Argentinien Gehen, um zu bleiben

Wenn die Argentinier am Sonntag einen Nachfolger für Präsidentin Cristina Kirchner wählen, endet eine Ära. Oder auch nicht: Die Staatschefin darf zwar nicht mehr antreten, mischt aber weiter kräftig mit.

Von Boris Herrmann, Buenos Aires

An einem sonnigen Oktobermorgen spaziert Cristina Fernández de Kirchner durch eine Lagerhalle. Kaltes Neonlicht scheint auf sie herab. Die Präsidentin Argentiniens schreitet etliche Regalmeter voller Pflegeprodukte ab. Schließlich bleibt sie vor einem kleinen Tischchen stehen, auf dem Shampoos, Haartönungen und Feuchtigkeitscremes drapiert wurden. Kirchner lächelt in die Kamera eines staatstreuen Fernsehsenders, dann schnappt sie sich eine goldfarbene Shampooflasche und hält sie wie einen Pokal über ihren Kopf. Applaus!

Im Hintergrund jubeln etwa 1000 Kirchner-Fans, die in Bussen in dieses Industriegebiet am Rand von Buenos Aires gekarrt wurden. Die Präsidentin ist gekommen, um eine neue Produktlinie der Firma L'Oréal zu eröffnen. Es geht um ihre Lieblingsthemen, um die Autarkie der nationalen Industrie, um die Selbstheilungskräfte der argentinischen Wirtschaft. Dass in diesem Fall die heilsamen Investitionen von einem französischen Weltkonzern kommen, ist ein kleiner Widerspruch, den die Präsidentin mit keinem Halbsatz würdigt. Sie ruft: "Argentinien ist jetzt eines von sieben Ländern, in denen Haartönungen von höchster Qualität produziert werden." Applaus, Applaus!

Es ist Wahlkampf. Kirchner kämpft mit allen Mitteln und Pflegemitteln, obwohl sie gar nicht mehr zur Wahl steht. Die argentinische Verfassung erlaubt maximal zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten. Am Sonntag wird ein neuer Präsident gewählt. Cristina Kirchner, 62, hat dann noch bis Dezember Zeit, um ihren Schreibtisch in der Casa Rosada zu räumen. Dann endet eine Ära, zwölf Jahre Kirchnerismus. Die spannende Frage ist: Was kommt danach?

Der erklärte Wille der scheidenden Präsidentin ist, dass es genau so weitergeht. Sie erweckt dieser Tage ohnehin nicht den Eindruck, als sei sie auf Abschiedstournee. Sie ist im ganzen Land unterwegs und verkündet, so oft es geht: "Dieses Projekt, das er begonnen hat, darf nicht abgebrochen werden!" Er, damit ist natürlich Néstor Kirchner gemeint.

Sie hatten sich das so schön ausgedacht. Der Gatte trat 2007 nach einer Amtszeit für die Gattin ab, 2011 wäre dann wieder der Gatte dran gewesen, 2015 erneut die Gattin, und so weiter. In diesem Wechselspiel hätte das Ehepaar Kirchner ewig regieren können, verfassungskonform. Das Problem ist, dass Néstor Kirchner 2010 starb. Kirchnerismus ohne die Kirchners, das ist jetzt der Plan B. Das mag absurd klingen, allerdings hat der Peronismus auch schon über 40 Jahre ohne Juan Perón durchgehalten. Der Peronismus ist bis heute die prägende politische Kraft Argentiniens, obwohl die Bewegung vielfach zersplittert ist. Es war einmal die Grundidee einer sozial gerechten Gesellschaft, eines Mittelweges zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Heute ist davon vor allem noch die heldenhafte Verklärung des Namensgebers übrig.

Der Favorit muss bangen

Daniel Scioli, der Präsidentschaftskandidat des peronistischen Regierungsbündnisses Front für den Sieg, führt in allen Umfragen deutlich vor seinem härtesten Konkurrenten, dem liberal-konservativen Maurício Macri. Demnach wollen etwa 40 Prozent der Argentinier am Sonntag für Scioli stimmen, der zuletzt Gouverneur der Provinz Buenos Aires war, und knapp 30 Prozent für Macri, den bisherigen Bürgermeister von Buenos Aires. Etwa 20 Prozent der Befragten sprechen sich für Sergio Massa aus, einen ehemaligen Anhänger Cristina Kirchners, der inzwischen seine eigene Partei gegründet hat. Wegen des komplizierten Wahlsystems ist das Rennen dennoch offen. Um im ersten Wahlgang zu gewinnen, braucht Scioli entweder 45 Prozent der Stimmen oder mindestens 40 Prozent - wenn der Abstand zum nächsten Bewerber zehn Prozentpunkte beträgt. Andernfalls gibt es am 22. November eine Stichwahl. Die könnte Scioli gefährlich werden, weil nicht klar ist, wohin die Stimmen des Drittplatzierten wandern würden. Umfragen zufolge wird es dann spannend, wenn der Außenseiter Massa überraschend die Stichwahl erreichen sollte. Er spricht Peronisten an, die vom Kirchnerismus enttäuscht sind. Boris Herrmann

