Arm und Reich Die andere Seite der Münze

Oxfam behauptet: Die acht Reichsten haben mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Doch Oxfam geht unseriös mit Zahlen um. Gleichwohl gilt aber auch, dass die Ungerechtigkeit in der Verteilung zum größten Problem liberaler Gesellschaften wird.

Von Jan Willmroth

Die Welt schaut nach Davos, das Weltwirtschaftsforum findet statt, es versammeln sich Unternehmenslenker und Superreiche, Wissenschaftler Staats- und Regierungschefs aus allen Teilen der Erde, um die wichtigen Themen dieser Zeit zu diskutieren. Würde man die Teilnehmer - unter ihnen etliche Milliardäre - nach dem ihrer Meinung nach bedeutsamsten Thema fragen, würde man wohl häufig hören: die soziale Gerechtigkeit, in der Welt und national. Ungleichheit ist in den vergangenen Jahren zu einem Leitthema geworden.

Mit verantwortlich für diese Sensibilität ist die Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam. Jedes Jahr veröffentlicht sie zum Auftakt des Treffens der Macht- und Geldelite eine Studie, die belegen soll, wie sich der Reichtum in den Händen weniger Menschen konzentriert. Acht Männer besäßen zusammen mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, hieß es diesmal. Es herrsche noch mehr Ungleichheit als zuvor angenommen. Es ist das alte Lied: Wer hat, dem wird gegeben, die Armen bleiben arm.

Die Schlagzeile wirkte, die horrenden Zahlen verbreiteten sich in Windeseile - nur sind diese Zahlen mit ziemlicher Sicherheit falsch. Oxfam vermischt eine Studie der Schweizer Bank Credit Suisse, in der globale Nettovermögen geschätzt werden - Vermögen minus Schulden - mit der Liste der reichsten Menschen der Welt des US-Magazins Forbes. Die Datengrundlage ist in jeder Hinsicht ungenau. Verschuldete Hauskäufer in Deutschland gelten gemäß der Credit-Suisse-Studie gar als arm; die Forbes-Zahlen sind nicht verlässlich, es handelt sich um grobe Schätzungen. Und so ist die Oxfam-Erhebung nicht verlässlich. Mit einer ordentlichen wissenschaftlichen Untersuchung hat sie nichts zu tun.

Wer Reiche anprangert, wühlt auf. Gerechtigkeit entsteht so nicht

Oxfam weiß das, aber verkauft seine Schlagzeile dennoch, als handle es sich um Fakten. Während zum Auftakt der Ära Trump täglich das Verhältnis von Wahrheit und Unwahrheit diskutiert wird, ist das Gebaren dieser großen Hilfsorganisation unseriös.

An der Bedeutung des Themas ändert es aber nichts. Mit den politischen Umwälzungen in Teilen der westlichen Welt lässt sich nur dann richtig umgehen, wenn die soziale Ungleichheit als Ursache richtig verstanden wird. Die Einkommen großer Teile der Bevölkerung Europas und Nordamerikas sind spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gewachsen oder sogar geschrumpft, während sich der Reichtum bei wenigen konzentriert. Die soziale Ungleichheit schürt zu Recht Misstrauen. Globalisierung und die digitale Vernetzung tragen nun massiv dazu bei, dass Zweifel wachsen und die Sorge um die persönliche Lebensperspektive steigt - ausgerechnet bei jenen, die das Fundament liberaler Demokratien bilden: die Angehörigen der Mittelschicht in Ländern wie Deutschland.

Wer jetzt seinen Zorn auf die wirklich sehr Reichen richtet, der ignoriert die gute Botschaft. Zu einer vernünftigen Debatte über Ungleichheit gehört nämlich auch die Erkenntnis, dass es heute viel weniger absolut Arme in der Welt gibt. In China, Indien oder Brasilien haben Menschen viel bessere Perspektiven als vor der Zeit der Globalisierung. Das erwähnt Oxfam nicht. Vielleicht ist diese Wahrheit zu komplex.

Bei aller Ungenauigkeit der Daten: Richtig ist es, die korrekten politischen Forderungen zu stellen. Konzerne sollten einem globalen Mindeststeuersatz unterworfen werden; es braucht eine schwarze Liste mit Steueroasen und Sanktionen gegen Steuerflucht; Unternehmensgewinnen müssen transparenter gemacht werden; die Vermögensteuer bedarf der Reform. Aber: Eine solide Wirtschaftspolitik setzt grundsätzlich eine solide empirische Arbeit voraus. Schlagzeilen allein haben die Welt selten gerechter gemacht.