Armutsbericht 2011 Das Ruhrgebiet ist Deutschlands neues Armenhaus

Mit Sorge blickt der Paritätische Wohlfahrtsverband auf das Ruhrgebiet. In seinem Armutsbericht nennt er das Revier "die Problemzone Nummer eins" und schließt soziale Unruhen nicht aus: "Wenn dieser Kessel mit fünf Millionen Menschen einmal zu kochen anfängt, dürfte es schwer fallen, ihn wieder abzukühlen."

Von Thomas Öchsner

Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs geht die Armut in Deutschland nicht zurück. Etwa 12 Millionen Menschen haben weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens und gelten damit als armutsgefährdet. Das entspricht etwa jedem siebten Bürger. Dies geht aus dem Armutsbericht 2011 hervor, den der Paritätische Wohlfahrtsverband in Berlin vorstellte. Besonders schlecht sieht es danach im Ruhrgebiet aus. Es habe sich zum "Problemgebiet Nummer eins in Deutschland" entwickelt, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Ulrich Schneider.

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Nordrhein-Westfalen weist laut der Studie neben Berlin von allen 16 Bundesländern den negativsten Trend auf. Dort stieg die Quote der von Armut gefährdeten Menschen zwischen 2006 und 2010 von 13,9 auf 15,4 Prozent. Die Zahlen im Ruhrgebiet, dem größten Ballungsraum Deutschlands, hält Schneider für besorgniserregend. So sei in Städten wie Dortmund, Duisburg oder Gelsenkirchen die Quote auf mehr als 20 Prozent gestiegen. "Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels", sagte er. Der Verbandschef hält es sogar für möglich, dass dort soziale Unruhen wie etwa in London ausbrechen, wenn die Menschen dort weiter keine Perspektive hätten und "aus Hoffnungslosigkeit die soziale Kontrolle verlieren". Schneider sagte: "Wenn dieser Kessel mit fünf Millionen Menschen einmal zu kochen anfängt, dürfte es schwer fallen, ihn wieder abzukühlen." Er warnte davor, "diese Region kaputtzusparen".

In seiner Studie orientiert sich der Gesamtverband an der Definition von Armut, die in der EU üblich ist. 2010 lag demnach die Grenze zur Armut für einen Single-Haushalt bei 826 Euro monatlich, für Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1735 Euro. In der EU wird von "strenger Armut" gesprochen, wenn sich das verfügbare Einkommen auf unter 40 Prozent des Durchschnittseinkommens beläuft. Bei weniger als 50 Prozent geht man von Armut aus, die 60 Prozent gelten als Schwelle zur "Armutsgefährdung".

Mecklenburg-Vorpommern ist Schlusslicht

Der neue Bericht analysiert die regionale Entwicklung der Armut in den vergangenen sechs Jahren. Dabei kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Deutschland mehr und mehr ein "armutspolitischer Flickenteppich" sei. Ein "sauberer Ost-West-Schnitt" lasse sich nicht mehr ziehen. Vielmehr sei auch innerhalb der westdeutschen Flächenländer ein enormes Armutsgefälle zu beobachten. So habe etwa Bayern Problemregionen wie Hof mit einer Quote von 13,3 oder der Oberpfalz mit 12,7 Prozent, während der Landesdurchschnitt im Freistaat bei 4,4 Prozent liegt. Nach wie vor gebe es aber in den neuen Bundesländern noch mehr Armut als in den alten. Die Forscher sehen jedoch in einigen Teilen Ostdeutschlands einen positiven Trend, besonders im südlichen Thüringen und im Berliner Speckgürtel, wovon Brandenburg profitiert.

Schlusslicht ist wie bisher Mecklenburg-Vorpommern mit einer Quote von 22,4 Prozent, gefolgt von Bremen. Aus der Untersuchung geht hervor, dass sich die Armut nicht genauso entwickeln muss wie die Zahl der Hartz-IV-Empfänger (Grafik). So resultiere der Anstieg der relativen Armut in Berlin und Nordrhein-Westfalen "aus einer Zunahme der armutsnahen und armen Bevölkerung außerhalb beziehungsweise oberhalb des Hartz-IV-Bezugs", heißt es in der Studie. Schneider führt dies unter anderem auf die Ausweitung des Niedriglohnsektors zurück. "Die Krankheit Armut ist resistent geworden gegen die Hauptmedizin wirtschaftliches Wachstum", sagte der Verbandschef. Der Markt sei in der Lage, Reichtum zu produzieren, könne jedoch nicht für einen Abbau der Armut sorgen.

Schneider forderte die Bundesregierung auf, mehr gegenzusteuern. Nötig seien Investitionen von etwa 20 Milliarden Euro jährlich, um den Sozialstaat zu erhalten, unter anderem für höhere Hartz-IV-Sätze. Im Gegenzug müsse die Koalition Vermögende stärker zur Finanzierung der Lasten heranziehen und Erbschaften, große Vermögen und hohe Einkommen stärker besteuern.