Was den Kirchnerismus ausmacht, was ihn von anderen Spielformen des Peronismus unterscheidet, das ist eine Frage der Perspektive. Personenkult, Klüngel und Protektionismus, wettern die einen. Ein Vorzeigeprojekt für einen funktionieren-den Wohlfahrtsstaat, eine Alternative zum internationalen Finanzkapitalismus, jubeln die anderen. Wer wo steht, das hängt vor allem mit der sozialen Herkunft zusammen. Die größtenteils wohlhabenden Kritiker verschaffen sich in den Medien mehr Gehör. Die tendenziell armen Claqueure bilden in Argentinien aber eine strukturelle Mehrheit. Darauf gründen sich die Überlebenschancen des Kirchnerismus.

Sie tritt mit dem Kandidaten ihrer Partei auf, Daniel Scioli. Doch die Show gehört nur ihr

Der Wahlkampf in Argentinien erhält seine besondere Note durch ein Gesetz, das sich "la veda" (die Schonzeit) nennt. In den letzten zehn Tagen vor der Abstimmung gelten strenge Auflagen für öffentliche Auftritte der Kandidaten. Sie dürfen beispielsweise keine Steuersenkungen oder teuren Sozialprogramme mehr versprechen. Und die Präsidentin darf sich eigentlich auch nicht in die Kampagne einmischen. Aber Kosmetikfirmen darf sie natürlich eröffnen, auch Schwimmbäder und Umgehungsstraßen. Es wird deshalb einiges eröffnet in den letzten Tagen des real existierenden Kirchnerismo. In die Lagerhalle mit den Shampoos hat die Staatschefin die gesamte Führungsriege ihrer Regierungspartei "Front für den Sieg" (FPV) mitgebracht. Die Show gehört allerdings nur der Frau mit dem Mikrofon. "Argentinien regieren, das kann nicht jeder", verkündet Cristina Kirchner.

Damit nimmt sie zumindest billigend in Kauf, dass sich der griesgrämig dreinblickende Mann neben ihr angesprochen fühlt, der wie ihr Leibwächter aussieht. Es handelt sich um den ehemaligen Rennboot-Weltmeister Daniel Scioli, 58, den Präsidentschaftskandidaten der FPV, den Favoriten für die Wahl am Sonntag. Kirchner geht mit keinem Wort auf ihren mutmaßlichen Nachfolger ein, wenn man mal von dem Satz absieht: "Wir müssen jenseits persönlicher Antipathien immer daran denken, was wir in all diesen Jahren erreicht haben."

Scioli hat versucht, ein eigenes Profil zu entwickeln als gemäßigter Peronist. Auch deshalb die Antipathien. Aber je näher der Wahltag rückt, desto offensichtlicher kehrt er in den Schoß der Präsidentin zurück. Die Annahme, ganz Argentinien würde erleichtert aufseufzen, wenn Cristina Kirchner abtritt, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Ihre Zustimmungswerte liegen konstant über 50 Prozent, zum Ende ihrer Amtszeit sind sie eher noch gestiegen. Scioli hat verstanden, dass er sich wohl oder übel von ihrem Ruhm etwas abzwacken muss, wenn er diese Wahl gewinnen will.

Glühende Verehrung: T-Shirt-Aufdruck mit der früheren argentinischen First Lady Eva Péron.

(Foto: Juan Mabromata/AFP)

