Mord an Mireille Knoll Es zieht einem das Herz zusammen

Trauermarsch durch Paris für die Holocaust-Überlebende Mireille Knoll, die nur deshalb ermordet wurde, weil sie jüdisch war.

(Foto: AFP)

Frankreich gedenkt der ermordeten Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll. Vom Trauermarsch ausgeladen sind die Rechte Le Pen und der Linke Mélenchon - zu Recht.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

Mireille Knoll wohnte in einem bescheidenen Mietshaus. 60 Jahre hat sie dort gelebt, sie hat dort ihre Kinder großgezogen, dort haben sie ihre Enkel besucht. Und dort hat sie auch immer wieder den Mann zum Kaffeetrinken eingeladen, der nun im Verdacht steht, sie brutal ermordet zu haben.

Der Mann, der allem Anschein nach eine 85-jährige Parkinsonkranke mit mehr als elf Messerstichen traktierte und anschließend ihre Wohnung in Brand setzte. Ihren Verwandten bleiben keine Fotos, keine Briefe, die Halt geben können.

Alles deutet darauf hin, dass Knoll sterben musste, weil sie Jüdin war. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem antisemitischen Verbrechen. Knoll entkam der Judenverfolgung des Vichy-Regimes, ihr vor 15 Jahren verstorbener Ehemann überlebte Auschwitz. Es zieht einem das Herz zusammen. Als habe sich die Barbarei dieser alten Dame unausweichlich an die Fersen geheftet.

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Nur ist dieser Mord eben nicht unausweichlich. Er ist das Resultat antisemitischer Tiraden. Der Nordosten von Paris, wo auch Knoll lebte, nimmt traditionell die Einwanderer der Stadt auf. Hier haben nach dem Algerienkrieg Juden aus Nordafrika ihre Heimat gefunden, hierher ziehen heute arabische Muslime.

Dieses über Jahrzehnte friedliche Miteinander ist für Juden gefährlich geworden, seit Salafisten Nachbarn gegen Nachbarn hetzen. Der Mord an Knoll ist die jüngste Eskalation eines lange ignorierten Problems. Jüdische Vereine erzählen von Patronenhülsen in Briefkästen, von Beleidigungen im Treppenhaus, von Schikane, die auch vor Kindern nicht haltmacht.

Wie immer, wenn ein Verbrechen die Oberfläche der Zivilisation zerreißt, ist der Ruf nach Harmonie groß. Die Republik müsse zusammenstehen, heißt es. Um das Grauen kleinzuhalten, soll eine Einheit beschworen werden, die es so nicht gibt.

Das Frankreich eines Katholiken ist nicht dasselbe Frankreich, in dem ein Jude oder ein Muslim lebt. Die selbstverständliche Sicherheit der Mehrheit kennen die Minderheiten nicht.

Le Pens Hass auf Muslime wird den islamistischen Judenhass nicht beenden

Das hat der Dachverband der Juden Frankreichs nun in Erinnerung gerufen. Er hat Marine Le Pen und ihren rechtsradikalen Front National und Jean-Luc Mélenchon und seine linke France Insoumise von dem Trauermarsch ausgeladen, der zu Knolls Haus ziehen sollte.

Le Pen, weil sie von Geld und Geist einer Partei getragen wird, die seit Jahrzehnten den Judenhass der Gesellschaft befeuert. Mélenchon, weil er Gruppen unterstützt, die zum Boykott Israels aufrufen.

Der Front National empört sich nun über eine Spaltung des Landes. Ausgerechnet die Partei, deren Strategie es ist, große Teile der Gesellschaft aufgrund ihrer Herkunft oder Religion zu Unerwünschten zu erklären.

Eine Le Pen, die im Gedenken an Mireille Knoll durch Paris marschiert, das ist kein Friedensangebot an die Juden, das ist eine Kampfansage an Muslime. Ja, Frankreich hat ein massives Problem mit islamistischem Judenhass. Nein, Le Pens Hass auf Muslime wird dieses Problem nicht lösen.

Es ist beruhigend, dass der Mord an Knoll, anders als viele antisemitische Übergriffe vorher, beachtet wird. Die Bürgermeisterin von Paris und Mitglieder der Regierung werden Blumen niederlegen. Es wäre noch beruhigender, wenn nun nicht Antisemiten und Rassisten jeder Couleur den Mord nutzen würden, um sich von ihrer Schuld reinzuwaschen.

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