinem vietnamesischen Amtskollegen Tran Dai Quang und dessen Frau Nguyen Thi Hien zum Apec-Gipfel begrüßt.

(Foto: REUTERS)
  • Mehrere asiatische Länder sind enttäuscht über Trumps Kündigung des Freihandelsabkommens TTP.
  • Auch Vietnam, Gastgeber des Apec Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft, hatte sich viel von dem Abkommen erhofft.
  • Dennoch sucht Vietnam die Nähe zu den USA. Zu groß ist die Sorge vor dem mächtigen Nachbarn China.
Von Arne Perras, Singapur

Für den Gastgeber ist das alles nicht leicht zu verkraften. Vietnam zählt zu jenen Ländern, die sich viel erwartet hatten vom Freihandelsabkommen TPP. US-Präsident Barack Obama trieb die Transpazifische Partnerschaft einst voran, sie war der Kern seiner strategischen Vision im Pazifik. Sein Nachfolger Donald Trump aber hat sie mit Getöse zerstört, was nahezu zwei Drittel der Vietnamesen nicht gut fanden, wie eine Studie des "Pew Research Center" ergab. Gleichwohl ist kein Lamento aus Hanoi zu vernehmen, das ist nicht der Stil das Regimes im sozialistischen Einparteienstaat.

Zunächst einmal hat Vietnam alles getan, um als Gastgeber des Gipfels für die Pazifik-Anrainer (Apec) zu glänzen. Die Überschwemmungen und das Wüten des tödlichen Taifuns im Vorfeld machten es dem Land schwer. Doch ganz umsonst waren die Anstrengungen nicht, die schillernde Küstenstadt war für kurze Zeit Vietnams Fenster in die Welt. Da Nang präsentierte sich trotz des Desasters als weltoffen, modern, dynamisch.

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Donald Trump schüttelte Wladimir Putin die Hand, entgegen den Erwartungen gab es zunächst aber kein längeres bilaterales Treffen in Da Nang.

Natürlich mangelte es an diesem Ort nicht an Symbolik. 1965 waren die ersten US-Kampfeinheiten am Strand von Da Nang gelandet, ganz in der Nähe lagerte einst das toxische Entlaubungsmittel Agent Orange, an dessen Verwüstungen die Nachkommen der Kriegsgeneration noch immer leiden. Agent Orange aber war am Freitag beim Apec-Gipfel kein Thema, stattdessen ging es um den Welthandel und die Frage, wie viel Gewicht Trumps Amerika noch hat in diesem Teil der Welt. Da Nang bot die Bühne für ebenso bemerkenswerte wie verwirrende Reden, in denen der amerikanische Präsident zunächst seine Entschlossenheit bekundete, die US-Handelspolitik in Asien radikal neu zu justieren, während Chinas Präsident kurz danach Offenheit, Balance und Multilateralismus in der Weltwirtschaft beschwor.

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Der Besuch des US-Präsidenten in China hat die Debatte über Zonen des Einflusses in Asien wiederbelebt. Chinas Präsident Xi Jinping sagte etwa, der Pazifik biete "Platz für beide Staaten". Donald Trump betonte, er sehe keine "Satelliten" in der Region. Einflusszonen oder Interessensphären sind alte Bekannte in der Geopolitik, sie existieren, seit Imperien oder Staaten miteinander rivalisieren und um Einfluss und ihre Sicherheit besorgt sind. Das Römische Reich unterschied zwischen dem Kernland und den Provinzen, die das Zentrum sichern halfen. Das Byzantinische Reich durchlebte in seiner mehr als tausendjährigen Geschichte alle denkbaren Besitzformen, die Interessen und Einfluss der Herrscher spiegelten. Mit der modernen Staatenbildung ließ das Geschäft um Macht und Einfluss nicht nach und erreichte während des Kalten Krieges einen Höhepunkt, als sich unter den Großmächten USA und Sowjetunion die Welt in zwei Blöcke teilte. Die meisten Staaten fügten sich mehr oder weniger der Logik dieser Teilung. Die USA waren es auch, die bereits im 19. Jahrhundert durch die Monroe-Doktrin ihren "Hinterhof" Lateinamerika zum Einflussgebiet erklärten. Dauerhafte Bindung garantieren diese Einflusszonen nur, wenn tatsächlich gemeinsame Interessen vorliegen und auch bedient werden. Stefan Kornelius

Damit hat Apec vermutlich die allgemeine Verwirrung noch gesteigert anstatt für Klarheit der Verhältnisse zu sorgen.

Der Frust über das Platzen des Abkommens TPP blieb am Rande des Treffens nicht verborgen. Der Chef der vietnamesischen Industrie- und Handelskammer, Vu Tien Loc, sprach ungeschminkt von der Enttäuschung über den amerikanischen Rückzug. Vietnam müsse nun Verbindungen mit anderen Nationen enger knüpfen. Und er ließ erkennen, dass dazu auch Wirtschaftsbeziehungen zu China gehören. Vielen Vietnamesen ist eine wachsende Nähe zum Nachbarn im Norden allerdings alles andere als geheuer. Sie begegnen Peking mit Misstrauen,befürchten, dass sie unter einer wachsenden Dominanz Chinas leiden werden, so wie sie es in ihrer konfliktreichen Geschichte oft erlebt haben. So wollte Hanoi Obamas TPP eigentlich als Gegengewicht nutzen, die strategische Komponente im Abkommen war aus Sicht der Vietnamesen besonders wertvoll.

Mit Trump musste sich Hanoi neu arrangieren, um strategische Interessen zu sichern. Als Premierminister Nguyen Xuan Phuc im Mai Washington besuchte, war das ein Anfang, um den Handel auch ohne TPP anzuschieben. Und wenn Trump am Samstag aus Da Nang zu Gesprächen nach Hanoi fliegt, dürfte es die vietnamesische Führung auch interessieren, wie es um weitere Militärhilfe steht. Im Frühjahr lieferte Washington sechs neue Patrouillenboote und ein Schiff der Küstenwache nach Vietnam. Doch bleibt es für Hanoi schwierig, Trumps widersprüchliche Rhetorik zu deuten. China hatte er im Wahlkampf noch als Feind gegeißelt, nun bezeichnet er Präsident Xi aber als einen Freund.

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Manche Unternehmer in Vietnam glauben, ihr Land könne aus der Rivalität zwischen Peking und Washington ökonomische Vorteile ziehen, weil beide Großmächte etwas bieten müssten. Doch militärische Erwägungen treiben die Führung des Landes eher den USA in die Arme, was zunächst verblüffen mag, nachdem die Nordvietnamesen einen so verlustreichen Krieg gegen die Amerikaner geführt haben. Die Angst vor einem übermächtigen China allerdings ist viel älter und wird durch den ungelösten Konflikt um Inseln im Südchinesischen Meer stark befeuert.

Offen blieb zunächst, ob US-Präsident Trump auch die Menschrechtslage offen ansprechen wird. Dissidenten werden in Vietnam noch immer verfolgt. Zwar gab es lange mehr Luft für Kritiker als im benachbarten China. Doch seit Anfang des Jahres ist zu beobachten, dass die kommunistische Partei Vietnams wieder strenger durchgreift und wachsamer ist. Ökonomisch hat sich das Land längst geöffnet, aber die Partei lässt an ihrer Macht nicht rütteln.

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