Kirchner nutzt das, um sich ihren Einfluss nachhaltig zu sichern. Eines der größten Rätsel, das sie hinterlässt, ist die Frage, weshalb sie es versäumte, rechtzeitig einen Präsidentschaftskandidaten ihres Vertrauens aufzubauen. Jetzt muss es also über Umwege gehen, mit strategischer Postenvergabe. Falls Scioli gewinnt, wird Carlos Zannini sein Vizepräsident, ein enger Freund und Weggefährte des Kirchner-Clans. Für Kirchners Chefideologen Axel Kicillof, bislang Wirtschaftsminister, ist bereits der Posten des Präsidenten der Haushaltskommission reserviert. Das ist eine Schlüsselfunktion im scheinbar unendlichen Schuldenstreit mit US-amerikanischen Hedgefonds, die Kicillof konsequent als "Aasgeier" bezeichnet. Dessen Karriere begann als Aktivist der Jugendorganisation La Cámpora, einer Mischung aus Kaderschmiede, Geheimbund und Sekte des Kirchnerismus. Mit deren Anführern hat Cristina Kirchner bereits in den vergangenen Jahren ihre wichtigsten Entscheidungen abgestimmt - keineswegs mit ihrem Kabinett oder dem Parlament. Für die Zeit ihrer politischen Frühverrentung setzt sie nahezu alles auf die informelle Herrschaft der Camporistas, die sie gerne als "meine kleinen Soldaten" bezeichnet. Der Anführer ist nicht ganz zufällig ihr Sohn Máximo, den die Mama auch im Wahlkampf für einen Parlamentsposten nach Kräften unterstützt.

Im staatlichen Vergnügungspark lernen die Kinder, wie mit Staatsfeinden umzugehen ist

Máximo Kirchner, 38, gilt im Gegensatz zu seiner Mutter als extrem medienscheu. Seine kleinen Soldaten kann man aber an fast jeder Straßenecke in Buenos Aires bei der Basisarbeit treffen. Obwohl die Cámpora erst 2006 gegründet wurde, hat sie bereits 30 000 Mitglieder und etwa genau so viele aktive Sympathisanten. Die engagieren sich nicht nur in den organisierten Fanblöcken bei den Reden der Präsidentin, sondern auch als Sozialarbeiter. So wie Federico Veliz, 23, Psychologiestudent. Je-den Freitag gibt er im Stadtteil Palermo Malstunden für Kinder, ehrenamtlich natürlich. Veliz sagt: "Das ist meine Art, die Gesellschaft zu verändern." Die Kinderschüler interessieren sich noch nicht für diese Gesellschaft, sie malen Bäume und Enten. Aber wenn sie ein bisschen größer sind, dann besuchen sie vielleicht einen Cámpora-Gitarrenkurs oder einen Cámpora-Bingoabend. Und irgendwann werden sie von Veliz vielleicht Sätze wie diesen hören: "Man kann den Peronismus nicht erzählen, man kann ihn nur fühlen." In den Stadtteilbüros der Cámpora hängen Riesenposter, auf dem Juán und Eva Perón sowie Néstor und Cristina Kirchner zu sehen sind. Darüber steht: "yo creo", ich glaube.

Federico Veliz glaubt auch fest daran, dass die Ära der Heiligen Cristina von Patagonien nicht endet, nur weil am Sonntag gewählt wird. "Sie wird immer unsere Anführerin sein", sagt er. Und Scioli? Den er hält von allen Kandidaten für das geringste Übel. Mehr nicht. Scioli hat zumindest angedeutet, dass er sich um eine bessere Beziehung zu den USA und zu den globalen Finanzmärkten bemühen wird, dass er mit den sogenannten Geierfonds eine Verhandlungslösung im Schuldenstreit anstrebt. So etwas gilt unter glühenden Kirchneristen als Landesverrat.

Wie mit Geiern und anderen Staatsfeinden umzugehen ist in Argentinien, das lernen Kinder und Jugendliche in Tecnópolis. Auf einem alten Militärgelände von Buenos Aires hat die Regierung Kirchner diesen Vergnügungspark errichtet. Jedes Ministerium betreibt einen Pavillon. Die neueste Attraktion ist ein Videospiel auf Großbildleinwand, das Axel Kicillofs Wirtschaftsministerium hinterlässt. Das Spiel nennt sich: "Fuera Buitres", Geier raus. Man muss die Vögel mit Steinschleudern abschießen. Bevor der Spaß beginnt, heißt es: "Bereite dich darauf vor, das Vaterland gegen die Geierfonds zu verteidigen." Propaganda zum Mitmachen.

Auch in diesem Vergnügungspark sind Cristina Kirchner und Daniel Scioli dieser Tage gemeinsam aufgetreten. Es war wie immer: Die Frau, die geht, um zu bleiben, redete. Der Mann, der das Erbe verwalten soll, saß daneben. "Wir brauchen Kontinuität", rief die Präsidentin. Dazu beklatschte sie sich selbst. Sie klatscht ohnehin ständig in diesen Tagen, sei es im Takt der Wahlkampfhymne oder einfach so, um das Publikum mitzureißen. Daniel Scioli kann nicht klatschen. Seit einem schweren Rennbootunfall hat er nur noch einen Arm.